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Das Flammenschwert

#3 Und dann?

Tante Stine gehörte zu den Frauen, die sich eines Tages vor dem Spiegel zu der Einsicht durchquälen: ‚Schön werd’ ich doch nie. Jetzt kann es bloß noch darum gehen, nicht auch noch unscheinbar rumzulaufen‘: eine hasserfüllte Absage an die graue Maus, die in jedem von uns schlummert.
––Ihr Haar hätte nicht röter sein können, aber wesentlich kürzer. Ihr Kleid hätte nicht geblümter sein können, aber wesentlich länger. Aus heutiger Sicht möchte ich dennoch sagen: Sie hatte eine gewisse Ausstrahlung. Flair? Das Haar war eine Mähne – jeder Kamm, der da durchgemusst hätte, wäre wahnsinnig geworden –, aber es leuchtete seidig.
––Das Kleid sah nicht aus wie ein Putzfrauenkittel, sondern schien das Werk eines Designers im Sommerrausch zu sein. Ihre Beine waren dick, aber – losgelöst von den Dimensionen der übrigen Welt – in sich wohlproportioniert.
––Dass ein Mund morgens schon so rot sein konnte, dass der welkende Mohn am Gartenzaun vor Neid noch mehr erblassen musste, war außergewöhnlich. Der Mund meiner Mutter wäre selbst an hohen Feiertagen nicht mit so viel Lippenstift in Berührung gekommen.
––Das Schönste an Tante Stine waren ihre Zähne: weiß, regelmäßig, ein bisschen furchteinflößend. Niemand wäre gerne Karotte bei ihr gewesen. Über ihre Augen machte ich mir damals keine Gedanken, aber ich weiß heute: Sie waren ‚unstet‘: mal halb erloschen von tiefer Müdigkeit, dann plötzlich, wenn sie einen jähen Einfall hatte, zupackend wie Arbeiterhände.

„Gefrühstückt werdet ihr ja wohl schon haben, wie ich eure Mutter kenne.“
––„Ja“, sagten wir.
––„Dabei hätte ich euch Spiegeleier mit Speck machen können“, sagte Tante Stine träumerisch, „ich hätte euch mit dem Essen Gesellschaft geleistet. Wollt ihr etwas trinken?“
––Boris bekam glänzende Augen. „Jaaa“, sagte er.
––Natürlich hatten wir wie jeden Morgen ausreichend heiße Milch bekommen, aber darum ging es nicht.
––„Orangensaft? Cola? Kakao? Was mögt ihr? Ich hab alles da.“
––Steffi hatte noch die fromme Fassungslosigkeit im Blick. Boris und ich sahen uns erleichtert an: Nichts schien sich verändert zu haben.

Wir räkelten uns auf den rauen Holzplanken, die man etwas hochgestochen ‚Terrasse‘ hätte nennen können. Boris schlürfte direkt aus der Coladose, ich saugte mit dem Strohhalm Orangensaft, Steffi nippte an ihrem Becher mit Kakao: ein Erlebnis! Zu Hause mussten wir immer alle dasselbe trinken: kein Umstand, bloß Anstand.
––Tante Stine saß in einem Gartenstuhl, der es an Geblümtheit mit ihrem Kleid durchaus aufnehmen konnte, trank Kaffee mit viel Sahne und noch mehr Zucker und fragte: „Was wollt ihr jetzt machen?“
––Der Himmel war wolkenlos, es war schon über zwanzig Grad warm. Wetter ist immer so selbstverständlich. Wenn es kalt ist und regnet, kann man sich nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Welt die Sonne scheint, und wenn der heiße Sommer sich gegen die Gärten presst, fällt es schwer, an den Winter zu glauben. Aber: Alles ist möglich, jederzeit.
––„Sag du, was wir machen sollen!“, forderte Boris.
––„Iiich?“, fragte Tante Stine, und an ihrem Tonfall war deutlich zu erkennen, dass ihr das Drängende in Boris’ Stimme schmeichelte. „Woher soll ich wissen, was euch Spaß macht? Ich bin alt und unerfahren. Ich kann einen PC-Apparat nicht von einem CD-Apparat unterscheiden. ‚Computer‘-‚Spiel‘: Das klingt für mich wie ein Widerspruch in sich selbst, so wie ‚Zementmischer‘-‚Pingpong‘.“
––Wir lachten, aber nur über das letzte Wort.
––„Na ja“, Tante Stine stand auf, „ich werde mich jetzt noch mal aufs Bett legen und versuchen, etwas zu schlafen. Tagsüber klappt das bei mir immer besser als nachts. Acht Uhr morgens, das ist einfach nicht meine Zeit.“ Sie wies auf den Tisch: „Ich lass euch die Getränke hier stehen. Kinder müssen viel trinken, sonst trocknen sie aus. Alte Leute auch, sie trinken nur noch aus Pflichtgefühl, nicht zum Vergnügen. Ich träume lieber, als dass ich trinke. Das war eine Lüge. Also, bis später.“
––„Und dann?“, fragte Boris.
––Tante Stine drehte sich zu ihm hin: „Nachher können wir zusammen etwas ausbaldowern. Aber jetzt müsst ihr euch erst mal selbst beschäftigen. Ihr könnt euch ein bisschen umsehen in diesem Spießerparadies hier und die Gartenzwerge vor den Eingangstüren zählen. Oder Kriegen spielen – nennt man das noch ‚Kriegen‘? Na ja, geht sowieso nicht zu dritt, und Steffi ist auch zu klein dafür. Beim Spielen ist Chancengleichheit das Wichtigste. Oder wie wäre es mit ‚Ozean‘? Ist das hier kein Ozean? Die Brennnesseln sind die Wellen, ein Schiff könnt ihr euch bauen aus allem, was so rumliegt. Jungen wollen doch immer Matrosen sein, oder nicht?“
––Steffi kam unserer Antwort zuvor und rief: „Ich will auch Matrose sein!“
––„Ahoi!“, Tante Stine tippte sich mit der rechten Hand gegen die Stirn; besonders militärisch sah es nicht aus, eher wie Vogelzeigen im Straßenverkehr.
––„Und noch was“, sagte sie, „wenn ihr den Weg nach rechts runtergeht, dann kommt ihr da hinten an so ein Wasser, das gab es im vorigen Jahr noch nicht. Bleibt weg von dem Tümpel! Ich habe keine Ahnung, was da drin ist. Nicht, dass Steffi reinfällt in diese Jauche! Ertrinken würde sie wohl nicht gleich, aber womöglich würde ihr das Kleidchen vom Leibe gefressen, von Säuren oder von Seeungeheuern, und ein Kleid von mir würde ihr sicher nicht so gut stehen.“
––Wir lachten: Steffi in einem Kleid von Tante Stine! Da würden wir ja spielend noch mit reinpassen.
––Tante Stine lachte auch, aber dann hob sie mahnend den Zeigefinger: „Und geht vor allem nicht auf die Straße, hört ihr?! Bleibt immer in der Kolonie, mein Gott, das Wort erinnert mich so an Imperialismus; ihr müsst mir versprechen, nicht auf die Straße zu gehen. Sonst beiße ich euch die Zehen ab, zumindest die großen, und dann werdet ihr überhaupt nicht mehr laufen können.“ Und dann öffnete sie den Mund sperrangelweit, was die Glaubwürdigkeit ihrer Drohung auf beängstigende Weise unterstrich.

Erst streunten wir ein bisschen herum, und Steffi weinte ein bisschen, weil wir sie zwangen, sich eine tote Katze anzugucken, die hinter einem Geräteschuppen lag; dann spielten Boris und ich ein bisschen Fußball, und Steffi weinte wieder ein bisschen, weil wir sie nicht mitspielen ließen. Den Fußball und ein paar andere Spielsachen hatte unser Vater in einer großen Tasche mitgebracht, auch eine Puppe für Steffi, aber nicht ihre Lieblingspuppe, denn die war zu kostbar, um in so einem Garten sitzen zu dürfen. Konsequenterweise war die weniger geliebte Puppe sehr ungezogen, und Steffi verbrachte die meiste Zeit, während wir Ball spielten, damit, die Puppe zu verprügeln, eine Erziehungsmethode, die ihr zu Hause eigentlich nicht vorgelebt wurde.
––Die Laubenkolonie war fast menschenleer. Die meisten Bewohner kamen erst nach Feierabend oder zum Wochenende hierher. Außer Tante Stine lebten nur ein paar Rentner auf Dauer in ihren Schrebergärten. Dafür sorgten die startenden und landenden Flugzeuge für Abwechslung. Wenn Tante Stine bei diesem Krach schlafen konnte, dann verstand ich nicht, was nachts sie daran hindern sollte.

24 Kommentare zu “#3 Und dann?

      1. Außer, dass das Zitat wohl dem bengalischen Dichter und Philosophen Rabindranath Tagore zugeordnet wird. Der erste nicht-europäischen Nobelpreisträger für Literatur der Geschichte zählt dann eher doch nicht zu den Bauern.

    1. Und die Spannung steigt steigt steigt. Entweder Stine wird als Massenmörderin enttarnt oder sie ist als großer Twist die einzig Vernünftige in der Geschichte. Ich sollte wieder öfters ARD-Krimis schauen um besser zwischen den Zeilen sehen/lesen zu können.

  1. Alles ist möglich, jederzeit! Imperialismus, dass Stine den Kindern die Zehen abbeisst oder ein Flugzeug über der Laubenkolonie in den Brennnesselozean stürzt.. Verrückungen, wohin man blickt oder denkt. Nur das Wetter ist immer. Eine schöne Geschichte!

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