Teilen:

1711
Das Flammenschwert

#5 Glitzernde Bögen

Der altgediente Briefträger kam mit seinem Fahrrad angeschoben. Er nickte mürrisch, es war deutlich zu sehen, dass er Tante Stine nicht mochte. Dafür gab es sicher reichlich Gründe, einer davon war vermutlich ihr ungestümer Garten, ein anderer, dass er bloß ihretwegen den Umweg von der Straße her machen musste.
––Er steckte einen Umschlag in den Briefkasten und drehte sein Fahrrad um. Dieser Briefkasten war rot und so groß, als rechnete Tante Stine bergeweise mit Verehrerpost.
––„Soll ich dir den Brief bringen?“, fragte Boris. Es klang weniger nach Gefälligkeit als nach Neugier.
––„Nicht nötig“, sagte Tante Stine. „Der Einzige, der mir schreibt, ist der Bank-Computer. Er verwöhnt mich mit Kontoauszügen.“
––Wir konnten uns darunter nichts weiter vorstellen, zumindest klang das nicht nach Bergen, Meer und Urwald – mehr nach Vorgedrucktem.

Es war ja vorauszusehen, dass Steffi als Erste ausscheiden würde, eigentlich hatten wir sie bei diesem Spiel sowieso nicht auf der Rechnung. Sie ging da, wo sie gerade stand, nach einigen zappeligen Knicksen endgültig in die Hocke, zog ihre Unterhose runter und pinkelte ins Gras. Dann weinte sie, weil ihr klar war, dass sie nun verloren hatte – aber nur kurz, lieber bestrafte sie ihre Puppe dafür mit ein paar kräftigen Schlägen.
––Boris und ich standen einander gegenüber und trippelten von einem Fuß auf den anderen, wie erregte Boxer.
––Tante Stine saß auf ihrem Stuhl und wartete. Warten als Teil der Erfüllung, so seh ich es heute. Es gab ja kein Entrinnen. Die Gewissheit vor einer Verkehrsampel, die hoffnungsfrohe, sehnsüchtige Gewissheit im März: Irgendwann, früher oder später, wird es grün werden. Irgendwann wird es da sein, irgendwann wird es vorbei sein. Umbruch, Ausbruch, Abbruch.
––„Ich halt’s nicht mehr aus!“, ich stöhnte.
„Trink doch noch etwas“, sagte Tante Stine, „wenn man warten muss, muss man viel trinken, das lenkt ab.“
––Boris fasste sich an den Hosenschlitz und drückte sich die Harnröhre ab. „Ich kann auch nicht mehr“, er knickte ein.
––Ich spürte, wie schon ein paar Tropfen in meine Unterhose gingen. Es war qualvoll, aber irgendetwas war da, das diese Qual erträglich machte. Boris und ich wanden uns voreinander, wir ächzten. Wir kniffen keuchend die Beine zusammen und sogen die Luft tief ein, die Flüssigkeit hochsaugen, zurück in den Körper, aufwärts, immer höher, nichts darf nach außen dringen, alles zieht nach oben, sich erheben, fortschweben, empor, empor.
––„Gut“, sagte Tante Stine, auch sie konnte den Druck nicht länger ertragen. Die Welt würde ja doch wieder mal nicht auseinanderbersten. „Jeder von euch bekommt eine halbe Tafel. Macht es gemeinsam!“
––Wir rissen unsere Hosen auf und schossen in hohem Bogen knapp aneinander vorbei. Es war, als ob die beiden Strahlen eine Art magischen Tempel um uns bildeten: Drinnen waren wir, jenseits der goldenen Fontäne war die Welt. Wir sahen auf die beiden glitzernden Bögen rechts und links, wir sahen uns in die Augen, aber nur kurz, ich mühte mich, langsamer zu werden, damit es länger dauern sollte, aber als der Druck nachließ und damit die Geschwindigkeit, war ich auch wieder nicht glücklich, oder doch?
––Tante Stine sah uns aufmerksam zu, nein, sie starrte in den Anblick hinein und sog ihn auf wie mit einem Rüssel: ein Insekt, das Honig saugt. Mit welchem wo gelagerten Auge ich das wahrnahm, weiß ich nicht – aber ich weiß es.
––„Pisst“, murmelte sie, „pisst, pisst!“
––Es klang wie eine Mischung aus heidnischer Beschwörungsformel und Wiegenlied. Vielleicht kommt es mir auch nur in der Erinnerung so vor, und in Wirklichkeit machte sie bloß „Pst … pst!“: Niemand darf hören, niemand darf sehen, was wir wissen.

Als der Bann nach ein paar zuckenden Abschlussspritzern schließlich in sich zusammenbrach, ließen wir uns in unverabredetem Gleichklang zur selben Zeit ins hohe Gras fallen. Besiegt, versiegt, versiegelt.
––„Wie ist es?“, fragte Tante Stine.
––„Geil“, sagte Boris. Was er meinte, war nicht ganz klar, aber klar war, dass er es so nennen durfte.
––„Gut“, Tante Stine schob das Kinn vor und schloss die Augen, „gut.“ Sie machte keine Anstalten, uns unseren redlich verdienten Preis zu holen, wir merkten es damals nicht mal.
––Auch Steffi hatte unseren Ausbruch verfolgt, mit neidischem Interesse. „Tante Stine, warum hab ich so was nicht?“
––„Du hast etwas anderes“, erklärte Tante Stine wenig trostreich.
––„Ich habe eine kleine Muschi“, sagte Steffi, stolz nur darüber, dass sie es benennen konnte, „aber Boris und Michael haben Pimmelchen.“
––„Mein Gott!“, rief Tante Stine, „was sind das alles für süßliche Wörter. Das ist ja schrecklich!“
––„Wie sagst du denn dazu?“, fragte Steffi herausfordernd und ging erwartungsselig auf Tante Stine zu, nichts anderes als etwas Ungeheuerliches hätte sie jetzt noch befriedigt.
––Tante Stine nahm Steffi auf den Schoß, wiegte sie ein wenig und sagte ganz sachlich: „Du hast eine“ – und dann nannte sie den gängigen Vulgärausdruck – „zwischen den Beinen, Michael und Boris haben Schwänze.“
––„Ich möchte auch einen Schwanz haben“, sagte Steffi.
––„Tja“, sagte Tante Stine, „das kann ich mir vorstellen, aber das geht nicht.“
––„Warum nicht?“, fragte Steffi.
––„Stell dir einfach vor, es wäre ein Buckel“, sagte Tante Stine, „würdest du ihn dann auch haben wollen?“
––„Einen Buckel?“
––Offenbar konnte Steffi mit dem Begriff nichts anfangen. Ob diese Bezeichnung zu Hause genauso verboten sein würde wie das neue Wort, das Tante Stine eben benutzt hatte?

Boris fühlte sich als Sieger in dieser Angelegenheit: Sowohl wusste er, was ein Buckel war, als auch hatte er keinen, dafür aber einen Schwanz, und deshalb wollte er gleich die nächste Hürde nehmen: „Wenn wir solche Wörter hier sagen dürfen, dürfen wir dann auch ‚Arschloch‘ und ‚Scheiße‘ sagen?“
––„Wenn es unbedingt sein muss“, antwortete Tante Stine bewusst zögerlich, denn ihr war ja klar, dass der letzte Anstoß, ein Tabu zu knacken, mindestens so herrlich ist wie seine Übertretung. Immer noch wiegte sie Steffi mit einer leicht benommenen Hingabe. „Hier, in meiner Laube, ist alles erlaubt.“
––Sie drückte Steffi etwas fester an sich, und Steffi schien diese Nähe nicht zu fürchten, sondern zu genießen.
––„Merkt euch, ihr drei, die Zunge ist ein Flammenschwert. Wer zur verkehrten Zeit das Verkehrte sagt, den lässt der Engel nie mehr rein ins Paradies.“
––„Nie mehr?“, fragte Steffi erschrocken.
––„Nie mehr!“, wiederholte Tante Stine.
––„Dann will ich da nicht hin“, entschied Steffi, „hier ist es auch schön.“

24 Kommentare zu “#5 Glitzernde Bögen

      1. Pädophil? In den 70er Jahren sollten die Kleinen im Kinderladen lernen, dass nichts verboten ist. Jedenfalls ist der Geschichte kurz vor der Hälfte wohl noch nicht anzumerken, worauf sie hinausläuft.

      2. Die Dinge entwickeln sich immer in beide Richtungen gleichzeitig. Mehr Diskurs, mehr Auseinandersetzung, mehr Extreme. Man ist heute vielleicht freier und verklemmter zugleich.

    1. Ich fand die Pointe eigentlich ziemlich gelungen. Jedenfalls habe ich vier Episoden lang gerätselt wohin die Geschichte wohl führen wird und diese Variante war definitiv nicht auf meiner Liste.

    1. Dieses Mal hätte ich mir auch einen anderen Ausgang gewünscht. Obszönes im Zusammenhang mit Kindern ist doch immer besonders schwer verdaulich.

  1. Ich miss sagen, Steffis Fazit aus der ganzen Geschichte gefällt mir. Wenn das Paradies so kleinlich bewertet, dann kann es eigentlich nicht der richtige Ort sein.

    1. Das scheint die große Erkenntnis durch, dass das Christentum auf Druck und Strafe aufgebaut ist. Am besten baut sich einfach jeder sein eigenes kleines Paradies.

  2. „Ich möchte auch einen Schwanz haben“ … so trainiert die Gesellschaft uns. Nur Lebewesen mit Schwänzen zählen als vollwertige Menschen, ist es nicht so?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

11 + 20 =