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#4.01 | Burg Schlitz

Gelb. So gelb! Kein leuchtenderes Gelb bietet die Natur dem Schauenden als das von blühendem Raps. Die aufgepflanzten Heere der flammenden Felder stehen in feindseligem Gegensatz zu den friedlicheren Hügelketten des Mecklenburger Landes.

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#3.09 | Guntram hat wieder recht

In der ‚Paris Bar‘ schienen wir nicht erwartet zu werden, ich fand meinen Namen auch nicht beim Schielen ins Bestellbuch. Das hätte mich wütender gemacht, wenn wir nicht den besten Tisch des Lokals bekommen hätten.

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#3.08 | Feuer am Ohr

Winfried sagte mir auch gleich bei meinem ersten Anruf am Ankunftssonntag, dass Peter und er am Montagabend nach Essen führen, und weil er weit draußen in Buckow arbeite, würden wir uns nicht zu viert sehen; Peter habe aber nahe seinem Arbeitsplatz bei den Festwochen ein Mittagessen mit Silke und mir im ‚Manzini‘ geplant.

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#3.07 | Wenn man sich’s leisten kann

Auch für Koenigssee und Wissmannstraße hatten wir gutes Wetter im 19er-Bus, in dem schon meine Großmutter die Halenseebrücke zwischen Kurfürstendamm und Grunewald überquert hatte.

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#3.06 | Südamerika in Charlottenburg

Kurz vor sechs schlenderten wir über den Kurfürstendamm zum Schlüterplatz; dort konnte ich Silke das Lokal zeigen, das nicht mehr ‚Hardtke‘ war, was so flink ging, dass wir pünktlich bei Hanno und Christine in der Mommsenstraße waren.

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#3.05 | Perleberg und überhaupt

Das Verlassen von Schwerin machte uns ein wenig ungeduldig, denn weil wir nun nicht mehr versuchen mussten, die Straßenschilder zu entziffern, wurde es uns vor den roten Ampeln ziemlich langweilig. Doch dann stimmte Silke zu meiner Freude zu, Ludwigslust ins Reiseprogramm mit aufzunehmen.

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#3.04 | Zwischen Frack und Ringelhemd

Den Abend wollten wir natürlich in Downtown Schwerin verbringen, wurden allerdings gleich an der Rezeption darauf aufmerksam gemacht, dass das, was da an der verwahrlosten Kaimauer lag, nicht zum Hotel gehörte. Auf so eine Idee wäre auch niemand gekommen, und selbst zum Tode verurteilte Schwabinger hätten mit diesem Kahn nicht versucht, die Isar zu überqueren.

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#3.03 | Unser Herkommen, unser Wegkommen

Silke und ich hatten bisher ja tapfer geschwiegen, aber es roch nun doch so stark nach Benzin, dass ich gleich hinter der nächsten Baustelle Silke bat, in einer Einfahrt zu halten, damit ich nachsehen konnte, ob ich den Tankdeckel bei Aral in Hamburg richtig zugemacht hatte.

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#3.02 | Das Gemeinsame von Island und Kolumbien

Silke saß meistens am Steuer, weil sie schon seit Langem den Alkohol gänzlich mied und topfit war, während ich mich noch nicht zu dieser weibischen Enthaltsamkeit durchgerungen hatte und mein Alkoholspiegel dank hoch verdünnter Spirituosen niemals in die Nähe des bedrohlichen Null-Promille-Pegels kam.

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#3.01 | Ich trau’ mich was

Ich möchte meinen Berlin-Zyklus ‚WACHS!‘ mit den beiden letzten Briefen beenden, die ich je von einer Berlin-Reise geschrieben habe. Seit den ersten Briefen von 1967 kam da schon eine ganze Menge Text zusammen.

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#2.58 | Die abgebrannte Kerze

Da waren also erst der Weg, dann das Haus und meine Eltern; Volker half mir bei der Wiedervereinigung meiner Wohnung mit meinen Habseligkeiten, und ich hämmerte mir ein: zu Hause.

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#2.57 | Besuchsprogramm

Montag, 31. Juli: Wahrlich, eine Zusammenfassung. Ab heute Nachmittag würde ich Volker Eckhoff zwanzig Stunden lang ein Berlin bieten wollen, das ihm nicht nur als Freundschaftsdienst, sondern auch als Erlebnis in Erinnerung bleibt.

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#2.56 | Einordnung

Sonntag, 30. Juli: Sonntags darf man noch ein bisschen länger im Bett bleiben als am Sonnabend. Der Pfarrer unserer Gemeinde nannte von der Kanzel herab das Zehn-Uhr-Dreißig-Hochamt ‚Langschläfer-Messe‘.

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#2.55 | Väter und Söhne

Das Telefon klingelte. In meinem ganzen Leben habe ich Dorothee noch nie so kreischen gehört. Unter den Linden war es nicht trockener gewesen als in Neukölln, nur waren Dorothee, Mirella und ihr Mann ohne Schirm aufgebrochen.

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#2.54 | Ein Betrug wird entdeckt

Fünf nach zwei stand ich wieder auf der Friedrichstraße. – Fünf Minuten zu spät. Der Elektroladen hatte geschlossen. Jenseits der Linden würde ich problemlos bis 16 Uhr eine Videokassette kaufen können, aber das war nicht meine Richtung. Ich hatte mir vorgenommen, die Wahrheit über die Sonnenallee in Augenschein zu nehmen ...

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#2.53 | Welttheater

Samstag, 29. Juli: Sonnabends darf man immer ein bisschen länger im Bett bleiben. Da reißt es einen nicht schon um elf aus den Federn, sondern erst um zwölf, vor allem dann, wenn der sommerbunte SAT.1-Ballon sich gegen den November-Himmel stemmt, einen Himmel, so schwer und grau wie ein Elefant, der den ohnehin mitgenommenen Porzellanladen Berlin in Grund und Boden trampeln will.

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#2.52 | Kurze Beschreibung eines langen Abends

Hanno und Christine leben fünfzig Schritte von Dorothee entfernt. Man hat also dasselbe Problem: S-Bahn Friedrichstraße bis Savignyplatz oder U-Bahn bis Wittenbergplatz und dann laufen oder auf Bus hoffen.

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#2.51 | Die Geschlechterrolle im 21. Jh.

Freitag, 28. Juli: Wenn es gar nichts mehr zu verträumen gibt, steht man eben auf. Gegen halb zwölf ist das kein Beinbruch: hochgehinkt! Der nächste Abend kommt bestimmt.

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#2.50 | Warum die Sowjetunion unterging

Jeder weiß, wie süß ich mit Menschen bin, aber wenn Leute pomadig auf der Rolltreppe rumstehen, weil es ja sowieso abwärtsgeht, dann kann ich wirklich rabiat werden. Solchen passiven Individuen würde ich sofort die Sozialhilfe streichen; dass sie selber Geld verdienen, halte ich für ausgeschlossen.

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#2.49 | Zoo

Donnerstag, 28. Juli: Ungeküsst wie immer verließ ich das Haus, aber nicht, um mich von irgendeiner dahergelaufenen Muse bezirzen zu lassen oder dem ‚Schweigen der Sirenen‘ zu lauschen, sondern um richtigen, waschechten Imperialismus zu erleben ...

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#2.48 | Kennenlernen

Ich habe niemanden kennengelernt, hier in Berlin, und jetzt werde ich auch niemanden mehr kennenlernen. Doch: Freitag Dorothees beste Freundin aus Mailand, aber das meine ich genauso wenig wie ihre Marion oder meine angeheiratete Verwandtschaft.

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#2.47 | Morgendlicher Spätnachmittag

Mittwoch, 26. Juli: Gegen zwölf wachte ich auf, zu einer Zeit also, von der ich vermute, dass rechtschaffenere Menschen als ich bereits an den Feierabend denken (Huren, Einbrecher und Souffleusen ausgenommen).

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#2.46 | Architektur der Stadt

Dienstag, 25. Juli: Ungefrühstückt wie immer verließ ich das Haus: um frühstücken zu gehen, bei ‚Möhring‘. Einst hatte das Möhringer Frühstück Tradition – da saß ich dann mit Roland am Ku’damm. Jetzt sitz’ ich mit Papier am Gendarmenmarkt.

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#2.45 | Den richtigen Zug nehmen

Klar, es gibt auch Positives: Zum Beispiel ist es immer schön, wenn es zu einem Bahnhof, zu dem man will, einen direkten Zug gibt von dem Bahnhof, auf dem man steht. So richtig zur Geltung kommt diese Annehmlichkeit dann, wenn man auf dem Bahnhof, auf dem man steht, in den richtigen Zug einsteigt ...

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#2.44 | Versuche, das Leben zu ertragen

Montag, 24. Juli: In fünf Monaten ist Weihnachten, und heute hat Herbert Geburtstag. Ich beglückwünsche seinen Anrufbeantworter und schlafe weiter. Nichtstun ist nun mal meine Lieblingsbeschäftigung.

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#2.43 | Abendmahl

Sonntag, 23. Juli: Die lieblose Aufzählung soll willkommene Leser meines Tagebuchs nicht täuschen: Wir bilden eine Einheit, mit Leibern und Seelen. Auch wenn Guntram sich in dem Stadium zu befinden scheint, in dem die DDR 1989 war. – Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

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#2.42 | Pflichten wahrnehmen

Freitag, 21. Juli: Kopfschmerzen und Übelkeit. Ohne getrunken zu haben. Das ist wie Ausrutschen ohne Bananenschale. Man meißelt ‚WARUM?‘ in den Himmel und keinen schert’s. Wenn nichts anderes hilft, muss man eben gläubig werden oder zynisch; wandern, schreiben. Oder im Bett bleiben.

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#2.41 | Canapés

Ich strebe die Voß entlang zur Friedrichstraße. Zwischen ‚Planet Hollywood‘ und Lafayette fällt mein Blick auf eine Tafel, die für ein Ärztezentrum wirbt: ‚Neun Zehntel unseres Glücks beruhen allein auf der Gesundheit.

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#2.40 | Ein Saurier am Potsdamer Platz

Donnerstag, 20. Juli: Ein Tag, der so viel bewirken sollte und so wenig bewirkt hat, damals: 1944. Meine Eltern berichten, wie enttäuscht sie waren, und meine Mutter fügt im Allgemeinen noch hinzu, dass sie, wenn sie die Chance dazu gehabt hätte, weniger halbherzig vorgegangen wäre.

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#2.39 | Auf Augenhöhe

„Ich gehe oft hier spazieren“, sagt Marion. Auf der Grenze? Oder der Grenzenlosigkeit. Oder wegen des unverwalteten Grüns, Brauns und Graus, das den Straßen und Ampeln mitten in der Stadt Einhalt gebietet wie in Hamburg die Alster.

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#2.38 | Übersetzen

Bei Hugendubel, dem modernen Buchmarkt auf drei Etagen, frage ich nach dem ‚Schweigen der Sirenen‘. Erst mal bekam ich nur das Schweigen der Verkäuferin.

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#2.37 | Eine Unterbrechung

Mittwoch, 19. Juli: Es hätte sich gehört, heute dem Westen seine Grenzen zu zeigen. Das Egoneum, benannt nach der Pumpernickel, war die vornehmste Hilfsschule Dahlems, das Gymnasium für Zurückgebliebene aus gutem Hause an der Grenze zu Schwachsinn und Steglitz.

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#2.36 | Unheilbar

Am Bahnhofskiosk durchforstete ich das Angebot. Unter ‚BILD‘, ‚Tagesspiegel‘, ‚BZ‘ und ‚Morgenpost‘ fand ich tatsächlich ein einziges Exemplar des ‚Neuen Deutschlands‘, versteckt, fast unterm Ladentisch. Von der Decke hingen austauschbare Magazine. Allein ‚Das Busenwunder von Chemnitz‘ blieb an mir haften.

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#2.35 | Hinterlassenschaften

Ich wechselte in die Linie U5, die Dorothee so dringend zur Bernstein-Schule hatte nehmen wollen, verließ sie aber schon nach zwei Stationen: Strausberger Platz. Hier beginnt der denkmalgeschützte Teil der Karl-Marx-Allee, die seit 45 Jahren nicht mehr Stalin-Allee heißt und doch den Stempel Stalins, nicht den von Marx, trägt.

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#2.34 | Verlorene Mitte

Dienstag, 18. Juli: Es muss endlich wieder mal etwas geschehen! Ich bin nicht nach Berlin gekommen, um selbstmitleidige Gedankenblasen an die Schlafzimmerdecke zu pusten und über Orte zu lesen, an denen ich nicht bin, abends aus meinem Bau zu kriechen und bei Dorothee mein Futter abzuholen.

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#2.33 | Zwischenbilanz

Sonntag, 16. Juli 2000: Halbzeit. Und? Gut zwei Wochen Berlin: ohne besondere Vorkommnisse. Noch zwei Wochen und zwei Tage und nichts wird passieren, nichts. – Schlecht zwei Wochen Berlin. Die Hälfte vorbei, verpennt und verpulvert, und was bleibt, ist der bastelwillige Versuch, dem Gewesenen einen Sinn abzutrotzen.

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#2.32 (F) | Die ewig treue Moderne

„Wo habt ihr denn gestern Abend in der Philharmonie gesessen?“, fragte Dorothee, als wir schon wieder kurz vor ihrer Wohnung in der Bleibtreustraße waren. „Block C“, antwortete ich. „Was?“ Dorothee blieb stehen. Sie lachte fröhlich. „Ach, das freut mich aber. Da hab’ ich ja viel besser gesessen.“

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#2.32 (E) | Eigenartige Köpfe

Ich hatte mir zwei Garnituren für Berlin ausgedacht: eine grünlich-beige, die wahlweise mit Pullover oder – für den leicht gehobenen Anlass des gestrigen Mittagessens – mit Hemd und Krawatte zu tragen war, und eine dunkelblaue, die den festlicheren Begebenheiten wie Marinas Geburtstag vorbehalten blieb.

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#2.32 (D) | Harry, Max und Moritz

Harry wollte am Konzerttag schon frühzeitig in der Philharmonie sein, um hinter der Bühne noch stören zu können. Der Dunstkreis von Künstlern tut seinem Atem schon seit jeher gut. Ich kriege da eher Erstickungsanfälle, und Pali, der ungern eine Gehässigkeit ausließ, behauptete, dies sei darauf zurückzuführen, dass ich lieber selber Star sei, als einen um mich zu haben.

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#2.32 (C) | Telefongespräche zwischen Berlin und Hamburg über Sauerbraten

Dorothee: Ich hab’ noch nie Sauerbraten gemacht, ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich: Dann lass es doch, mach doch was anderes! Dorothee: Nein, Harry hat sich so sehr etwas Deutsches gewünscht. Das kriegt er sonst nie. International isst er ja immer. Ich: Dann mach doch Kasseler!

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#2.32 (B) | Wie im Fieber

Wie so oft mache ich etwas, was nicht geht: Ich springe jetzt, genau zur Hälfte meiner Berlin-Reise, in die Zukunft. In dieser Zukunft wird mir ein Ausstellungsbesuch mit Dorothee wie ein Déjà-vu vorkommen, weil ich mich an den eben beschriebenen erinnern werde.

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#2.32 (A) | Därme aus Zinn

Donnerstag, 13. Juli: Gegen Viertel nach drei am Nachmittag wachte ich endgültig auf. Wie weit ich auch dachte: Ich hatte keine Verpflichtungen mehr. Meinem Körper ging es schlecht, aber ich war frei.

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#2.31 | Einweihung

Ich war früh dran, das Wetter war schlecht. So amortisierte ich außerdem meinen Regenmantel. U2 bis Wittenbergplatz, dann U1 bis Fehrbelliner Platz. Der schwedische Barbar hatte in seinem alternativen Berlin-Buch darauf aufmerksam gemacht, dass der Fehrbelliner Platz neben dem Flughafen Tempelhof die reinrassigste Nazi-Architektur sei – ein stimmungsgerechter Auftakt für den Abend also.

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#2.30 | Abhilfe

Mittwoch, 12. Juli: O Gott, geht es mir schlecht! Könnte ich doch durchschlafen bis in den Tod hinein! Das kommt vom Sancerre und vom Whisky. Aber ich bereue nichts. Es war ein wunderbarer Abend.

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#2.29 (C) | Weinprobe

Da es nichts mehr zu sagen gab, traf es sich gut, dass wir mit gewissem Nachdruck an die Tische gebeten wurden. Irene wollte neben dem prominenten Ivan Nagel und an Jeffs Tisch sitzen.

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#2.29 (B) | Unter Kennern

An dieser Stelle noch eine Delle. Ich füge hier wieder ein paar Seiten aus einem früheren Brief ein, der belegt, dass ich auch als Privatier – also nach meinen Zeiten von Aufnahmen in der Philharmonie und Nächten im ‚Kempinski‘ – weiterhin am gehobenen Kulturtreiben in Ku’damm-Nähe einen gewissen Anteil nahm, bevor ich jetzt in der ‚Bar jeder Vernunft‘ meiner eigentlichen Bestimmung nähertrat.

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#2.29 (A) | Ausgelassen

Kaum verlässt man die Achse Tauentzien–Ku’damm, wird es in den Seitengassen gleich beschaulich. Die Marburger entspricht der Größe Marburgs und verliert sich – geografisch eigenwillig – in die Augsburger. Dort liegt ein Platz, der (es wird immer kurioser) Los-Angeles-Platz heißt, eine offenbar recht neue Grünanlage vor dem langen Klotz des ‚Sheraton‘-Hotels.

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#2.28 | Sehen trotz Kontaktlinsen

Dienstag, 11. Juli: Ich war verblüfft. Prüfend schickte ich mein Bewusstsein in jede erdenkliche Körperzelle. – Kein Zweifel: Es ging mir gut – falls das den Zustand bezeichnet, in dem es einem nicht schlecht geht. Ich stand auf, kochte Wasser für den Teebeutel und beschmierte einen Zwieback mit Pflaumenmus.

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#2.27 | Gottesurteil

Montag, 10. Juli: Das Positivste an meinem Zustand war, dass ich nicht aufstehen musste. Aber sonst? Ich torkelte ins Wohnzimmer, sah den SAT.1-Ballon am grauen Himmel und torkelte gleich wieder zurück ins Bett. Da hatte ich nun Blumen und Obst, beides echt, die Stadt vor der Haustür, das Leben zu Füßen, das Alter im Nacken und wollte nichts als das Laken unter mir und die Decke über mir.

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#2.26 | Wohnen ohne eigene Möbel

Sonntag, 9. Juli: Giuseppe trank Tee, aß Zwieback mit Pflaumenmus, packte seinen Koffer und fuhr über Schöneberg die Potsdamer Straße nach Steglitz und Zehlendorf, dann auf die Autobahn nach Leipzig, München, Innsbruck, Trient und fuhr durch die Valsugana nach Bassano.

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#2.25 | Berühmt werden oder nicht

Menschen im Tiergarten: Loveparade. Giuseppe war total enttäuscht, echt. Diese riesigen Lastwagen, auf denen dreiviertel nackte Mädels verbissen rumzuckten. Diskant gellte in den Ohren, Bässe massierten das Gedärm. Ich sah mir die Köpfe der Massen an, die uns Richtung Siegessäule entgegenkamen, während unser Strom sich zum Brandenburger Tor durchwälzte: schrilles Haar, schlichte Ringe, überall zwischen Augenbraue und Unterlippe, viel Glitzerkram von der Stirn abwärts und – verbissene Gesichter, düsterer als der Himmel.

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#2.24 | Von den Göttern getrieben

Sonnabend, 8. Juli: Giuseppe eröffnete mir überraschend, dass er am Sonntag abreisen wolle. Zunächst hatte ich mich etwas gewundert, dass er so lange blieb, jetzt war mir etwas seltsam zumute, dass ich nun wirklich so allein sein würde, wie ich meinen Berlin-Aufenthalt geplant hatte.

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#2.23 | Wassermelone

Nach dem obligatorischen Nachmittagsschlaf banden wir uns Krawatten um den Hals und traten die Fahrt nach Zehlendorf an. Mir fiel ein, dass wir es verabsäumt hatten, ein Gastgeschenk zu kaufen.

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#2.22 | Kein Schloss, kein Wachtturm

Freitag, 7. Juli: Genug geostelt! Heute war wieder der Westen dran, genauer gesagt: der Nordwesten. Es ging mir besser. Gestern hatte ich, bevor wir die Demokratie-Ausstellung gesehen hatten, beim Apotheker vorbeigeschaut, um Prof. Büchsels Rezepte einzulösen. Er hatte gerade einer jungen Frau Aspirin für 7,50 DM verkauft. Bei mir durfte er zwei Nullen dranhängen.

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#2.21 | Unter- und überwegs

Donnerstag, 6. Juli: Gott, ging es mir dreckig! Nein, so ging es nicht weiter! Jetzt war Schluss mit Saufen! Noch wichtiger, als gute Vorsätze in die Tat umzusetzen, war es, Giuseppe durch den Tag zu lotsen und mich mit. Da halfen nur eiserne Disziplin und gnadenloses Kulturprogramm.

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#2.20 | Es ist an der Zeit

Giuseppe wünscht sich Pankow, weil er Pankow früher immer in der Zeitung gelesen hat, wie Bonn oder Washington: ‚Aus Bonner Kreisen verlautet …, dagegen hat Pankow schärfsten Protest eingelegt.‘ Nachrichten-Sprache, die kein sehr ergiebiges Ausflugsziel vermuten lässt.

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#2.19 | In- und auswendig

Mittwoch, 5. Juli: Wenn es mir schlecht geht, habe ich einen Widerwillen gegen alles, was mich an die Welt bindet: Telefongespräche, E-Mail-Schreiben, Termine vor Ort. Anderen dienen gerade solche Bindeglieder als Rettungsringe. Mein Anker ist mein Bett.

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#2.18 (B) | An etwas glauben

Jetzt begehe ich den nächsten meiner geplanten Stilbrüche und schiebe den Beitrag ein, den ich im Herbst 1977 zu Dorothees Weggang von der ‚Deutschen Grammophon‘ verfasst habe. Er beschreibt sie und unsere Not mit ihr ganz gut, und eine windelweiche Lobhudelei, wie sie in drei Sätzen von anderen Kollegen und Vorgesetzten verlegen abgesondert wurde, war von mir ja ohnehin nicht zu erwarten.

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#2.18 (A) | Königsberger Klopse

Die Schule ist als Bau das Gegenteil von Bernstein: nüchtern, fantasielos, plump. Dorothee begrüßt den Direktor überschwänglich, er erkennt mich, findet aber den Gast aus Italien exotischer als einen Wessi.

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#2.17 | Eine pädagogische Unterbrechung

Wem es jetzt schon reicht, der kann den folgenden Text auslassen und am Freitag weiterlesen. Wem Kultur liegt, der oder die kann heute die Rede studieren, die ich 1997 zur Namensweihe der Leonard-Bernstein-Schule gehalten habe.

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#2.16 | Erbarmungslos

Dienstag, 4. Juli: Seit ewigen Zeiten schlief wieder jemand neben mir im Bett. Im Aufwachen dachte ich jedes Mal, es sei Roland. Mein linker Fuß, mein Ost-Fuß also, schmerzte bei jeder Bewegung. Mit herannahender Ausnüchterung im Morgengrauen kamen die üblichen Beschwerden hinzu ...

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#2.15 | Irrwege ans Ziel

Der älteste Bruder meines Vaters, Achim, war nach seiner durch den Kriegsverlauf erzwungenen Rückkehr aus Paris, wo er sich als Verwalter des ‚Feindvermögens‘ Ehre erworben hatte, vom militärischen Dienst freigestellt worden ...

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#2.14 | Der Sprung ins Diesseits

Versonnen saßen wir auf der Holzbank und blickten, nicht minder versonnen, auf die Uferböschung der Pfaueninsel und auf die Fähre, deren Zwei-Mann-Besatzung sich offenbar eine längere Verschnaufpause gönnte.

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#2.13 | Mund-Diarrhö

Montag, 3. Juli: Giuseppes leeres Bett zwang mich unweigerlich zum Aufstehen. Als ich aus dem Bad kam, hatte Giuseppe schon den Zwieback für mich beschmiert: mit wenig Pflaumenmus und viel Idealismus.

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#2.12 | Am Nabel, drüber und drunter

Sonntag, 2. Juli: Heute setzt das Ausflugsprogramm ein. Wie immer zuerst in östlicher Richtung, und das bedeutet bei mir Köpenick. Zu irgendeinem Zeitpunkt hebe ich den Kopf. Wenn Giuseppes Feldbett leer ist, weiß ich, dass ich demnächst aufstehen sollte.

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#2.11 | So wild wie möglich

Die Linden sind nicht die Via Appia, dafür sind sie viel belebter und beliebter. Der brutal zugepflasterte Mittelstreifen ist wieder manierlich hergerichtet, mit Kies und Bänken. So wie es früher war, las ich. Heute weiß man ja nie: Was ist historisch, was ist postmodern, was ist Fake?

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#2.10 | Abfahrt und Neustart

Samstag, 1. Juli: Bo und Ingrids letzter Tag. Wochenend und Sonnenschein. Wie von den Comedian Harmonists. Nachmittags die Fähre ab Rostock. Wir fahren zu viert in Giuseppes Auto. Erst Unter den Linden entlang, durchs Brandenburger Tor, an der Siegessäule vorbei; ich leite Giuseppe scheinheilig zum Kurfürstendamm.

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#2.09 | Begleiter beschummeln

Nun, nach der Zäsur durch das Bett, sollte sich der alte Westen gegen den neuen Osten behaupten, und da Gediegenheit weder hier noch dort anzutreffen ist: Wo könnte der Westen besser zur Geltung kommen als in seinem Kaufhaus!

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#2.08 | Schutt und Masche

Wir verließen den Potsdamer Platz. Eine Steigerung war nur noch theoretisch möglich. Also bestiegen wir den nagellackroten Informationscontainer ‚Info-Box‘ auf dem noch nicht vorhandenen Leipziger Platz, um uns über die Zukunft zu unterrichten. Außerdem konnte man von dort oben aus nach allen vier Himmelsrichtungen blicken, ohne irgendetwas Bemerkenswertes zu sehen. Das war schon faszinierend. Ähnliches haben Rom oder Paris nicht zu bieten, da hätte man immer gleich in Bedeutendes geguckt.

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#2.07 | Im Kino

Giuseppe war etwas enttäuscht: Die sieben Hügel hatte er von Rom her anders in Erinnerung. Hier, in der Ausstellung ‚Sieben Hügel‘ im Gropius-Bau, waren sie ihm einfach zu flach. Ich fand den Bereich ‚Traum‘ am enttäuschendsten, weil ich von dem Thema etwas zu verstehen glaube.

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#2.06 | Bedienstete beschummeln

Freitag, 30. Juni: Ich hatte am Vortag so diszipliniert gesoffen und so früh das Hotelzimmer aufgesucht, dass ich mich imstande fühlte, Aurehls als Fremdenführer für Giuseppe abzulösen. Vorher hatte ich allerdings noch einige Erledigungen zu verrichten, die vielleicht besser unbeschrieben blieben, was jedoch meiner zu Anfang aufgestellten Grundregel widerspräche, über bisher ungesagte Wahrheiten zu berichten.

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#2.05 (G) | Muschel oder Filmschauspieler?

Montag Vormittag hatten Bo und Ingrid frei, um Andenken zu kaufen. Wir trafen uns aber zufällig beim Frühstück, ich konnte auf das morgendliche Rührei einfach nicht mehr verzichten und verstieg mich sogar auf ein Scheibchen Lachs dazu.

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#2.05 (F) | Schnapsleichen und Marzipanpflaster

Dann kam Werder. Schon aus der Ferne hatte das Riesenrad mich ein wenig argwöhnisch gemacht, aber ich war in keiner Weise vorbereitet auf das, was uns erwartete. Man muss vergessen, dass man das Wort ‚Rummel‘ kennt, man muss es einfach mal als Lautmalerei auf sich wirken lassen: mit hartem, brutalem ‚R‘, kurz geblöktem ‚U‘ und einer nicht enden wollenden Kette fest gepresster ‚M‘, die in dieses fiese Rattenschwänzchen ‚el‘ münden.

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#2.05 (E) | Sonntagsausflug

Für den Sonntag war das gute Wetter am wichtigsten – denn der Sonntag war unser Ausflugstag. Ich hatte schon telefonisch versucht, den Dampfer nach Werder zu buchen, aber dafür hätte ich die Karten entweder in Treptow, ganz im Osten, abholen müssen, oder ich musste mich darauf verlassen, dass das Schiff noch nicht ausgebucht war und wir an der Kasse am Wannsee noch drei Plätze ergattern würden.

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#2.05 (D) | Geld wegzaubern

Aufbruch, Aufbau, Ausbau erleben. Im Alter wird alles immer schlechter: Die Jugend hat kein Benehmen mehr, und die Hotelzimmer kosten das Dreifache von früher.

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#2.05 (C) | Empfehlung und eigene Entscheidung

Berlin war frühlingshaft warm und licht, zumindest von meinem Austritt aus, Bo und Ingrid kamen fünf Minuten verspätet zum Frühstück, diese Zeit würde jetzt vom gemütlichen Ku’damm-Bummel abgehen.

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#2.05 (B) | Spree/Havel – alles unter einem Hut

Na, nun war’n wir schon mal in der Friedrichstraße, nun konnten wir auch gleich den Bezirk Mitte abhaken. Die Friedrichstraße ist ja eine etwas längere Verkehrsader. Das Problem ist eigentlich nur der dem ‚Palast‘ recht nahe Bahnhof. Er ist als Christo-Nachwehe eingehüllt und ansonsten Baugrube.

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#2.05 (A) | Eine ungeheuerliche Abschweifung

Donnerstag, 29. Juni: Es gibt Menschen, die schlafen abends ein und wachen morgens auf. Dann fragen sie: ‚Was kost’ die Welt?‘ und ‚Wo bleibt das Frühstück?!‘ Sie halten nach der vierten Tasse Kaffee nach den Bäumen Ausschau, die sie ausreißen könnten; die Ärmel hatten sie schon hochgekrempelt, bevor sie sich angezogen haben.

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#2.04 | Mitte

Von der Straße auf die Autobahn. Es ist mir unmöglich, das Wetter nicht auf meinen Gemütszustand zu beziehen, aber wenn ich Italienisch spreche, muss ich mich konzentrieren. Das lenkt ab. Bo im Wagen hinter uns fährt sehr viel bedächtiger als Giuseppe. Von Zeit zu Zeit sieht Giuseppe in den Rückspiegel, schüttelt den Kopf und stößt ein paar Worte hervor.

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#2.03 | Aufbruch im Morgen-Grauen!

Mittwoch, 28. Juni: Jeder Morgen ist die Hölle, dieser ist keine Ausnahme, sondern nach den Weinmengen vom Vorabend eher der Höhepunkt der Regel. Ich flackere aus dem Bett wie eine Flamme in der Zugluft und schmeiße alles, was sich nicht wehrt, in den großen Koffer, den ich in der Abseite gefunden und gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt habe.

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#2.02 | Einstein

Ein willkürlicher Sprung. Heute ist mein letzter Tag in Berlin. Ich sitze noch einmal im Garten des ‚Einstein‘. Der Himmel ist stark bewölkt, so wie an fast jedem Tag seit meiner Ankunft. Kein Blau schimmert durch das wenig aufgelichtete Dunkel.

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#2.01 | Schiffstaufe

Darf das Schreiben eines Tagebuches doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie es Tage beschreibt? – Ein Tagebuch darf alles! Innere Zustände, äußere Umstände. Wenn für die Ereignisjagd keine Löwen zur Verfügung stehen, dann darf das Tagebuch großspurig aus Mücken Elefanten machen, aber es darf auch, um nicht zu übertreiben, Elefanten zu Mücken herunterspielen.

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Denkabfall

So verkehrt ihr richtig

Zweck jedweden Straßenverkehrs ist es, ... ... als Fußgänger beim Ausschreiten so vorzugehen, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer in ihrem Fortbewegungsverhalten auf kreative Weise beeinflusst werden: zu dritt dicht nebeneinander gedankenverloren vor Eiligen rumzuschleichen oder Promenierende und Behinderte bei hastigem Überholen zu rempeln. Das sind nur zwei aus einer herrlichen Fülle von Möglichkeiten.

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Denkabfall

Zwei Geschichten in einer

Zacharias/Andreas lag im Bett. Er spürte fast nichts als das Laken unter sich: Es war so viel widerstandsfähiger als die Haut seines Rückens, natürlich. Es würde jedem Fingernagel standhalten und nie bluten.

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Denkabfall

Eine bewundernswerte Frau

Wir nannten sie alle immer ‚Jája‘. Das kam eigentlich von ‚Juliane‘, aber es hing auch damit zusammen, dass sie immer so positiv war: Es war eine abkürzende Zärtlichkeitsform ihres Charakters. Aber gerade diese entwaffnende Fröhlichkeit war es auch, die ihr den ersten großen Schmerz zufügte.

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Gereimtes und Ungereimtes

Zwischenmahlzeit

Das war also der Bericht meiner Reise von 1998. Zwei Jahre darauf war ich wieder für einen Monat in Berlin. Der Aufenthalt war somit etwa gleich lang, die Aufzeichnungen waren sehr viel ausführlicher. Aber vertrauen Sie mir: Wenn Sie das abgeschlossene Tagebuch gemocht haben, dann wird Ihnen auch das folgende nicht langweilig vorkommen

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#1.15 | Fontane, Kaserne, Mansarde

Sowohl Dorothee als auch Marina hatten mit mir nach Neuruppin fahren wollen, die Fontanestadt am See. Ich hatte die Aufforderung ausgeschlagen, mit dem Hinweis darauf, dass Neuruppin ja auf meinem Rückweg läge und ich die Stätte dann mit meinen Eltern gemeinsam besichtigen könnte.

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#1.14 | Essen gehen

Als wir wieder in der Stadtmitte waren, gab es noch genug Zeit, um sich für den Abend auszuruhen. Da sollte ein Essen mit meiner Cousine Marina, ihrem Mann Florian und Dorothee stattfinden. Guntram war das sehr recht gewesen. „Ein Aufwaschen“, sagte er, aber Irene hatte erhebliche Bedenken geäußert.

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#1.13 | Mittendrin und außerhalb

Mittwoch: Lankwitz. – Die Kindheitslocation meines Vaters ist noch schlimmer gebeutelt als meine eigene. Der Park, in dem er mit seinen Brüdern und Freunden gespielt hat, blüht nach wie vor, aber die Häuser sind alle weg und durch erbärmliche Wohnsilos ersetzt worden. Immerhin, die Proportionen stimmen noch ...

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#1.12 | Ein schönes Geschenk

Michael rief heute an und fragte, ob wir uns treffen sollten. Bei Michael heißt das immer: Kulturprogramm. Er ergänzte auch gleich, in die Neue Nationalgalerie dürften wir aber nicht gehen, denn da ginge Jürgen hin, und der wolle mich immer noch nicht sehen. – Neben der Kalbs- und der Geflügel-, der groben und feinen gibt es noch die beleidigte Leberwurst, und die find ich besonders wenig schmackhaft.

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#1.11 | Reden und wissen, worüber

Nachdem Dorothee die Beköstigung ihrer Pariser Freundin plus Anhang mit Bravour gemeistert hatte, galt die nächste Einladung ihren ehemaligen Kollegen von den Festwochen und ihrer Französisch-Lehrerin. Ich hatte die Freude, wieder mit gebeten zu sein.

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#1.10 | Auf der Straße und auf Besuch

Wie alle preußischen Feldherren, so weiß auch Dorothee, dass Angriff die beste Verteidigung ist: Als das letzte Bild filmischer Böklin-Entwürdigung verflimmert war und die Beleuchtung zuschlug, rief sie gleich aus: „Hochinteressant! Ich fand das hochinteressant.“ Ich stimmte Dorothee durch Kopfnicken zu: Ja, sie fand es hochinteressant. Allerdings kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass Dorothee jemals über irgendetwas zwischen Lessing und Ligeti gesagt hätte, dass es langweilig sei.

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#1.09 | Ein Maler auf der Leinwand

Dorothee hat meine Versessenheit auf Zusammenhänge nicht bloß verinnerlicht, sondern auch veräußerlicht. Kein Handwerker, kein Sterbender, kein Evakuierungsleiter hat den Mut, mich vor zehn Uhr morgens anzurufen, schon gar nicht meine Eltern. Wenn es also vor neun Uhr in der Früh’ bei mir klingelt und ich sollte wach und gar noch in Abnehmlaune sein, dann greife ich nach dem Telefonhörer und sage freundlich: „Guten Morgen, Dorothee.“

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#1.08 | Monumente hautnah

Mein nächstes Brecht-Erlebnis vereinte mich wieder mit Dorothee. Ich hatte mir am Sonntag durch emsiges Tippen ein kleines Nickerchen wohl, wenn auch spät, verdient. So war es nicht zu früh, als ich fünf vor fünf wieder aufwachte.

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#1.07 | Kultur und so

Das eigentliche Berlin-Erlebnis besteht darin, auf den Fahrstuhlknopf zu drücken, acht Sekunden abwärtszufahren, einen acht Meter langen Gang zu überwinden und durch eine Tür zu treten. Dann bin ich in Berlin. Geld krieg’ ich gleich im nächsten Eingang, eins weiter ist der Bäcker, auf dessen Tüten steht, wie toll seine Brote und Kuchen seien.

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#1.06 | Prominenz

Ich war zu früh an der Deutschen Oper an der Bismarckstraße, die drei Minuten später eintreffende Dorothee bloß überpünktlich. Endlose Schlangen vor der Kasse. „Siehst du“, sagte Dorothee, „war doch gut, dass ich schon gestern hier war.“ Dann begann Dorothee sofort mit dem Feilschen um das Eintrittsgeld.

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#1.05 | Volle Gläser

Von Dorothee zurück zum Alexanderplatz. Der ‚Kaufhof‘ dort (früher ‚CENTRUM Warenhaus‘) ist eine Sechzigerjahre-Perle: fensterlos, mit einer Art blaublechernem Fischgrätmuster aus Aluminium. Aber innen ist er ganz manierlich, und er bot all das, was mir bei Lafayette zu teuer gewesen war.

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#1.04 | Eingewöhnung

Der Gendarmenmarkt war eine Enttäuschung: ‚darm‘ drückte es am besten aus, aber auch – verkürzt – ‚arm‘ kam hin. Ein Open-Air-Festival fand statt, die mühevoll restaurierten Gebäude waren von Tribünen verdeckt, und alle, die das Geld nicht ausgeben wollten, um dort zu sitzen, konnten sich den Lärm auch auf den Treppenstufen der umliegenden Häuser anhören und unbekümmert ihre Hinterlassenschaft an zerknüllten Papieren, abgenagten Knochen und eingeknickten Pappbechern der Müllabfuhr überlassen.

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#1.03 | Rote und grüne Punkte

Ich fuhr noch tiefer in den Osten hinein, zur ‚Müggelseeperle‘. Meine Neugier war allerdings rasch gestillt. Natürlich hatte ich ein Schlösschen mit Seeterrasse erwartet, wie ich das vom Zürcher See her gewohnt bin. Stattdessen thronte ein verwitterter Betonklotz mit bösartigen kleinen Luken zwischen den Kiefern: Das war die ‚Perle‘,

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#1.02 | Rind im Mund

Es ist der 1. Juli 1998 und nicht zu fassen: Ich sitze in einem ‚Block House‘, Hamburgs prominentester Steakhauskette. Ich sitze hier, allein mit meinen Rechenkästchen. Ich schreibe sie voll, wie immer, Seite für Seite. Zum ersten Mal allein im ‚Block House‘. Sonst waren wir doch immer zu zweit, zu viert, zu sechst, seit fast dreißig Jahren.

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#1.01 | Ein Wechsel

Nach all den vielen Personen, die ich mir bloß ausgedacht habe, komme ich jetzt mal wieder auf einen realen Menschen: mich. Dabei beginne ich gleich ganz vorne, wie üblich. Auf meinem Geburtsschein von 1946 steht ‚Schmargendorf‘, und auf meinem Abiturzeugnis von 1965 stand es genauso: ‚Schmargendorf‘. Nichts als ‚Schmargendorf‘!

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4.6 | Resümee

Die Zeit der Ringelblumen ist vorbei. Den Musik-Boxen fehlt der letzte Groschen. Der Schnaps ist alle. Ich hau’ mich in die Falle.

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4.5 | Die Überschrift

Sie wollte eine Beruhigungspille nehmen und griff, immer noch benebelt von der Schlaftablette, in die Nachttischschublade. Ihre Finger fühlten Papier. Ein Zucken durchlief ihren ganzen Körper. Sie sprang auf, riss das Paket heraus und zerrte an dem Umschlag. Es war ein Stoß Papier.

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4.4 | In der Kabine

„Ich habe die Grenze erreicht“, sagte Andreas. „Ich bin über alle Schatten gesprungen. Ich habe einen Gehirntumor. Unheilbar. Operation wäre zwecklos. – Klingt furchtbar, nicht?

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4.3 | Identitäten

Die Musik hatte ausgesetzt. Klatschen und der Lärm, den Fröhlichkeit verursacht, unverdaute Rückstände von Freude. ‚Luxusschiff‘, dachte Anette, ‚Traumjacht, Musikdampfer, Fähre zur Unterwelt.‘ – „Ich habe keine Lust mehr“, sagte sie. Er riss den Kopf herum. „Wozu?“, fragte er scharf.

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4.2 | An Deck

„Was soll ich machen?“, fragte Anette. „Soll ich auf Ihr Spiel eingehen?“ Er sah sanft aus. Hinter der Offenheit seines Gesichts lag der Ernst, mit dem man ein Geheimnis hütet – sein eigenes und das der anderen. Der Wille zu schützen, das Wissen, schutzlos zu sein. Gefährdung und Zerbrechlichkeit strömen eine eigenartige Kraft aus, vielleicht ist es auch nur ein Reiz.

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4.1 | Eine Seereise

Da war es wieder und plötzlich ganz dicht unter ihr: das Meer. Anette stand über die Reling gebeugt und starrte auf das Wasser, das in leichter Unruhe vibrierte: ein mildes Auf und Ab, das sie verwirrte, ohne ihr näher zu kommen.

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3.7 | Spielen

„Nein, vielen Dank, wirklich nicht! Ich krieg’ keinen Bissen mehr runter. Es war wirklich ausgezeichnet, aber jetzt muss ich aufhören, sonst schlafe ich ein.“ Carola lächelte geschmeichelt. Der Kerzenschimmer und das Alter gaben ihr etwas Geheimnisvolles; ein Zauber, der besonders an Abenden wie diesem zur Geltung kam und von vier Gläsern Sangria eher gedämpft als unterstrichen wurde.

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3.6 | Dunkler Fleck

Aus Carolas Schlafzimmer drang ein kurzes Lachen, etwas nervös, etwas unecht. Christoph klopfte vorsichtig. „Christoph?“ „Ja.“ „Komm rein!“

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3.5 | Brandung

Christoph war jetzt allein. Die Sonne stach. Die Luft war reglos. Die Erde fieberte. Christoph atmete die Hitze ein. Seine Haut brannte. Von den Mimosensträuchern quoll ein weicher, einschmeichelnder Geruch herüber. Irgendetwas wie Gefräßigkeit lagerte oberhalb der Palmen und Ziegel ...

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3.4 | Personal

Ein Mann kam ums Haus, nickte Christoph zu und sagte etwas auf Spanisch. Er war etwa dreißig, hatte ein freundliches, unbedeutendes Gesicht und eine gedrungene Gestalt. Sein Arbeitsanzug ließ darauf schließen, dass er Handwerker war.

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3.3 | An der Leine

Plötzlich hatte Chico zu knurren angefangen. Ein langgezogener, aufdringlicher Laut, der in heftiges Bellen überging. Christoph drehte sich um, und in zwei Sätzen war der Hund bei ihm, sprang an seinen Beinen hoch und leckte ihm über die Oberschenkel.

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3.2 | Mut machen

Sie lagen nebeneinander auf Liegestühlen und hatten die Augen geschlossen. Die Sonne brannte Christoph wie das hitzige Scheuern eines aufgeregten Körpers. Sie biss ihm ins Gesicht und glühte auf seinen Beinen.

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3.1 | Zigeuner-Party

„Hast du etwa gern Männer um dich, die am ganzen Körper behaart sind?“, fragte Frau Benedikt ihren Besucher. Sie hatte Christoph mit dieser Frage nur beeinflussen wollen: Er sollte finden, dass sie den Gärtner zu Recht gewechselt hatte. Und so glaubte ihr Gast, sich die Antwort besser zu versagen.

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Denkabfall

Rückblick und Ausblick

Bevor wir ab Mittwoch die ‚Ringelblumen‘ im andalusischen Sommer betrachten, gönnen wir uns ein paar Minuten im Schnee bei der Petersburger Schlittenfahrt.

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Denkabfall

Betrachtung am letzten Tag des Jahres

Die jetzt abgeschlossene Erzählung zu Fragen einer verbindlichen Moral und spontaner Reise-Entschlüsse wollte ich nicht unterbrechen, aber jetzt machen wir zweimal Pause. Die erste hier, um Jahreszeit und Glaubensereignis kunstgeschichtlich zu würdigen.

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2.11 | Abseits der Moral

Mark gibt Iris einen Kuss und geht mit Gregor hinaus. Iris steht wie angewurzelt. Sie gehen zum Auto. Mark stockt plötzlich und nimmt Gregors Arm. „Ich habe gar keinen Führerschein“, sagt er. Gregor starrt ihn an. „Was?!“

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2.10 | Grandhotel

Draußen ist es hell. Sehr hell. Erwartet und überraschend zugleich. Gregor fährt den Wagen von der Rampe. Abwärts. Italien entsteht. Der Stil der Häuser, die Aufschriften. Erste staubige Palmen. Sie gleiten hinein in das Paradies der Urlaubsziele und Ruhesitze.

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2.09 | Tunnelblick

Sie gehen zusammen in den Frühstücksraum. Sie trinken Kaffee und essen Brötchen. Die Brötchen sind kross. Die Marmelade ist gut. Frauen sitzen in Kostümen, Männer in Jacken ohne Kragen.

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2.08 | Mehr wissen

Sie sitzen in der Gaststube. Holz und Zinn und Steingut. Gläser stehen vor ihnen. Teller. Um sie herum sind Menschen, ist matte Beleuchtung. Geschäftigkeit und Lachen. Weil alles fremd ist, gehören sie zusammen. Sie essen. Hungrig und doch stockend. Hier und jetzt haben sie nur sich.

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2.07 | Des Knaben Wunderhorn

Sie umgehen Luzern. Als sie auf den See stoßen, hat die Dämmerung eingesetzt. Zum ersten Mal die Berge. Blau, steil. Die Häuser mit den tief gezogenen Dächern. Zypressen. Eine Ahnung von Süden. Still das Wasser. Die Fähre malt zwei Linien.

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2.06 | Hart an der Grenze

Eine Weile lang sagen sie nichts. „Freiburg“, eröffnet Mark das Gespräch wieder, als sie an der Ausfahrt vorbeifahren. Der Himmel hat sich bewölkt. Kleine, harmlose Schäfchenwolken. „Ja, wir sind bald an der Grenze“, sagt Gregor. „Ich hoffe, dein Pass ist nicht abgelaufen.“

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2.05 | Roadmovie

„Die Tankstelle hinter Rastatt hat eine Raststätte“, sagt Mark. „Das beflügelt wohl dein Texterhirn, ist aber, wie das meiste in der Werbung, falsch!“, berichtigt ihn Gregor. „Es handelt sich hier um eine Imbissstube.“ Sie gehen hinein. Mehr ist es wirklich nicht.

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2.03 | Rollentausch

Bei Kassel müssen sie tanken. „Soll ich mal fahren?“, fragt Mark. „Kennen Sie den Wagen?“, fragt Gregor zurück. „Ja, so ziemlich.“ Gregor lächelt skeptisch. „Was heißt das? Sie haben ihn schon mal an der Kreuzung vorbeifahren gesehen?“

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2.02 | Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn

Sie sagen wieder lange Zeit nichts. „Ist es Ihnen recht, wenn ich das Fenster aufmache?“, fragt Mark kurz vor Hannover. Es ist schon sehr heiß im Wagen. „Ja sicher.“ Gregor hat einen Entschluss gefasst. Er sieht dem Jungen zu, wie er das Fenster runterkurbelt: Das knappe weiße Hemd bringt den Oberkörper gut heraus: sehnig, fest, geschmeidig.

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2.01 | Worum es geht

Die schwer zu beantwortende Frage: Ist dem Leben mit irgendwelchen Moralvorstellungen beizukommen? Nehmen wir zum Beispiel einen Mann von 34, Hans Schmidt, oder wenn das zu billig klingt, meinetwegen Gregor Sollendorf. Der Nachname klingt ein bisschen ambitioniert, aber – macht nichts, er kommt nur einmal vor.

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1.6 | Ausgefallen!

Es war kurz vor acht, und er war leicht betrunken. Sie war erschöpft nach Hause gekommen und hatte sich gleich hingelegt. Ein Drittel der Whiskyflasche war ausgetrunken. Jetzt wachte sie auf. Als ob er es nötig hatte, sich Mut zu machen! Sie sah auf die Uhr und erschrak.

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1.5 | Immer noch nichts Besonderes

Im Café traf er ein paar Freunde. Dann ging sie zu Frau Kleide, wegen Gutzenka. Sie redeten übers Studium. Frau Kleide fragte: „Finden Sie wirklich, dass er gut aussieht?“ Er hatte die meisten Scheine; für die Anzahl seiner Semester war er ziemlich weit.

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1.4 | Wieder nichts Besonderes

Sie lief die Mönckebergstraße entlang. Er saß in der Mensa. Ein azurblauer Kaschmir-Pullover in einem der Schaufenster gefiel ihr. Gulasch, er kaute lustlos. Sie blieb stehen. Widerwillig stocherte er mit der Gabel zwischen den Fleischbrocken herum. Den könnte sie sich eigentlich leisten.

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1.3 | Überhaupt nichts Besonderes

Punkt zwölf stand Frau Kleide in der Tür: „Kommst du?“ Er brütete über den Unterlagen. Sie sah auf die Uhr: „Ist es schon wieder so weit?“ Die Seite müsste er fotokopieren. Ein wenig erschrak sie über das Fortschreiten der Zeit.

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1.2 | Auch nichts Besonderes

Der Brief war fertig. Im Netz: War er die Spinne oder die Fliege? Sie zog die Blätter heraus, entfernte das Kohlepapier und legte den Brief und die Kopien in die Unterschriftenmappe, dann spannte sie den nächsten Bogen ein. Augen zu, einfach abschalten und losschießen.

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1.1 | Nichts Besonderes

Eine Schar Kinder läuft über das Feld, barfuß, mit bunten Kerzen. Der Wind bläst die Lichter aus. Sie wirbeln auseinander. Fühlst du dein Herz klopfen?

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Nachtluft | 18

Friedhöfe bedeuten mir nichts. Trotzdem möchte ich sein Grab sehen, einmal nur. Ich würde gerne mit seinen Eltern sprechen, aber ich kann es nicht tun. Sie haben mir einen so furchtbaren Brief geschrieben, in dem sie mir ihr Mitgefühl ausdrücken wollten und sich von ihrem Sohn, den sie nie verstanden hatten, noch im Tod losgesagt haben ...

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Berichterstattung | 17

Schön ist es, am Morgen früh aufzuwachen, um fünf Uhr schon, hell und klar im Kopf, und hinauszutreten vor die Tür. Ganz allein auf der Straße entlangzugehen, die zu den Feldern führt, an Holzzäunen und Dahlien vorbei auf Kopfsteinpflaster. Den Tau in den Wiesen glitzern zu sehen.

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Verzückung | 16

Plötzlich hatten Geräusche aus einer fernen Welt mich aufgestört. Ich lauschte. Ein fremdartiges Pulsen, dem ich nachgehen musste. Warum konnte ich nicht hierbleiben, in der entrückten Abgeschiedenheit meiner Höhle? Es ging nicht. Gott rief mich noch einmal hinaus.

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Das Gott geweihte Leben | 15

Ich hatte das Gefühl, Benedikt kam immer dann, wenn ihn ein neuer Einfall heimgesucht hatte, an dem er sich den ganzen Tag über während seiner Fahrten aufgegeilt hatte. Dann stürzte er sich auf mich, und ich war ihm ergeben. Einmal kam er mit der Schere, schnitt sich mehrere Büschel Sackhaare ab und stopfte sie mir in den Mund.

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In Ketten | 14

Wir duschten, wir lachten, wir küssten uns. Wir leckten uns die süßen Wassertropfen von der Haut. Wir saßen beim Abendessen, ein normales schwules Ehepaar. Er schnitt Tomaten, ich hackte Zwiebeln. „Gibst du mir das Salz rüber?“ „Danke. Hier ist der Pfeffer.“ Spielt sich so Leben ab?

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Mein Heim | 13

„Hast du etwas dagegen, wenn ich mir die Kammer etwas herrichte?“, fragte ich ihn beim Frühstück. Er sah mich prüfend an. „Mach, was du willst, du kannst dir freien Lauf lassen.“ Ich lächelte. „Danke!“

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Geschmacksrichtungen | 12

„Hast du was?“, Benedikt sah mich forschend an. Wir saßen beim Essen. Ich hatte Wurstscheiben und Käse und Brot auf den Tisch gestellt. „Nein. Wieso?“ „Ich weiß nicht.“ Ich zerschnitt eine Tomate. „Was bedeutet ‚im sauren Bereich gepuffert‘?“

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Utensilien | 11

Ich wachte auf und presste mich an ihn. „Bitte, bitte“, sagte er, „lass mir ein kleines bisschen Luft!“ Widerwillig verringerte ich den Druck meiner Arme ein wenig. „Du brauchst übrigens keine Angst zu haben“, sagte er. „Ich habe den Aids-Test gerade nochmal gemacht.“ Ich hatte keine Angst, ich hatte daran gar nicht gedacht.

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Nach dem Essen | 10

Wir hatten gegessen. Er hatte mich beobachtet, schon ein bisschen belustigt, aber nicht überrascht. Er wusste ja, dass ich tagelang nichts Richtiges bekommen hatte. „Sieh dich vor“, sagte er grinsend, „Essen verdirbt den Appetit.“ „Und Hungern verdirbt den Charakter“, antwortete ich.

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Ein Entschluss | 09

Als ich aufwachte, war es hell und sehr ruhig. Ich sprang von der Matratze und sah in alle Räume. In der Küche lag ein Zettel: Johannes, ich musste los. Kaffee steht auf dem Tisch. Nimm dir, was du brauchst ...

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Ein zarter Vogel | 08

Ich lag schon im Bett, genauer gesagt, in meinem Schlafsack auf der Matratze. Er kam nochmal an die offene Tür. Die kleine Lampe, die auf dem Boden stand und ihn von unten beleuchtete, malte geheimnisvolle Schatten in sein Gesicht. Er hatte eine kurze Hose an, wohl einen Slip, und den Oberkörper frei.

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Sitzenbleiben | 07

Benedikt sagte nichts, und so redete ich weiter: „Als ich neun Jahre alt war, waren meine Eltern mit mir in den Ferien in Polen. Das letzte Jahr der DDR, aber das wusste man damals noch nicht. Einmal haben wir einen Ausflug gemacht zu einem Augustiner-Kloster. Das hat einen riesigen Eindruck auf mich gemacht ...“

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Ein Mordmotiv | 06

Der Fremde kam mit den Getränken und fläzte sich auf die Couch. ‚Benedikt‘ – kein alltäglicher Name. Der Gesegnete. Eigentlich hätte ich bei ihm mehr auf Wein getippt, französisch oder italienisch. „Soso – Johannes. Nun sind wir also hier. Wie alt bist du eigentlich?“ „Achtzehn.“ „Na, wenigstens volljährig.“

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Taxe fahren | 05

Es goss in Strömen. Ich lächelte blöde, zumindest glaubte ich das. Aber vielleicht war mein Lächeln so blöde gar nicht. „Also, was ist?“, fragte er. „Na ja“, sagte ich, „also, das wär’ natürlich unheimlich nett von Ihnen. Ich will zum CVJM. Sehr weit ist es ja nicht. Aber bei dem Regen …“ „Also los!“, sagte er.

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Bahnhof Zoo | 04

Ich fuhr vom Bahnhof Tiergarten zurück zum Zoo, schwarz – wie immer. Das Schließfach öffnen? Das Kapitel schließen? – Noch nicht. Ich strich in der Bahnhofsgegend herum. Die Türsteher der Porno-Bars sprachen mich nicht an. Die Nutten ließen mich in Ruhe.

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Berlin ist Party | 03

Ich wachte auf. Ruhig. Ich horchte in mich. Eine Ruhe, der ich misstraute, denn es gab keinen Grund für sie. Wenn die Rastlosigkeit vorher einen Grund gehabt hatte, dann war er nicht beseitigt. Doch das war jetzt unwichtig.

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Panik | 02

Einige hatten die Schlafsäcke schon zusammengerollt. Die Stelle im Park, die wir uns als Quartier beschlagnahmt hatten, sah ziemlich wüst aus. Umweltbewusstsein findet mehr im Kopf statt. Das darf man nicht so eng sehen wie die Spießer ...

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Wer ich bin, wer ich sein will | 01

Nachtluft. Frösteln zwischen den Sträuchern, zwischen den Beinen. Etwas, das eingefroren ist, etwas, das sich nicht mehr rührt und erstarren wird.

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Kurze Prozesse

Ein Risiko

Liebe Lesewillige! So, nun habe ich mich doch entschlossen, die letzte Erzählung mit ein paar Kürzungen in den Blog zu stellen. Wer ‚A‘ sagt, muss nicht auch ‚Z‘ sagen, aber ein Autor ist meist eitel genug, sein Werk vollständig preisgeben zu wollen. ‚Niemals und auch dann nicht‘ wird dann abgeschlossen sein, auch wenn das dem Titel widerspricht (Kalauer).

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Denkabfall

Keine Bekanntmachung

Ach nein, es geht die Öffentlichkeit wirklich nichts an: Heute ist Rolands siebenundsiebzigster Geburtstag. Na und? Erstens war der letzte Ehrentag, den Roland noch selbst mitfeierte, bereits der anno 1990, und zweitens bedeutet eine Schnapszahl nichts in der Erinnerungskultur, nur 25, 50, 75, 100 zählen. Dafür sind dann die Todestage aber genauso gedenkwürdig wie die Geburtstage.

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Denkabfall

Glückwunsch!

Geliebte Leserschaft! – Wer das liest, weiß schon mehr als ich, während ich es schrieb. Vielleicht nicht über das Leben im Allgemeinen, aber über die Tendenzen zum Wahlausgang im fernen Deutschland und die damit verbundenen Koalitionsmöglichkeiten, die uns sicher in den nächsten Wochen noch bis zum Er- oder Abbrechen beschäftigen werden.

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Gereimtes und Ungereimtes

Als die Welt noch in Ordnung war

‚Beelzebub und der Teufel‘ habe ich 1980 geschrieben, also hautnah zur Zeit der Handlung. Bevor es ab nächster Woche wieder richtig schlimm wird, steuere ich hier etwas aus meiner Abiturklasse von 1964 bei.

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#20 | Bestimmung

Martin ruckte hin und her. – Gott sei Dank bin ich so besoffen, dass ich nicht schnell komme! Für dieses Arschloch geb’ ich meinen mühsam aufbewahrten Saft nicht her, das ist es nicht wert. Das alles hier ist nichts wert. Aber nach Hause kommen, ohne abgespritzt zu haben?

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#19 | Im Rudel

d) in der dunkelkammer – Robert ging die Treppe runter und erst mal pissen. Er machte die Tür auf: Die Pinkelbecken waren leer. Die Tür dahinter war verriegelt. Während er seinen Strahl golden schimmern sah, hörte er verhaltenes Stöhnen. Vielleicht saß einer auf der Brille und saugte an der Eichel des anderen.

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#18 | Im Flaschenhals

Mähnen, Männer, Macho. Manche kannte Robert. Die meisten nicht. Vertraute Verträumte. Verklärte Verklemmte. Und die Forschen und die Schwätzer. Die blinden Hühner, die nach Körnern picken, und die Gockel, die im Mist scharren.

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#17 | Prometheus

Männer, Mähnen. Musik in monotonen Rhythmen. Asien oder Afrika. Qualm macht aus Silhouetten Schatten. Wird alles gut oder ist es gerade dabei, schiefzulaufen? „Lebst du allein?“, fragte Martin. „Ja. Jetzt ja. Ich hab’ mal ein paar Jahre lang mit jemandem zusammengelebt.“

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#16 | Ein Fischzug

Eine Weile sprachen sie nicht. Sie hörten auf die hämmernde Musik und auf die Stimmen. Sie sahen Männer, auch Männer, die ihnen gefielen. Abspringen? Den leichten Weg gehen, der alles so schwer macht? Die laute, aber nicht lärmende Musik. Die Stimmen, die Köpfe. Dieser wütende Plan, sich vorübergehend in Hemmungslosigkeit zu verlieren: die pünktlich abrufbare Sucht zwischen zwei Tagen.

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#15 | Ziemlich christlich

Sie tranken einen Schluck Bier, gleichzeitig, ohne dass der eine es dem anderen vor- oder nachgemacht hätte. Sie hatten keinen Durst, beide nicht. ‚Er mag mich‘, dachte Martin, ‚aber das macht mich nicht froh, sondern unsicher. Weil er meine Eitelkeit befriedigt, oder weil ich ihn nicht enttäuschen will?‘

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#14 | Hengste

Ich mag Männer. Die etwas tuckigen, wenn sie den Kopf nach hinten werfen und lachen; die kerligen, wenn sie sich mit zusammengekniffenen Augen eine Zigarette anzünden; die Jungen, die neugierig kichern; und die älteren, die schon so was Abgewichstes im Gesicht haben – ich mag sie alle, alle ...

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#13 | Es geht los

Martin saß in der U-Bahn. Der Zug holperte durch den Schacht. Da oben war Ostberlin. Da liefen einzelne Menschen zwischen Dunkelheit und Ruinen. Martin war nur einmal abends in Ostberlin gewesen, weil ihm damals jemand gesagt hatte, er müsse unbedingt den ‚Burgfrieden‘ mal kennenlernen ...

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#12 | Zur Schau gestellt

Robert trank den letzten Schluck Grand Manier aus und bedankte sich für die Einladung. Bielendorf steckte die Rechnung ein und die Kreditkarte. Dann standen sie auf und gingen zurück zur Halle. Im Vorbeigehen streifte Robert mit mattem Blick die Nahrungsmittel hinter der Glasvitrine gleich am Eingang des ‚Grills‘: Ein rohes Rinderfilet und einige Fische mit Glupschaugen ...

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#11 | Auf der Kippe

Martin streifte das überschüssige Wasser von den Fotos und legte sie zwischen Fließpapier zum Trocknen. Robert stieg aus der Wanne und rubbelte sich mit dem riesigen, flauschigen Handtuch ab, ein Weiß wie von einem Brautkleid.

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#10 | Werbung mit sich selbst

Gleichzeitig mit dem Regen kam die Sonne. Durch ein Wolkenloch hindurch zeigte plötzlich dieser böse, besserwisserische Finger und strahlte einen Augenblick lang schulmeisterlich kaltes Licht auf zaghaft blühende Akazien und angeschmuddelte Mietshäuser.

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#09 | Berlin-Babel

Martin starrte auf das Foto. In der Abgeschiedenheit der Dunkelkammer in sich selbst gestülpt. Matt beleuchtet: nur dieses Gesicht in Schwarz und Weiß. In sich selbst: feucht, warm – das eigene Blut, sein Fließen, sein Rauschen. So fällt es leicht, an Spuk zu glauben und an Ewigkeit und an Gott.

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#08 | Sensibler Kreativer

„Was? Das ist völlig neu für mich. Ich ruf Sie wieder an.“ Robert knallte den Hörer auf die Gabel und sprang hoch. Er lief mit schnellen Schritten durch den Flur und riss die Tür zum Vorzimmer auf. „Ist er da?“ „Ja, aber er möchte im Augenblick nicht …“ Robert hatte die Klinke schon in der Hand.

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#07 | Rohes Fleisch

Eine Therapieart, um Raucher von ihrer Gewohnheit abzubringen, ist die elektrische Aversionstherapie. Sie wird in einer Schriftenreihe des Bundesgesundheitsministeriums als „Bestrafung eines unerwünschten Verhaltens, bisher vor allem bei psychischen Abhängigkeiten und sexuellen Perversionen angewendet“, beschrieben.

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#06 | Betroffen

„Robert, der Klaus sagt, er schafft das Storyboard für den neuen TV-Spot von ‚Rintra‘ nicht mehr.“ „Was?! Ich denk’, das ist längst fertig. Das brauch’ ich doch heute Abend in Berlin.“ „Ja, eben!“ Robert sprang von seinem Stuhl auf. „Und das sagst du mir jetzt erst?!“ „Weißt du, ich dachte …“

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#05 | Positiv – Negativ

„Müssen wir bei dem Namen bleiben?“, fragte einer, „der Name ist das Schlimmste.“ „Der Name ist eingeführt“, sagte Robert, „darauf kommt es an. Der ganze Werbeetat, den wir haben, würde nicht ausreichen, einen neuen Namen so bekannt zu machen wie ‚Pick‘.“ „Aber im Deutschen passt ‚Pick‘ besser zu Vogelfutter als für einen Schokoladenriegel. „Warum?“, fragte einer. „Kein Tag ohne einen guten ‚Pick‘ …“ „Ich lass mich täglich picken“, sagte jemand.

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#04 | Wir werden’s versuchen

Martin machte sich seine Dunkelkammer ‚gemütlich‘. Gemüt hatte er ja reichlich. Der Griff zum Lichtschalter und zum Kofferradio. ‚Fade out‘ der Dire Straits. Ankündigung eines Interviews mit Mark Knopfler. Zeitansage. Nachrichten: Der Deutsche Bundestag hatte Richard Stücklen mit 410 gegen 40 Stimmen bei 19 Enthaltungen zum Parlamentspräsidenten als Nachfolger von Karl Carstens gewählt.

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#03 | Wer ich bin

b) zwei menschen – Meine lieben Zuhörer, heute möchte ich Ihnen die Geschichte des Narren Columbin erzählen, der an einem mittelalterlichen Hof lebte. Sie mögen nun sagen: ‚Du liebe Zeit, was sollen wir denn heutzutage mit einem Narren anfangen, der schon über fünfhundert Jahre tot ist?!‘ – Aber warten Sie ab, meine lieben Zuhörer!

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#02 | Was ganz Besonderes

Wein fließt und spült Empfindungen: auf – ab. Chablis. Der Bruder der Braut hielt sein Glas mit der flachen Hand zu. „Nein, danke!“ Der Kellner zog die Flasche zurück, ging einen Schritt weiter, schob die gesenkte Flasche über zwei Schultern hinweg, eine männliche und eine weibliche, zwischen zwei Köpfen hindurch, die sich zunickten: ...

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#01 | Weil wir uns lieben

a) hochzeit halten – Die Hälfte der Anwesenden lachte spontan, und die andere Hälfte lachte mit, angesteckt oder aus Höflichkeit. Der Redner nutzte die kurze Pause zu einer kleinen, verschmitzten Verbeugung nach allen Seiten. Arglos. Nicht ohne Eitelkeit, aber trotzdem war es ihm wichtiger, die Gäste zu unterhalten, gepaart mit etwas Besinnlichkeit natürlich, als sich zur Schau zu stellen.

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Kurze Prozesse

Ankündigung

Mein Zyklus NIEMALS UND AUCH DANN NICHT über Verrat, Bindungslosigkeit (Matthäus-Zitat) und sexualisierte Religiosität schreitet fort. Nach dem Thema JUDAS um 30 n. Chr. vor Jesu Kreuzigung in Jerusalem stehen jetzt im Blog die Variationen: ...

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#21 | Politur

Sie nahm nicht wie sonst den Fahrstuhl, sondern ging zu Fuß. Sie fühlte sich locker und ausgeruht. Die Gymnastik hatte ihr heute besonders gutgetan. Sie hatte Frieden mit sich geschlossen. Was halfen all die Grübeleien und Selbstvorwürfe? Sie führte doch ein ganz erträgliches Leben mit Pflichten, Aufgaben, Freuden. Wenn dieses Leben nun um eine kleine Merkwürdigkeit bereichert würde, eine verborgene, konsequenzlose, ganz geheime Abwegigkeit – wen würde das stören?

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#20 | Biedermeier

So, da habe sie ihn wieder! Die Packer setzten ab. Der finstere Apriltag verfinsterte sich noch mehr. Der Frankfurter Schrank stand wieder vor dem Fenster. Ein gefräßiger Krake, der das Licht mit seinen Saugnäpfen verschlingt. Herr Friedemann kam aus dem Hinterzimmer. Nun sei der Holzwurm hoffentlich beseitigt. Die Gaskammer habe er wohl kaum überleben können.

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#19 | Mittlere Reife

„Guten Abend! Es fällt mir nicht ganz leicht, offen zu sprechen.“ „Das ist ganz normal. Lassen Sie sich Zeit!“ „Wir haben große Sorgen wegen unseres Sohnes, meine Frau und ich.“ „Wie alt ist Ihr Sohn?“ „Achtzehn, er wird dieses Jahr neunzehn. Aber der Junge ist uns völlig über den Kopf gewachsen, in jeder Beziehung. Vorige Woche ist er – ja, wie soll ich das nennen? – weggelaufen. Ausgezogen.“

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#18 | Tote Vögel

Sie lag im Bett und sah abwechselnd auf die Uhr und aufs Telefon. Fünf nach elf. – Was ich besonders an ihm geschätzt habe, war seine Pünktlichkeit. – Sie ließ sich den Satz noch einmal durch den Kopf gehen und erschrak. Bin ich jetzt völlig übergeschnappt?

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#17 | Mücken

„Einen Juden gleich nach dem Krieg zu heiraten, das war nach all dem Entsetzlichen ganz ungewöhnlich, na ja, schon deshalb, weil es kaum noch Juden gab.“ Sie lächelte schwach, Adelheid sah mit angespanntem Gesicht geradeaus, in den Wind und in den Sinn ihrer Worte. „Jetzt, rückblickend, frage ich mich, ob noch etwas anderes als Liebe mit im Spiel war.

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#16 | Am Deich

Sie nahm das Telefon und wählte. „Adelheid, es tut mir leid. Ich fühl’ mich überhaupt nicht wohl. Ich kann’ heute Abend leider nicht mitkommen ins Theater.“ „Ach, nicht so schlimm. Etwas mit dem Magen. Wenn es ein kurzes Stück wäre, würde ich auch gehen. Aber bis elf im Parkett sitzen, das halt’ ich, glaub’ ich, in meinem Zustand nicht durch.“

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#15 | Geschmackszerstörer

Sie überlegte mit geschlossenen Augen. Vom Meer hatte sie geträumt, von Felsen, sie schwebte über getrockneten Salzlachen und Distelgewächsen, eine schaukelnde Bewegung, ein Tretboot, die Hängematte in ihrem Garten, als sie noch zusammen in Nienstedten gewohnt hatten. Herr Friedemann versuchte, ihr eine Flötenvase in den Mund zu schieben. Sie wollte sagen: ‚Hören Sie doch auf damit!‘, aber es war ein Knebel, sie brachte keinen Ton heraus, und ein Schatten beugte sich über sie, schweigend.

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#14 | Selbstachtung

„Guten Abend! ... Ich wollte mal Ihre Meinung hören. Ich komme vom Alkohol nicht weg. Also nicht, dass ich Trinker bin. Aber ich denk’, es könnte mal dahin kommen, wenn nicht was passiert.“ „Wie viel trinken Sie denn ungefähr am Tag?“ „Das kommt drauf an. Aber sechs bis acht Flaschen Bier können es schon werden.“ „Und einige Korn dazu?“ „Ja, ein paar Korn auch.“

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#13 | Stimmen

Das Telefon klingelte. Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. „Hallo!“ „Ja?“ „Martin, so etwas lässt sich nicht einfach mit einer Entschuldigung vom Tisch wischen!“ Die Scheiße liegt ja schon meterhoch auf dem Tisch, Frau Fischer! „Du hast es nicht so gemeint? Du hast es genauso gemeint, wie du es gesagt hast. Und du hast vielleicht sogar recht damit. Aber ich brauche Zeit, es zu verarbeiten.“

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#12 | Dressing

Donnerstag, den vierten April. „Wieviel wollten Sie denn ungefähr ausgeben?“ Mehr als fünfhundert Mark dürften es nicht sein. „Aber Sie haben keine feste Vorstellung, was oder welches Material oder wie groß?“ Nein, eigentlich nicht. „Wie gefällt Ihnen dieser Schreibkasten? Mahagoni mit Messing. Intarsien mit alten Papieren. Stammt aus Sankt Petersburg.“

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#11 | Banane

„Ja, schönen guten Abend! Ich ruf’ Sie an in einer Angelegenheit, also, ich war meinem Mann untreu.“ „Haben Sie mit Ihrem Mann darüber gesprochen?“ „Nein. Noch nicht.“ „Ahnt Ihr Mann etwas davon?“ „Ich glaube, nein. Aber er sagt manchmal, ich sei so komisch.“ „Dauert das Verhältnis noch an?“ „Nein. Das war gar kein Verhältnis. Das war, als ich zur Kur war ...

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#10 | Appetit

Mittwoch, den dritten April. Ab in die Gaskammer! Schön, dass sie ihn so schnell holen kämen. Der hätte ihnen hier noch großes Unheil anrichten können. Herr Friedemann lächelte zufrieden. Sie öffnete die Tür, und die beiden Träger balancierten den Frankfurter Schrank schnaufend durch den Eingang, schleppten ihn auf die Straße und stemmten ihn in den Möbelwagen. Sie pferchten ihn ein zwischen anderen Gegenständen, ließen die Klappe rasselnd zuschnappen und stiegen ins Führerhaus. Der eine gab Gas, der andere packte eine Stulle aus. Sie sah dem Transportwagen nach, mit beunruhigender Erleichterung.

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#09 | Gymnastik

„Ich bin neunundsiebzig Jahre alt und ich werde mit meiner Einsamkeit so schwer fertig.“ „Das ist ein großes Problem. Haben Sie Verwandte?“ „Mein Mann ist ums Leben gekommen, als ich vierundfünfzig war. Ich habe einen Sohn, der lebt in Amerika, und eine Tochter in Mainz. Aber außer zu den Feiertagen sehen wir uns nicht. Und die Anrufe alle paar Wochen, das ist schön, aber zu wenig.“

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#08 | Wochenende

Als sie nach Hause kam, war sie völlig erschöpft. Sie wärmte für sich und den Kater einen halben Liter Milch, aß ein Knäckebrot im Stehen und ging gleich ins Bett. Als das Telefon klingelte, war sie schon im Einschlafen. Sie schreckte zusammen und sah auf den Wecker: genau elf Uhr. Gott sei Dank braucht man das Telefon zu Hause nicht zu beantworten. Es klingelte vier, fünf, sechs Mal. Etwas mit Martin?

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#07 | Gefestigt

Freitag, den neunundzwanzigsten März. Da begann es. Sie selbst setzte es in Bewegung, in aller Unschuld. Herr Friedemann stellte den Koffer ab. Wie er sich schon gedacht hätte, eine brauchbare Messingkrone habe er nicht auftreiben können. Die Zeit sei allerdings auch sehr knapp gewesen. Es täte ihm leid, dass er erst jetzt käme.

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#06 | Stattdessen

Donnerstag, den achtundzwanzigsten März. Da fing es schon an, harmlos wie viele Katastrophen. „Nicht doch, Othello! Lass mich noch ein bisschen schlafen! Es ist ja erst sechs.“ Othello war das egal. Sie stand auf, schleppte den Kater mit zärtlicher Eile ins Wohnzimmer, ging zurück, machte die Tür fest hinter sich zu und legte sich wieder hin. Sie dachte an den Jungen vom vorigen Abend.

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#05 | Der Entlassene

„Ist dort die Telefon-Seelsorge?“ „Ja.“ „Guten Abend!“ „Guten Abend!“ „Also, ich habe da ein Problem, mit dem ich nicht fertigwerde. Ich bin vorige Woche aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich hab’ ein Jahr wegen Einbruch gesessen. Ich bin da in was reingeschlittert ... “

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#04 | Der Sohn

‚„Er liebt mich nicht!“, sagte sie sich, während sie ihr Gesicht im Spiegel betrachtete. In den letzten Tagen war es noch schärfer geworden. „Er kann mich auch nicht lieben, wenn ich so aussehe!“, dachte sie dabei matt. Und fügte im gleichen Augenblick trotzig hinzu: „Er ist es nicht wert! Ich habe mir alles nur eingeredet.“‘

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#03 | Eine Urlaubsbekanntschaft

Der Würfelzucker fiel in die Tasse. Der Löffel stieß nach und stocherte in der braunen Flüssigkeit herum, bis der Klumpen zerstückelt war. Dann klirrte der Löffel auf die Untertasse. Zwei Finger mit sorgfältig lackierten Nägeln ...

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#02 | Ein Fremdkörper

Dienstag, sechsundzwanzigster März: Das war eigentlich noch ein ganz normaler Tag gewesen. Rückblickend gesehen vielleicht der letzte ganz normale Tag in ihrem Leben. Und doch war da schon zum ersten Mal dieses Gefühl von Bedrohung.

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#01 | Ein Lebensmüder

Montag, fünfundzwanzigster März neunzehnhundertachtundsechzig. Fastenzeit. „Ich ... Ich glaube, ich kann das Leben nicht mehr aushalten.“ „Das klingt schlimm. Sagen Sie mir, was Sie bedrückt!“ „‚Bedrückt‘? Der Druck bedrückt mich. Ich halte ihn einfach nicht mehr aus.“ „Was halten Sie nicht mehr aus?“ „Ich halte es nicht mehr aus, daran zu denken, dass ich noch so lange leben muss.“

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Kurze Prozesse

Bekanntmachung

Nun haben wir genug von schwulen Männern und kümmern uns um eine Frau, der Sexualität nichts bedeutet. So sieht es jedenfalls aus.

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Dialog 30: Auf der Hochzeit

KANAA – (der Zöllner zu Christi Zeiten: Z; sein Alter Ego von heute: A) Z: Die vielen Gäste! Diese fromme Fröhlichkeit! Der Garten ist gesegnet und der Tag. Was für ein prachtvolles Paar! Die Abendsonne fügt beider Umrisse zu einem Mosaik aus Gold und Kupfer. Es ist beglückend zu sehen, wie zugetan sie einander sind: einfache Menschen nur. Dennoch strahlt er Würde aus und sie Anmut. A: Findest du ihn nicht anmutig? Z: Bei Männern nimmt man das nicht wahr. A: Nein? Ich ja.

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Dialog 29: Im Krankenhaus

EIN LANGER WEG – (der Kranke: K; der Gesunde: G) K: Nun sag doch was! G: Ich ... Ich kann einfach nicht. O Gott, ich ... Verzeih’ mir! – Jetzt heul’ ich dir auch noch was vor. K: Ich hab’ die ganze Nacht durchgeheult trotz der Beruhigungsmittel. Ich hab’ also auch da einen Vorsprung. G: Sie hätten es dir nicht sagen dürfen. K: Ich hab’ es rausgequetscht aus ihnen. Doktor Sebald – als er merkte, dass ich es wusste, gab er es zu.

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Dialog 28: Im Mietshaus/im Auto

DICKE FELDMÄUSE – (der Bräutigam: B; der Trauzeuge: T) B: Wie sieht es denn hier aus? T: Das siehst du doch. Oder bist du blind? B: Entschuldige! Das war eine dumme Bemerkung. Ich bin nur erstaunt, dass du noch nicht aufgestanden bist. T: Ich bin aufgestanden. Wie hätt’ ich dir sonst die Tür aufmachen sollen? B: Ich meine, dass du wieder im Bett bist. T: Ich bin krank. B: Oh, das tut mir leid. Was fehlt dir denn?

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Haben Sie Freude an meiner Vergangenheitsbewältigung? Dann gefällt Ihnen womöglich auch, was mich in der Gegenwart beschäftigt. Zu der äußere ich mich sonntags. Am Sonntagabend stehen immer drei neue Beiträge von mir im Netz. Dieses literarische Kleeblatt kröne ich gern mit Aktuellem. Meinen Neubrief können Sie abonnieren. Er nennt sich: ‚Newsletter‘.


Hanno Rinke

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