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Das Flammenschwert

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#7 Nirgendwo her, nirgendwo hin

Tante Stine setzte sich. Wir blieben andächtig stehen.
––Boris überwand seine Hemmungen als Erster: „Was hast du ihm gegeben?“
––„Zwanzig Mark“, sagte Tante Stine.
––„Zwanzig Mark!“, wiederholte ich ehrfürchtig. „Was kauft er sich dafür?“
––„Vergessen“, antwortete Tante Stine.
––„Und das kostet so viel?“, fragte Boris erstaunt.
––„Wenn man jung ist: ja“, sagte Tante Stine ernst. „Im Alter zahlt man dann für die Erinnerungen.“
––„Und warum hast du ihm so viel gegeben?“, fragte ich. Weder meine Mutter noch mein Vater hatte ich je mehr als ein Markstück in eine Bettlermütze werfen gesehen.
––„Zur Belohnung“, sagte Tante Stine, sie wurde allmählich wieder fröhlicher, „zur Belohnung dafür, dass er gekommen ist. Ich bin für alles dankbar, was hier nicht her passt.“

Steffi merkte, dass sich die Stimmung wieder lichtete, und sprang Tante Stine auf den Schoß: ein wahrhaft kultischer Ort. Aber Tante Stine griff Steffi unter die Achselhöhlen und setzte sie sanft ab. „So, ich werde jetzt in die Küche gehen und etwas zu essen für euch machen – für uns“, verbesserte sie sich einsichtig. „Spaghetti mit Fleischsoße. Das mögt ihr doch, nicht?“
––„Jaaa!“, riefen wir alle, und dann rannten wir wieder durch den Garten, wie von Sinnen, alles war Bewegung, alles war in Bewegung, die Sonne, die Blätter, die Blüten im Hauch, der einfach da war, nirgendwoher, nirgendwohin. Nichts, was wir zertrampelten, hätte einem Gärtner Herzbluten verursacht.

Getöse in der Luft. Wir kreischten die für uns noch so wilden Wörter gegen den erhabenen stählernen Vogel an, der ungerührt weiterlärmte, und als er leiser wurde, wurden auch wir stiller. War Essenszeit? War Schlafenszeit? War überhaupt Zeit?

Die Kirschen und die Johannisbeeren waren rot, die Äpfel und die Birnen waren winzig klein und grün, alles würde wachsen, groß werden, süß werden. Selbst die Brombeeren, die allerletzte Chance von Sommer, würden eines Tages schwarzblau im Gestrüpp hängen; nur gut, dass sie kein Mensch pflückte, denn er würde eine Enttäuschung erleben: Das war schon der Geschmack von Herbst – dumpf und traurig.
––Tante Stine schnitt Steffi die Spaghetti klein, damit sie sie mit dem Löffel schaufeln konnte, ihr Mund war bald annähernd so rot wie der von Tante Stine.
––Übermut überwältigte mich: Ich fing an, die Nudeln mit den Fingern zu essen. Ob ich sogar das durfte? Tante Stine sah mir zu – es lag so viel Aufmerksamkeit in ihrem Blick, dass klar war: Sie würde mich nicht zurechtweisen.
––Boris und ich hatten längst schon unsere Hemden ausgezogen und saßen in unseren blödbunten Badehosen an dem klapprigen Gartentisch.

Ich wollte mehr. Mehr! Lust dehnte sich in mir, es war, als ob mein Oberkörper sich weitete. Ich nahm eine Handvoll Spaghetti und klatschte sie Boris auf die Brust. Boris reagiere prompt. Er griff mit der Rechten so viele Nudeln, wie er nur konnte, zog mit der Linken am Gummi meiner Badehose und stopfte mir, weniger blitzschnell als donnerwuchtig, die ganze Ladung in die Hose. Es war glitschig, warm und wunderbar.
––„Esst das!“, sagte Tante Stine, ihre Stimme war plötzlich zu heiser, als dass sie noch irgendetwas über die Verschwendung von Gottesgaben hätte hinzufügen können. Oder hatte sie ‚Lasst das!‘ gesagt? Jedenfalls schritt sie nicht ein.
––Ich beugte mich vor und leckte Boris die Nudeln von der Haut, natürlich schmeckte es viel Verbotener als vom Teller, dann richtete ich mich wieder auf und wartete ab. Boris stand auf, ganz langsam, eine entschlossene, keine zögerliche Langsamkeit, er hockte sich vor mich hin, schob meine Badehose mit beiden Händen weg wie den Vorhang eines Marionettentheaters und saugte die Spaghetti ein, wo immer er sie fand.
––Steffi kicherte vergnügt. Tante Stine war ganz still. Sie trank ihr Glas Rotwein leer, in einem Zug. Aus Pflichtgefühl? Oder doch zum Vergnügen?
––„Darf ich das auch haben?“, fragte Steffi.
––„Nein“, sagte Tante Stine bestimmt. „Mein schiefer Jägerzaun da vorne ist die Grenze. Was ihr da nicht zurücklassen könnt, dürft ihr nicht mitnehmen. Und Alkohol im Blut lässt sich nun mal nicht zurücklassen.“

Ach, Tante Stine, keiner von uns hat je etwas von diesen Stunden zurücklassen können, und trotzdem mussten wir auf die Straße. Dein Zaun war eben noch viel morscher als die Mauer: Er brach so schnell, kaum dass er überrannt wurde, und gleich dahinter begannen Freiheit und Befangensein. Alles wurde weggejätet, und alles blieb so stachelig. Hättest du uns doch vorher die Zehen abgebissen!

„Wein dürftet ihr nur trinken, wenn ihr über Nacht hierbleiben würdet“, sagte Tante Stine, „aber das wird nie passieren. Ich hab nicht genug Platz in meinem Haus, um euch unterzubringen, und eure Eltern haben nicht genug Platz in ihren Köpfen, um es euch zu erlauben, und das ist gut so. Wenn auch sehr, sehr schade.“
––„Schade!“, wiederholte Steffi und überlegte wohl, ob sie es mit Weinen versuchen sollte, aber sie schien einzusehen, dass das hier, anders als zu Hause, nichts bringen würde. Also, was dann?
––„Tante Stine, sieht es bei dir da unten genauso aus wie bei mir?“
––„Na ja“, Tante Stine schien immer auf alles gefasst zu sein, aber jetzt schluckte sie doch. „Im Prinzip schon“, sagte sie, „aber natürlich ist alles bei mir größer als bei dir und – leider Gottes – viel, viel fetter. Und es ist behaart.“
––„Iiii!“, machte Boris entsetzt.
––„Du kriegst da unten auch Haare“, wies Tante Stine ihn zurecht, „habt ihr das noch nie bei eurem Vater gesehen?“
––„Doooch“, sagte Boris, er schwankte, ob er die Erinnerung herbeisehnen oder fürchten sollte.
––„Ich hab da noch nie so hingeguckt“, sagte ich.
––„Mir hat Papi das überhaupt noch nicht gezeigt!“, sagte Steffi, und in ihrer Stimme schwang so etwas, als ob der Puppe wieder Schläge drohten. „Darf ich es bei dir mal sehen, Tante Stine?“
––„Nein!“ Das duldete keinen Widerspruch. Aber dann weichte ihr Gesichtsausdruck auf wie unter Wasser. „Es gibt Grenzen, hinter denen nichts ist, nichts, was man wissen muss. Aber das merkt man natürlich erst, wenn man diese Grenzen überschritten hat. Dann steht man da – und es hat sich nicht gelohnt. Manchmal ist das egal, manchmal ist es enttäuschend. Manchmal ist es tödlich.“ Tante Stine lachte mutlos. „Spannend, was? Diese Unsicherheit, was hinter der Grenze kommt.“

Tödlich! Wenn die Grenzen wegfallen, dann kommen die Wechseljahre, dachte ich. So hatte Boris mir das ja erklärt. Und wenn das lebensgefährlich war, dann verstand ich, dass meine Mutter sich Sorgen machte, ich verstand bloß nicht, warum sie zuließ, dass wir jetzt in dieser Gefahr schwebten. Waren wir etwa ausgesetzt wie Hänsel und Gretel? Waren wir schon im Hexenhäuschen? Jedenfalls schwebten wir.

„Mögt ihr etwas Süßes?“, fragte Tante Stine.
––„Jaa“, schrien Boris und Steffi.
––„Nein, danke“, sagte ich.

23 Kommentare zu “#7 Nirgendwo her, nirgendwo hin

    1. Ich verstehe ihr Unbehagen. Und trotzdem sagt unsere Reaktion manchmal mehr über uns selbst (über die Gesellschaft) aus, als über die eigentliche Situation.

      1. Naja, die Kinder können ja machen was sie wollen. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Schräg wird es immer wenn Erwachsene bei so etwas dabei sind. Man muss wahrscheinlich im Kopf behalten, dass es nur eine Geschichte ist.

      1. Wie absurd die politischen / gesellschaftlichen Ansichten sind, kann man doch gut an der Präsidentschaftswahl sehen. Bei den Republikanern ein B-Promi als Präsident, bei den Demokraten werden völlig moderate Politiker als Sozialisten verschrien.

      2. Nee, so populistisch darf man das eben nicht sehen. Lasst es das Amtsenthebungsverfahren erstmal in den Senat schaffen und dann wird abgestimmt.

      1. Man lernt doch immer weiter und schafft ständig Platz für Neues, nicht? Wie war das … Leben lernen, Lernen leben!

      1. Bei mir hat mein älterer Cousin eine ähnliche Rolle eingenommen. Zwar ohne Spaghetti aber spannend war es trotzdem 😉

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