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Das Flammenschwert

#8 Was sich nicht gehört

Unsere Wohngegend war nicht die beste, aber unsere Eltern hatten uns, vielleicht als Gegengewicht zu der Umgebung, zur Höflichkeit erzogen, besonders, wenn wir etwas nicht wollten. ‚Wie sagt man?‘ war die meist gestellte Frage, die wir von unseren Eltern zu hören bekamen – immer wenn wir ein ‚Danke‘ oder ein ‚Bitte‘ vergessen hatten oder wenn wir einen Ausdruck, den wir da draußen in der Welt aufgegabelt hatten, benutzten, der aber nicht in unsere Wohnstube passte. ‚Wie heißt das?‘ Und dann drängten wir den gefährlichen neuen Ausdruck beiseite und gebrauchten artig wieder den, den diese vier Wände gewohnt waren.

„Ich durfte früher nie, was ich wollte“, sagte Tante Stine. „Ich hab mal mit eurem Großvater, meinem Bruder, darüber gesprochen, er hat das überhaupt nicht so empfunden. Dafür hab ich ihn verachtet. Aber das war ungerecht, denn später, viel später hab ich gemerkt, dass vieles, was ich nicht gedurft hatte, auch gar nicht wert war, gedurft zu werden. Heute weiß ich, dass es auch Verbote gab, für die ich dankbar sein sollte. Aber das nutzt mir nichts.“
––„Hattest du nie einen Mann?“, fragte Boris.
––„Wer Scheißesagen zulässt, muss auch auf solche Fragen gefasst sein“, dachte ich mir.
––Ein Flugzeug brauste durch die schrill-blaue Luft, eine machtvollere Antwort konnte es nicht geben, aber als das Tosen nachließ, fragte Boris noch einmal störrisch: „Hattest du nie einen Mann?“
––Ich bewunderte seinen Mut. Ich hätte mich nicht getraut, diese Frage zu stellen, geschweige denn, sie zu wiederholen, obwohl die Antwort auch mich interessierte, aber eben – schon damals – etwas weniger als Boris.
––Tante Stine sah in die Zweige. Ein Zitronenfalter glitt zittrig vorbei: so gelb, so gelb! Aus der Stille heraus war plötzlich das Summen der Insekten da, beschwingend – bedrohlich. Geblümter – gelber – lauter. Ich glaube, Wettbewerbe mochte ich schon damals nicht.
––„Doch. Ich hatte einen.“
––„Und wo ist er jetzt?“
––„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er tot ist.“
––Keinem von uns fiel dazu etwas ein.
––„Er ist schon sehr lange tot, seit über zwanzig Jahren.“
––„Woran ist er gestorben?“, fragte Boris.
––„Er hat für etwas gekämpft. Dabei ist er umgekommen.“
––Wir schwiegen. Die Insekten surrten schmerzhaft laut. Zwitschern tat auch irgendwas, etwas Unbenennbares. Amsel … Drossel … Fink … Star?
––„Und bist du immer noch traurig?“, fragte Boris.
––„Die Traurigkeit ist wie ein ganz großer Fleck Tomatensoße“, sagte Tante Stine, „er sitzt auf meinem Herzen, und nichts kann ihn rauswaschen. Man kann nur versuchen, nicht hinzusehen, mehr ist nicht möglich.“
––„Du kannst ein anderes Kleid anziehen“, schlug Steffi vor.
––Tante Stine lächelte und strich ihr über das Haar, wie alle Tanten das alle Jahrhunderte hindurch getan haben. „Wenn man mal an etwas geglaubt hat, wirklich geglaubt hat, dann kann mir das keiner mehr wegnehmen, keiner.“
––Wir spürten, dass es für uns nach wie vor nichts zu sagen gab.
––‚Etliche enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an zur Ehe unfähig sind; etliche enthalten sich, weil sie von Menschen zur Ehe untauglich gemacht sind; und etliche enthalten sich, weil sie um des Himmelreichs willen auf die Ehe verzichten. Wer’s fassen kann, der fasse es!‘1 So stand es in unserer Bibel. Also, zu der letzten Gruppe gehöre ich bestimmt nicht.“ Tante Stine seufzte, aber es klang nicht erschöpft. „Es ist doch komisch“, sie sah auf ihren Teller wie auf die Kugel einer Wahrsagerin, „als ich jung war, fanden die Revolutionen immer im Urwald statt: Kuba … Vietnam … Lateinamerika – ist das hier nicht ein winziger Urwald zwischen all den Wüsten? Es war das Grundstück seiner Eltern … Musste er wirklich so weit weggehen, um zu sterben?“

Steffi wurde unruhig. Instinktiv erfühlte sie wohl, dass sich hier eine Welt vor ihr auftat, für die sie noch nicht gewappnet war. Sie fing an, hin und her zu rutschen, als ob etwas sie juckte. Tante Stine merkte es gar nicht.
––„Ich wüsste so gerne, ob ich mehr verliebt war in seinen Körper oder in seinen Kampfgeist“, sagte sie, „in beidem lag so viel Entschlossenheit.“ Sie lächelte stumpf. „Ein Führer war er nicht. Ein Mitläufer auch nicht. Seine Träume hatten mehr Muskeln als seine Arme. Das hat ihn wohl das Leben gekostet.“
––‚Das Leben kosten‘ blieb für mich immer etwas Bedrohliches. Genascht habe ich nie mehr seither. Nur noch meinen Hunger gestillt.

Steffi wurde es zu viel. Oder zu wenig. „Fasst du mal bei mir unten an?“, fragte sie. Das Wort ‚Provokation‘ kannten wir damals alle drei noch nicht.
––Tante Stine schien aus einem anderen Garten zurückzukehren. „Was?“, fragte sie erschrocken, aber sie besann sich rasch. „Nein, das gehört sich nicht.“
––„Das gehört sich nicht?“, fragte Steffi ungläubig.
––„Ja, du hast recht“, sagte Tante Stine, „was sind das für Worte aus meinem knallroten Mund?!“
––In diesem Augenblick raste wieder ein Flugzeug an, der Krach war diesmal so ohrenbetäubend, dass er die Sinne kappte, es war, als ob man bei 140 Stundenkilometern den Kopf aus dem Zugfenster reckt.
––Als ich die Augen wieder öffnete, hatte Tante Stine gedankenverloren begonnen, Steffi zu kraulen. „Aus dir wird später sicher eine tapfere Frau werden“, sagte sie, „du weißt, was du willst, und du weißt, dass du es durchsetzen musst. ‚Aber Lust darf nicht alles sein‘ – dachte ich mal.“
––Steffi schloss die Augen und gluckste von Zeit zu Zeit genussvoll auf.
––„Das Kämpferische, das bleibt irgendwann auf der Strecke“, sagte Tante Stine, „aber das Wollen begleitet einen den ganzen Weg lang. Es ist eine Last, nur noch eine Last, mehr nicht.“
––Boris und ich beobachteten das Schauspiel, ohne uns unserer Gefühle sicher zu sein, auf die Worte achteten wir nicht. Trotzdem weiß ich sie noch. Oder ich habe sie mir inzwischen ausgedacht. Jedenfalls sind sie wahr.
––„Manchmal wird das da unten so groß bei mir“, sagte Boris. Er konnte den Vorstoß seiner kleinen Schwester nicht länger auf sich sitzen lassen.
––„Das ist in Ordnung“, beruhigte Tante Stine ihn. Aber beruhigt zu werden, war das Letzte, was Boris wollte.
––„Was hat das zu bedeuten?“, bohrte er weiter, so, als wüsste er die Antwort.
––„Dein Vater kann mit dir darüber sprechen“, sagte Tante Stine, „ich bin nicht berechtigt und nicht in der Stimmung, euch aufzuklären, das verdirbt alles.“ Aber sie hob doch die Hand und fragte Boris: „Ist es gerade wieder so weit?“
––„Nein, nein“, wehrte Boris ab, und zwar so heftig, als befürchtete er, dass Tante Stine auch ihm Wohltaten erweisen wollte.
––Aber stattdessen fragte sie bloß: „Möchtest du noch etwas trinken?“
––„Nnnein“, sagte Boris, er dehnte das Wort wie eine lange Ausrede. „Danke.“
––„Was möchtest du denn?“, drang Tante Stine weiter in ihn.
––Boris sah mich an. Er atmete kürzer. Er rüttelte an seinem Zaun, er berührte die Mauer. „Ich möchte, dass Michael mir über die Hände pisst.“
––„Ich muss aber noch gar nicht“, sagte ich schnell. Sehr schnell. Ich wollte den Gedanken, meinen Strahl in Boris zur Schale geschlossene Hände laufen zu lassen, zunächst mal einen Augenblick lang auf mich einwirken lassen, und dabei merkte ich rasch und überrascht, dass mich die Vorstellung überhaupt nicht erschreckte.
––Tante Stine schien bewusst zu sein, dass jenseits ihres Gartens jetzt eine Zurechtweisung angebracht gewesen wäre. „Ich habe Verbote immer gehasst“, sagte sie, „aber noch mehr hasse ich es, zu verbieten.“

1 Quelle: Das Neue Testament, Das Evangelium nach Matthäus, Kap. 19, 12.

25 Kommentare zu “#8 Was sich nicht gehört

    1. Ich bin ehrlich gesagt auch immer noch ein wenig verwirrt wohin die Geschichte uns jenseits der kindlichen Erkundungsspiele noch führen wird.

    1. „Ich durfte früher nie, was ich wollte“. Das klingt nach meiner Jugend. Mit Glück schafft man es später im Leben diese Gemeinheit umzudrehen und etwas freier zu leben.

      1. Wenn man die Möglichkeit hat zu entscheiden, ist schon viel gewonnen. Manchmal überrollt einen die Welle und man muss warten und hoffen, dass man anschließend wieder weiterschwimmen kann.

  1. Ein verlorener Partner ist wohl mit das Schlimmste was einem passieren kann. Meine große Angst ist immer irgendwann allein zu sein. Traurig und allein.

      1. Naja. Da gibt es doch in allen Gesellschaften Normen und wer die mehrfach übertritt, wird ins Gefängins geworfen, ins Irrenhaus gesteckt oder als Idol verehrt.

      1. Shaw sagte: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“ Vielleicht ist selbst für die Höflichkeit die Zeit gekommen.

    1. Evangelium nach Matthäus, Kap. 19, 12. / Von Ehescheidung und Ehelosigkeit … Da geht es dann auch um die Frage unter welchen Umständen der Mann die Frau aus der Ehe entlassen darf. Andersherum wäre das natürlich unvorstellbar.

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