Kurze Prozesse



Das Flammenschwert

Dies ist eine Geschichte mehr über Kinder als für Kinder: die Vertreibung aus dem Paradies der Schuldlosigkeit.

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Das Flammenschwert

#1 Urwald

Scham. Wut – auf alles. Und natürlich Ekel: Der Tümpel, faulig stinkend und überwimmelt von Blut witternden Mücken. Die Katze: halbverwest schon, grün glitzernde Fliegen statt Augen in den Höhlen. Diese fahle Fratze plötzlich über dem Zaun, ihr Gestammel: drohend, drängend, erbärmlich. Das Brombeergestrüpp: Einmal stolperte ich mitten hinein, meine Arme waren verkratzt, die Beine zerschunden.

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#2 Merkwürdige Umstände

In den Fünfzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts soll es in Hamburg – und in den meisten deutschen Großstädten – ausgedehnte Laubenkolonien gegeben haben, besonders in Niendorf, am Rande des Flugplatzes, aber in dem Jahr, von dem ich rede, neunzehnhundertzweiundneunzig, waren Schrebergärten wahrscheinlich schon seltener als Millionärsvillen.

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#3 Und dann?

Tante Stine gehörte zu den Frauen, die sich eines Tages vor dem Spiegel zu der Einsicht durchquälen: ‚Schön werd’ ich doch nie. Jetzt kann es bloß noch darum gehen, nicht auch noch unscheinbar rumzulaufen‘: eine hasserfüllte Absage an die graue Maus, die in jedem von uns schlummert. Ihr Haar hätte nicht röter sein können, aber wesentlich kürzer.

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#4 In die Nesseln

Als die Sonne schon hochstand, trat Tante Stine wieder aus ihrem Haus. Beim Näherkommen verdeckte sie es fast, jedenfalls aus meiner Sicht. Ihre Lippen hatten als Blickfang eine bemerkenswerte Konkurrenz bekommen: türkisfarbene Lidschatten. Wenn Tante Stine der Meinung war, dass die Entsagungen einer Abmagerungskur nicht genügend durch die gesteigerte Zuneigung ihrer Mitmenschen entlohnt werden würde, so drängte sich zwangsläufig die Frage auf, wessen Gunst sie am späten Vormittag durch diesen Augenputz erringen wollte.

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#5 Glitzernde Bögen

Der altgediente Briefträger kam mit seinem Fahrrad angeschoben. Er nickte mürrisch, es war deutlich zu sehen, daß er Tante Stine nicht mochte. Dafür gab es sicher reichlich Gründe, einer davon war vermutlich ihr ungestümer Garten, ein anderer, daß er bloß ihretwegen den Umweg von der Straße her machen mußte.

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#6 Der Druck im Innern

An diesem schwülen Sommermittag waren wir beeindruckt. Heute weiß ich, dass Tante Stine nicht recht hatte: Die Zunge ist keine Strafe Gottes, sie ist auch nicht die gespaltene Waffe der Schlange – die Zunge ist ja bloß das Ausscheidungsorgan des Hirns, das seine Gedanken loswerden muss.

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#7 Nirgendwo her, nirgendwo hin

Tante Stine setzte sich. Wir blieben andächtig stehen. Boris überwand seine Hemmungen als Erster: „Was hast du ihm gegeben?“ „Zwanzig Mark“, sagte Tante Stine. „Zwanzig Mark!“, wiederholte ich ehrfürchtig. „Was kauft er sich dafür?“ „Vergessen“, antwortete Tante Stine.

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#8 Was sich nicht gehört

Unsere Wohngegend war nicht die beste, aber unsere Eltern hatten uns, vielleicht als Gegengewicht zu der Umgebung, zur Höflichkeit erzogen, besonders, wenn wir etwas nicht wollten. ‚Wie sagt man?‘ war die meist gestellte Frage, die wir von unseren Eltern zu hören bekamen – immer wenn wir ein ‚Danke‘ oder ein ‚Bitte‘ vergessen hatten oder wenn wir einen Ausdruck, den wir da draußen in der Welt aufgegabelt hatten, benutzten, der aber nicht in unsere Wohnstube passte.

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#9 Versteckenspielen

Ein Rabe flog krächzend auf, es war, als ob ein Zauber zerbräche. Für wie lange? Für immer? Eintauchen, untertauchen. Manchmal fängt es erst da wirklich an, wo man meint, es sei zu Ende. Was gab es, wofür wir Tante Stine brauchten, wenn wir es wirklich gewollt hätten? Und wofür brauchte sie uns?

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#10 Sonst ist es aus!

Tante Stine streichelte Steffi wieder über das Haar, dann setzte sie sich mit der gebotenen Vorsicht auf ihren Gartenstuhl zurück. „Es ist so schön mit euch“, sagte sie, „und wir haben Wochen vor uns – Wochen!“ ––Wir setzten uns zu ihr. ––„Tante Stine!“, Boris sah ihr tief ins Gesicht, „was machst du eigentlich die ganze Zeit, wenn wir nicht da sind?“

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#11 Wut, Scham und Ekel

Vorige Woche bekam ich dann die Nachricht, dass sie sich umgebracht hat. Da hat es mich gepackt. Ich hab losgeheult und konnte gar nicht mehr aufhören. Dabei hatte ich mir vorher die ganze Zeit über eingeredet, sie sei sicher längst tot. Wieso eigentlich? Schuldgefühle? Derart lange noch leben zu müssen! Unter solchen Umständen!

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Der grausame Garten

Es gibt Türen, an denen man nicht klingeln sollte …

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Der grausame Garten

#1 Der Mann

Es war heiß, sehr heiß, und er fürchtete, dass er anfangen würde zu schwitzen und dass sein Schweiß als Schwäche gedeutet werden könnte: Angst. Er war ein Haus weiter gegangen, um seinen Trick dort zu wiederholen. Danach wollte er Schluss machen für heute.

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Der grausame Garten

#2 Der Garten

Er ging die Treppe wieder herunter und folgte dem Weg, der zur rückwärtigen Front des Hauses führte. Zwischen die zerbrochenen Steinplatten hatten sich Gras und Unkraut gedrängt. Er musste gebückt gehen, um den tief herabhängenden Ästen auszuweichen. Dennoch schlugen ihm stachelige Zweige ins Gesicht, Dornen ritzten seine Haut.

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Der grausame Garten

#3 Die Frau

Die Frau, die im Haus auf ihrem Bett lag, war erleichtert, als die Schreie verstummten. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie gewartet. Immer hatte sie gehofft, er würde zurückkehren. Zunächst, um ihm zu verzeihen, später, um ihn zu vernichten.

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Die Hostie

Was ist, wie es scheint, erregt wenig Aufsehen. Hier wird ein Puzzle zusammengesetzt, dessen Einzelteile Rätsel aufgeben.

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Die Hostie

#1 – Warteraum

Als ich drei Jahre alt war, bekam ich eine Gehirnhautentzündung. Seither bin ich taub. An Klänge erinnere ich mich überhaupt nicht. Geräusch – Stimme – Musik: Das sind nur Worte für mich. Ich habe mich daran gewöhnt. Was sonst?

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Die Hostie

#2 – Weinbrand

Eine Frau kam durch die Schwingtür, von der Bahnhofshalle her. Sie war mittelgroß und hatte kurzgeschnittenes, dunkles Haar. Eine große, dunkle Sonnenbrille, zu groß für das Gesicht, einen energischen, sorgfältig ausgemalten Mund, einen sportlich-eleganten sandfarbenen Rock ...

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Die Hostie

#3 – Salz

Sie begann, das Eigelb und die Zwiebel unter das Tatar zu mischen. „Sehen Sie, wenn Sie einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck machen würden, dann würde ich nur schnell mein Brot essen, meinen Kaffee trinken, aufstehen und weggehen. Aber, verzeihen Sie meine Offenheit, Sie wirken, als brauchten Sie Hilfe, Hilfe und Schutz.

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Die Hostie

#4 – Marihuana

Sie aß das Brot in großen Bissen. „Auf Boulevard-Zeitungsformat gestutzt könnte ich über meine Ehen sagen: Meinen ersten Mann habe ich geheiratet, weil ich ihn bewundert habe. Geliebt habe ich ihn nicht.“

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Die Hostie

#5 – Obst und Südfrüchte

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück vom Büfett mit dem Cognac-Schwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach, hoch oben, ließ milchig-trübes Licht herein, das von den Neonlampen ausgetilgt wurde, bevor es die Tische erreichte.

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Die Hostie

#6 – Kaffee

Wohlverwahrt lag diese Geschichte in meinem Schreibtisch, als Bestandteil meiner Sammlung von Schicksalen. Das Mädchen war tot. Die Frau war belehrt.

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Die Hostie

#7 – Tabasco

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich jemanden beneiden könnte. Niemals. Und jetzt beneide ich dieses Mädchen mir gegenüber um ihre Sorgen – und um ihre graue, hoffnungslose Jugend. Vielleicht könnte ich ein Gespräch mit ihr anfangen, damit ich nicht so armselig hier herumsitze. Der Zug fährt ja erst in einer Stunde ...

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Die Hostie

#8 – Curry

Der Blick des Mädchens wurde immer unwilliger, aber das schien der Frau gar nicht aufzufallen, ihr Vortrag ging weiter. „Es hat doch keinen Sinn, dass alle Frauen denken, sie könnten wie Claudia Schiffer oder wie Rosa Luxemburg sein, wenn sie sich ein bisschen anstrengten. Das macht sie doch bloß unglücklich. Alle Männer werden ja auch nicht Reinhold Messner ...

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#9 – Silberdose

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück mit dem Cognacschwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach hoch oben ließ milchig-trübes Tageslicht herein ...

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#10 – Fruchtsaft

Die Frau trank ihr Glas leer. „Gott wird mir schon verzeihen, ich habe ja sonst nicht viel Schlimmes angerichtet und bin jeden Sonntag brav mit der Familie in die Kirche gegangen, um das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Wenn er es so weit mit mir treibt, dass ich es nicht mehr aushalten kann – zack! Vorbei: mein erstes und mein letztes Aufbegehren gegen seinen weisen Ratschluss ...“

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Die Hostie

#11 – Bier

Und dieses Mädchen saß mir nun gestern gegenüber. „Wie ist es für Sie weitergegangen?“, fragte ich. „Komischerweise hatte sie vollkommen recht“, sagte das Mädchen. „Mein Freund war wirklich mit dem Auto losgefahren, um mich abzuholen. Unterwegs wurde er in einen Unfall verwickelt ...

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Innocentia-Park

Weihnachtszeit ist Kinderzeit. Kinder haben es noch nicht verlernt, sich zu freuen. Nach der sommerlichen Kindererzählung ‚Das Flammenschwert‘ hier eine winterliche. Und für Misstrauische: Sie ist sehr, sehr anders.

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Innocentia-Park

#1 Die nächste Biegung

Schwups! Da war sie wieder. Eben noch war Margareta in der Welt gewesen, in der sie fliegen konnte und in der sie schön war, in der sie sich auskannte und in der sie sich zu Hause fühlte, und jetzt lag sie flach auf dem Bauch in ihrem Bett in der Welt, die ‚die richtige‘ hieß, ganz so, als ob ihre Traumwelt falsch wäre.

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#2 Eine Flamme zwischen den Fingern

Margareta wurde müde. Sie legte sich zurück ins Bett und schlief sofort ein. „Margareta, wach auf! Der Nikolaus war da!“, sagte Hedwig, das Dienstmädchen. In Margaretas Stiefeln lagen Marzipanfrüchte und Schokoladennüsse in Goldpapier. Pech! Nun würde es ein ganzes Jahr dauern, bis Margareta wieder versuchen konnte, die Wahrheit über den Nikolaus herauszufinden.

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#3 Anders

„Wir sollten auch an die denken, denen es weniger gut geht als uns“, sagte die alte Frau Leseberg, „gerade jetzt!“ „Meinst du Janos?“, fragte Kai. „Zum Beispiel“, sagte seine Großmutter, sie fühlte sich durch seinen konkreten Bezug etwas gestört in ihrer Andacht. „Oder seine Familie“, sagte Margareta, „die mussten doch fliehen.“

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#4 Mmmh …!

Margareta war den Tränen nahe. Sie starrte auf die drei brennenden Kerzen, keine davon hatte sie angezündet. Im letzten Augenblick hatte sie plötzlich wieder Angst bekommen, nicht so sehr vor der Flamme als davor, selber das Feuer zu entfachen. Sie hatte ihren Stuhl so weit wie möglich weggeschoben vom Tisch, weil sie den Gästen bestimmt nicht zu nahe treten wollte.

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#5 Rechtsempfinden

„Anna Seghers, diese alte Hexe, hat der neuen ungarischen Marionettenregierung zur Niederschlagung der Konterrevolution gratuliert. Ich unterrichte Deutsch und Geschichte, Anna Seghers werde ich niemals durchnehmen.“ Margareta fragte sich, was Janos’ Schülern da wohl erspart bliebe, sie mochte auch keine Hexen, nicht mal im Märchen.

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#6 Bruchrechnung

„Möchte noch jemand Tee?“, fragte die junge Frau Leseberg. Nacheinander hielten alle ihre Tassen hin wie zur Schulspeisung. Ihr Kakao hatte eine Haut bekommen, vor der sich Margareta ekelte, aber da niemand sie beachtete, war es kein Problem, diese Haut mit dem Zeigefinger abzuheben und in der Papierserviette mit Tannenzweigaufdruck verschwinden zu lassen.

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#7 Oben und unten

Siebenmal ‚werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag!‘ Eva hatte die Haare straff zurückgekämmt und hinten zum Pferdeschwanz gebunden. Nun sah sie wirklich ein bisschen wie eine Lehrerin aus: strenger, erwachsener, aber auch edler.

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#8 Rüdiger und Julia

Auf der Treppe sagte Eva leichthin: „Grüß deinen Bruder von mir! Er soll nicht so schüchtern sein.“ Margareta kamen diese zwei Sätze wichtiger vor als alle Bruchrechnung. „Ich werde es ihm gleich sagen.“ Eva merkte, wie viel besser Margareta diese Aufgabe gefiel als alle vorigen und sagte: „Ach nein, lass das lieber! Sonst kommt er noch auf dumme Gedanken.“

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#9 Jenseits von Eden

Fünfmal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag! „Worauf es ankommt beim Bruchrechnen, das ist, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden“, sagte Eva, „verstehst du?“ Margareta überlegte, ob Nicken schon eine Lüge war.

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#10 Der kleinste gemeinsame Nenner

Margareta war etwas benommen. Das Wort ‚lieb‘ hatte ganz anders geklungen als vorgestern bei ihrer Mutter. Langsam ging Margareta die Treppe nach oben und klopfte an die Tür ihres Bruders. „Komm rein!“, rief er. Kaum war sie ins Zimmer getreten, da fuhr er sie an: „Bist du verrückt geworden?“

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#11 Der Ausbruch

Dreimal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag! „Und jetzt zwei Siebtel und vier Neuntel“, sagte Eva. „Wann braucht man denn das?“, fragte Margareta. „Ich weiß auch nicht“, sagte Eva, „es ist ja nur ein Beispiel, zur Übung.“

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#12 Das Mädchen, das verbrannt ist

Einmal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag! Es war fünf vor fünf. Großmutter und Mutter waren in der Küche, Großvater und Vater waren in der Bibliothek, Kai war in seinem Zimmer. Margareta nahm die Streichholzschachtel in die linke Hand, sie drückte die Schachtel mit dem Daumen auf, nahm ein Zündholz heraus und rieb den roten Zündkopf über die braune Seitenfläche.

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#13 Adventstee

Margareta begann zu weinen. „Da seht ihr, was ihr angerichtet habt!“, sagte die junge Frau Leseberg. „Komm, Margareta, komm her zu mir, es ist ja alles gut! Na, komm!“ Margareta trat an den Tisch und pustete mit einem heftigen Luftstoß alle vier Kerzen aus. „Margareta!“ Dann war es still.

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#14 Sibirien

Margareta blieb misstrauisch. Es hatte sich etwas verändert im Raum, und nichts daran war gut. Ihr Vater und ihre Großeltern sagten kein einziges Wort, aber Margareta sah, wie ihre Mutter ihnen einen ernsten Blick zuwarf.

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Judas

Ein Blick auf den Anfang von Jesu Ende, wie ihn der Vatikan bisher noch nicht geworfen hat.

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Judas

#1

‚Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man mußte opfern das Osterlamm. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf dass wir's essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, dass wir's bereiten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das Haus ...‘ ‚Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man mußte opfern das Osterlamm. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf daß wir’s essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wir’s bereiten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das Haus, [...]‘

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Judas

#2

Maria Magdalena schob ihren Kopf durch den Spalt. „Judas! Was willst du, mitten in der Nacht?“ „Lass mich ein. Bitte!“

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Judas

#3

„Hör zu! Ich erlaube dir nicht, so zu reden.“ Maria Magdalena war aufgebracht. „Du kommst zu mir mitten in der Nacht. Du bist verstört. Ich nehme dich auf. Wenn du müde bist, dann schlaf! Wenn du sprechen willst, sprich!“

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Judas

#4

„Und da kam Jesus. Er soll gesagt haben: ‚Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.‘ Seine Lehren sollten neu sein und tröstlich. Er brachte Menschen dazu, ihm zu folgen, ihr Leben zu ändern. Ich wollte ihn sehen.“

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Judas

#5

„Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich später geboren worden wäre. Dann hätte ich nur glauben müssen, was ich nicht zu sehen brauche. – Und doch habe ich an ihn geglaubt, auch so. Als Gott? Ich glaube, dass er glaubt, Gott zu sein. Doch ich hatte eine so ganz andere Vorstellung davon, wie Gott sein würde, wenn er leibhaftig zwischen uns tritt.“

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Judas

#6

Behutsam setzte sich Maria Magdalena auf den Rand des Bettes, dicht neben seinen Kopf. Er öffnete die Augen. Sein Blick tat weh. „Seit wann seid ihr wieder hier?“

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Judas

#7

„Wir saßen beisammen. Die Sonne war untergegangen, und die Hähne hatten aufgehört zu krähen. Petrus nickte beflissen zu allem mit dem Kopf, was Jesus sagte, ein richtiger Knecht, wie der HERR ihn braucht. Ich saß in der Ecke, etwas abseits und sah aus dem Fenster. Draußen war noch ein Leuchten, geheimnisvoll, unbestimmbar.“

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Judas

#8

„Am Montagmorgen gingen wir wieder nach Jerusalem. Am Abend vorher war die Lage schon bedrohlich geworden. Wir waren nur knapp davongekommen. Aber die Stadt zog Jesus an wie der Abgrund den Lebensmüden.“

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Judas

#9

„Jesus saß im Garten unter einem Myrthenstrauch. Die anderen waren bei ihm. Er sah auf, als ich durch das Tor trat, und in seinem Blick lag Misstrauen, zum ersten Mal. Niemals hatte mir ein Blick so weh getan.“ Judas schwieg.

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Regen in der Wüste

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Regen in der Wüste

#01 | Ein Lebensmüder

Montag, fünfundzwanzigster März neunzehnhundertachtundsechzig. Fastenzeit. „Ich ... Ich glaube, ich kann das Leben nicht mehr aushalten.“ „Das klingt schlimm. Sagen Sie mir, was Sie bedrückt!“ „‚Bedrückt‘? Der Druck bedrückt mich. Ich halte ihn einfach nicht mehr aus.“ „Was halten Sie nicht mehr aus?“ „Ich halte es nicht mehr aus, daran zu denken, dass ich noch so lange leben muss.“

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Regen in der Wüste

#02 | Ein Fremdkörper

Dienstag, sechsundzwanzigster März: Das war eigentlich noch ein ganz normaler Tag gewesen. Rückblickend gesehen vielleicht der letzte ganz normale Tag in ihrem Leben. Und doch war da schon zum ersten Mal dieses Gefühl von Bedrohung.

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#03 | Eine Urlaubsbekanntschaft

Der Würfelzucker fiel in die Tasse. Der Löffel stieß nach und stocherte in der braunen Flüssigkeit herum, bis der Klumpen zerstückelt war. Dann klirrte der Löffel auf die Untertasse. Zwei Finger mit sorgfältig lackierten Nägeln ...

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Regen in der Wüste

#04 | Der Sohn

‚„Er liebt mich nicht!“, sagte sie sich, während sie ihr Gesicht im Spiegel betrachtete. In den letzten Tagen war es noch schärfer geworden. „Er kann mich auch nicht lieben, wenn ich so aussehe!“, dachte sie dabei matt. Und fügte im gleichen Augenblick trotzig hinzu: „Er ist es nicht wert! Ich habe mir alles nur eingeredet.“‘

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#05 | Der Entlassene

„Ist dort die Telefon-Seelsorge?“ „Ja.“ „Guten Abend!“ „Guten Abend!“ „Also, ich habe da ein Problem, mit dem ich nicht fertigwerde. Ich bin vorige Woche aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich hab’ ein Jahr wegen Einbruch gesessen. Ich bin da in was reingeschlittert ... “

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Hanno Rinke

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