1511
Das Flammenschwert

Teilen:

#4 In die Nesseln

Als die Sonne schon hochstand, trat Tante Stine wieder aus ihrem Haus. Beim Näherkommen verdeckte sie es fast, jedenfalls aus meiner Sicht. Ihre Lippen hatten als Blickfang eine bemerkenswerte Konkurrenz bekommen: türkisfarbene Lidschatten. Wenn Tante Stine der Meinung war, dass die Entsagungen einer Abmagerungskur nicht genügend durch die gesteigerte Zuneigung ihrer Mitmenschen entlohnt werden würde, so drängte sich zwangsläufig die Frage auf, wessen Gunst sie am späten Vormittag durch diesen Augenputz erringen wollte. Uns beschäftigte das natürlich nicht, wir machten uns solche Gedanken erst viel später, als auch uns wie jedem Pubertierenden dämmerte, dass der Körper ein vermarktungswürdiges Produkt ist. Aber damals: Erstens waren wir es nicht anders von ihr gewohnt und zweitens hielten wir es für den Auftakt zu einer Art Indianerspiel.
––„U-u-u-u-u-u-u-u“, machte Boris und klatschte sich die Hand in schneller Folge vor die Lippen.
––„Boris, in diesem Jahr kannst du mich aber nicht an den Marterpfahl binden“, sagte Tante Stine anfeuernd, „meine Wäscheleine ist einfach nicht mehr lang genug, sie reicht für mich nur noch als Gürtel.“ Es machte sie allerdings ein bisschen unsicher, dass Boris nicht laut loslachte. Er glaubte ihr das doch nicht etwa? „Ich habe mein ganzes Leben lang am Marterpfahl gestanden“, sagte sie sicherheitshalber, „aber ich habe mich immer selbst wieder befreit.“
––„Oh, erzähl mal!“, Boris hockte sich begeistert vor ihre Füße.
––„Au ja!“, schrie Steffi und ließ sich neben Boris plumpsen. Eine Art Oma erzählt Märchen: ‚Hänsel und Gretel‘, ‚Dornröschen‘ oder – noch schöner – Selbstgemachtes.
––„Wie hast du dich befreit?“, fragte ich.
––„Ich hab die Knoten alle durchgebissen“, antwortete Tante Stine, ihre Augen leuchteten, und die Zähne stellten wieder mal ihre Fähigkeiten zur Schau. „Das war eine Zeit!“
––„Wann?“, fragte Boris atemlos.
––„Damals in den Sechzigerjahren! Die Tage waren so voll von Kraft, und die Nächte erst: Es war eine Befreiung von diesen ganzen Fesseln. Jedenfalls empfanden wir das so. Und die anderen sollten auch alle befreit werden, ob sie nun wollten oder nicht.“ Sie lachte. Wir wussten nicht, warum.
––„Es war ja alles noch nicht so verbissen wie später. Dabei war ich schon weit über zwanzig zu der Zeit und eigentlich konnte ich mich nicht beklagen. Als ich achtzehn gewesen war, 1960, hatte man das Rad auch schon erfunden. Heute denken ja alle: „Ach, war das miefig damals!“ Aber das ist Blödsinn. Im Kino lief „Außer Atem“ und „Psycho“. Kennedy war gerade Präsident geworden und Elvis Presley schwang die Hüften. Zu jeder Zeit konnte jeder verklemmt sein oder aufgeschlossen — ganz wie er wollte … ganz wie er musste.“ Sie schüttelte den Kopf schon im Voraus, aber das sollte eher ‚ja‘ heißen. „Gott, hab ich mich dauernd in die Nesseln gesetzt! So viele wachsen nicht mal in meinem Garten hier. Und stellt euch vor: Ich hatte noch eine Figur! Eine, nach der man sich umsah. Na ja, heute sehen sich die Leute auch wieder um nach mir.“

Ihr schien plötzlich bewusst zu werden, dass wir wahrscheinlich gar nichts anfangen konnten mit dem, was sie uns erzählte, obwohl das, glaube ich, nicht ganz stimmte: Wir nahmen etwas wahr, das blieb. Aber sie wollte jetzt doch auf etwas Näherliegendes kommen und fragte: „Habt ihr genug zu trinken?“
––„Ja“, sagte ich.
––Boris ging einen Schritt weiter: „Ich muss mal!“, sagte er, es lag etwas Verschwörerisches in seinem Ton.
––„Warum erzählst du mir das?“, fragte Tante Stine, scheinbar gleichgültig, „glaubst du etwa, dass mich das interessiert?“
––„Darf ich hinter die Büsche?“, fragte Boris scheinheilig.
––„Natürlich darfst du das“, sagte Tante Stine, schon etwas aufmerksamer, „das weißt du doch.“ Sie machte die Pause, auf die Boris gewartet hatte, bevor sie sagte: „Aber besser wäre es, du würdest es noch anhalten.“
––„Aber ich muss mal“, sagte Boris behaglich beharrlich und stand auf.
––„Je länger du es anhältst, desto schöner wird nachher die Erleichterung sein“, erklärte Tante Stine wie in jedem Jahr. Das klang so leicht dahergesagt, und doch war da immer dieser Nachdruck in ihrer Stimme, mit dem man ein Kind ermahnt, nicht in die Kerzenflamme zu greifen – oder das Feuer nicht zu scheuen.

Sie streckte die rechte Hand aus und sah auf ihre schlagzeilenroten Fingernägel, während Boris alles an ihr außer den Augen beobachtete.
––„Wann schmeckt es dir besser?“, fragte sie, „wenn du gerade eben gegessen hast oder wenn du schon lange nichts mehr bekommen hast?“
––„Wenn ich Hunger habe.“ Das war ja einleuchtend.
––„Und Hunger hast du vor dem Essen, nicht danach. Man muss alles steigern, dann hat man mehr davon.“
––Tante Stine sah auf zu mir. „Und wie ist es mit dir, Michael?“
––Ging es jetzt ums Essen oder ums Pinkeln? „Ich kann es noch aushalten“, sagte ich und meinte beides. Aber ich stand auch auf.
––„Weil du weniger getrunken hast!“, Boris kam einen lauernden Schritt auf mich zu.
––„Ich muss auch mal“, sagte Steffi. Jetzt wollte auch sie nicht länger sitzen bleiben.
––„Ich muss mal! Ich muss mal!“, Tante Stine warf die Hände in die Luft, und bei ihren Ausmaßen war das ein regelrechter Vorgang, „was sind das für babyhafte Ausdrücke! ‚Austreten‘ hieß es bei uns zu Hause, das hört sich an, als ob ein Pferd scheut. Aber, na ja, diese Wortwahl nennt man wohl ‚Erziehung‘. Wenn wir während des Schulunterrichts eine Zigarette rauchen wollten, dann benutzten wir auch immer diese Formulierung: ‚Darf ich mal austreten?‘ – Darf ich mal durchdrehen? Darf ich mal verrückt werden?“ Sie sagte das mit verstellter Stimme, und wir lachten – weil es komisch klang und weil sie uns jetzt doch ein bisschen merkwürdig vorkam: Angstlachen, wie in der Gespensterbahn.
––In diesem Augenblick dröhnte wieder ein Flugzeug heran und sauste über unsere Köpfe hinweg. Mich drückte das Gefühl, ich müsste mich flach auf den Boden werfen, fast ins Gras: Krieg spielen, dachte ich, dieses Gedonner einbeziehen, damit es einem keinen Schrecken mehr einjagen konnte. Steffi hielt sich die Ohren zu und verzerrte das Gesicht. Würde sie etwa nochmal weinen?
––Als das Tosen weniger schmerzhaft geworden war, brüllte Tante Stine: „Herrlich! Wenn das nicht wäre, könnte ich es gar nicht aushalten hier. Diese würgende Stille die ganze Zeit! Die Vögel piepen ein bisschen. Wenn Kinder toben, werden sie angeschnauzt. Motorräder sind verboten. Gott sei Dank gibt es wenigstens die Einflugschneise. Das ist Hilfe von oben. Es ist so ein Krach, der nach Weite klingt und nach Ferne: das Meer, die Berge – der Urwald …“

„Es gibt eben nicht nur unterschiedliche Betrachtungs-, sondern auch unterschiedliche Behörungsweisen“, denke ich mir heute: Tante Stine sah anders, hörte anders und sie redete anders. Vor allem fühlte sie anders.

„Wir machen jetzt ein Spiel“, sagte sie geheimnisvoll. „Wer es am längsten aushält, bevor er …“ – sie lächelte – „… ‚austritt‘, der bekommt eine Tafel Schokolade, und er braucht den anderen nichts davon abzugeben, denn er hat sie sich redlich erkämpft.“
––„Und was machen wir bis dahin?“, fragte Boris.
––„Warten“, sagte Tante Stine.
––„Warten ist nichts“, sagte Boris.
––Tante Stine sah zum Himmel, als sehnte sie den nächsten Düsenjet herbei. „Warten ist alles.“
––„Warten ist langweilig“, sagte ich.
––„Warten ist sehr spannend“, Tante Stine sah mich an, „manchmal ist es sogar unerträglich.“
––„Ich kann doch nicht einfach bloß darauf warten, dass ich pissen muss“, sagte Boris.
––„Pissen?“, wiederholte Tante Stine, „ach, dieses Wort kennst du auch dafür?“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Du wartest nicht darauf, dass du ‚pissen‘ musst. Du wartest darauf, dass du es nicht mehr aushältst, nicht pissen zu dürfen. Und das ist spannend. Stundenlang auf einen Berg zu starren, ist langweilig. Aber wenn man weiß, irgendwann innerhalb der nächsten Stunde wird der Berg Feuer speien und Lava spucken – das ist aufregend.“
––„Was ist Lava?“, fragte Steffi.
––„Asche“, sagte Tante Stine.
––Der Zusammenhang blieb Steffi ganz offensichtlich verschlossen, mir auch, aber Tante Stine gab keine weiteren Erklärungen ab, und so warteten wir eben.

20 Kommentare zu “#4 In die Nesseln

  1. Make-up (ja oder nein, wenn ja wieviel) ist ja eh ein Streitthema. Für bunten Lidschatten gibt und gab es aber eigentlich noch nie eine Entschuldigung. Nicht mal in den 80ern.

      1. Man will anderen Menschen gefallen. Frauen sind da auch keine Ausnahme. Wer das ernsthaft bezweifelt macht sich selbst was vor.

  2. „Außer Atem“ und „Psycho“ im Kino. Das waren noch Zeiten. Scorsese hat schon recht, heute gibt es größtenteils Marvel-Comics und Blockbuster-Entertainment. Zumindest in den großen Kinos.

      1. Independent Kino gibt es immer. Aber die großen Erfolge sind eben doch die Action-Blockbuster und Comic-Verfilmungen.

      2. Die Filmemacher bzw. die große Filmindustrie geht natürlich am ehesten Projekte an, die viel Geld einbringen. Ist doch logisch. Batman und die Avengers ziehen da halt ganz gut.

      3. Entweder ich bin zu doof oder zu übersättigt: einen weiteren Film mit Massen von Computertricks und Autojagten brauche ich nicht mehr. Sogar auf die handlungshemmenden Sex-Szenen könnte ich verzichten.

      4. Ich bin immer wieder fasziniert wie langweilig diese ‚actionreichen‘ Filme am Ende dann doch meistens sind…

  3. Mir scheint wir leben langsam erneut in einer Zeit, in der alle wieder neu festgezurrten Knoten durchgebissen werden sollten. Hoffentlich kommt bald eine neue Befreiungswelle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

13 + fünf =