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2011
Das Flammenschwert

#6 Der Druck im Innern

An diesem schwülen Sommermittag waren wir beeindruckt. Heute weiß ich, dass Tante Stine nicht recht hatte: Die Zunge ist keine Strafe Gottes, sie ist auch nicht die gespaltene Waffe der Schlange – die Zunge ist ja bloß das Ausscheidungsorgan des Hirns, das seine Gedanken loswerden muss. (Nebenher dient die Zunge auch der Verständigung und der Sexualität und hat in ihrer erstgenannten Funktion die schreibenden Finger als Nebenbuhler.)

Aber damals! Wir liefen durch den Garten, wir sprangen, wir hüpften, wir schlugen Purzelbaum und kullerten im Gras hin und her, wir drehten uns im Kreis, bis uns schwindlig wurde, und nahmen die aufsteigende Übelkeit als das, was Wonne sein würde. Wir kreischten, wir nuschelten, wir probierten jede erreichbare Lautstärke und Tonlage aus. Wir stießen diese überall, nur hier nicht verbotenen Worte wie Waffen in die muffelig warme Schrebergartenluft. Wir torkelten wortetrunken. Wir sogen die Laute der anderen ein und ließen unsere eigenen dagegentaumeln. Nichts ist kugelrund, nichts ist ganz viereckig, nichts in der Natur ist makellos, nicht mal wir. Alles war so wunderbar zufällig. Es schien so zufällig. Aber war es das wirklich? Willkür war Tante Stines Natur, alles andere wäre Verstellung gewesen bei ihr.
––Wurzeln, Triebe. Wuchern, wachsen – ausschlagen! Aber das heißt dann auch: verdrängen und sich durchsetzen. Dieser Garten behauptete: Nichts ändert sich, nicht auf Dauer, nicht wirklich, alles wächst einfach. Und stirbt. Tante Stine lächelte wehmütig. „Alles nutzt sich ab“, dachte sie wohl, aber am schnellsten verschleißt Verbotenes, das nicht mehr verboten ist.
––„Schluss!“ Dieses so rundum andere Wort, von Tante Stine geradezu gebrüllt, ließ uns drei erstarren, als sei es die vergiftete Spindel, der die ganze, gerade noch in ihrem Tun befangene Gesellschaft im Dornröschenschloss erliegt.

Aber so schlimm war es gar nicht: Tante Stine hatte ihre Stimme einfach als Trillerpfeife benutzt, bar jeder pädagogischen Absicht.
––„Nicht so laut!“, sagte sie, ohne eine Spur von Vorwurf in der Stimme. „Schreit, wenn das nächste Flugzeug kommt!“
––„Aber dann hört es doch keiner!“, sagte Steffi.
––„Und wer soll es jetzt hören?“, fragte Tante Stine.
––Steffi war verwirrt. „Der liebe Gott?“, fragte sie.
––„Wozu?“, Tante Stine zuckte die Achseln, „der kennt doch sowieso alles.“

Sie ging auf den Gartentisch zu, lässig, aber bestimmt, wie zu einer Hausbar. „Trinkt ruhig noch etwas“, animierte sie uns, „vielleicht haltet ihr es diesmal länger aus. Was man üben kann, soll man üben.“ ‚Unvorbereitete Einsätze wird es noch genug für euch geben‘, hätte sie vielleicht hinzufügen wollen, aber womöglich war sie doch einsichtig genug, um uns solche Ausblicke damals nicht zuzumuten. Begriffen hätten wir sowieso nichts. Und um was es ihr dabei ging, blieb im Dunkeln.
––Boris trank gierig eine Dose Cola leer, ich stürzte eine Flasche Orangensaft runter, und beide wussten wir voneinander, dass wir eigentlich überhaupt nicht durstig waren, sondern nur darauf warteten, den Druck in unserem Innern erneut aufsteigen zu fühlen.

Plötzlich war da diese Gestalt am Gartenzaun, ein ganz junger Greis. Wir hatten ihn nicht kommen sehen. Mit den Händen hielt er die Pforte umklammert, mit den Blicken Tante Stine. Sein Gesicht und seine Kleidung waren wie lavaverschüttet. Die Haare waren auf der rechten Seite weggeschoren, auf der linken Seite hingen sie lang und zottelig herunter. Von fern erinnerte sein Kopf an das Nebeneinander von Tante Stines Garten und dem Nachbargrundstück. Was immer ihn hierhergetrieben haben mochte – wir verstanden nicht, was es sein konnte.
––„Haben Sie mal etwas Geld für mich?“, fragte er. Auch seine Stimme war verschüttet.
––Eigentlich wäre es uns lieber gewesen, wenn Tante Stine den unheimlichen Zaungast mit ihrem Besen oder mit ihrer Fülle verscheucht hätte, aber zu erwarten war das ohnehin nicht gewesen. Stattdessen ließ sie uns allein mit seinem Anblick und ging wortlos ins Haus.
––Gott sei Dank kam sie aber rasch wieder zurück, bewegte sich beherzt auf ihn zu und drückte ihm einen Schein in die Hand.
––Er nickte ihr zu: „Danke“, sagte er. „Echt stark.“
––Er – so ausgezehrt, sie – so überüppig. Tante Stine blieb einen Augenblick reglos. Dann sagte sie: „Viel Glück!“, und als er sich weiterschleppte und sie ihr Gewicht zu uns zurückschob, da war das ein kleiner Abschied.

24 Kommentare zu “#6 Der Druck im Innern

      1. Ohne Verantwortung zu übernehmen kommt man aber auch nicht weit. Und wird auch selten glücklich. Dann sind halt einfach die andere n anstatt man selber Schuld.

      2. Manche Menschen wollen einer starken Persönlichkeit folgen, die ihnen sagt, war sie tun sollen. Manche Menschen denken sich lieber Ziele aus und lassen andere für diese Ziele arbeiten.

      3. Macher / Anführer / Idole sind eher selten. Hinterherlaufen ist meistens angenehmer. Wer dann zusätzlich zumindest einigermaßen das Gefühl hat trotzdem (mit-)verantwortlich zu sein, fühlt sich meistens wohl genug.

    1. Die Kombination aus Zufall und den eigenen Entscheidungen macht den Verlauf des Lebens aus. Wie aktiv wir in dem Prozess sind bestimmen wir selbst. Machtlos sind wir jedenfalls nicht.

      1. Und jetzt mal was philosophisches: Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin, dass du dein Leben ändern kannst, indem du deine Geisteshaltung änderst 😉

  1. am schnellsten verschleißt verbotenes, das nicht mehr verboten ist! darum versteht man die welt nicht, wenn die politiker 2019 immer noch debattieren ob marijuana legalisiert werden soll oder nicht.

  2. Wuchern, wachsen, verdrängen, sich durchsetzen. Die Natur ist uns näher als wir uns vormachen. Der Mensch sollte sich viel mehr an der Natur orientieren um im Leben zurecht zu kommen.

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