Allgemein

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Dialog 18: Zu Hause

EIN GANZER KERL – (der Unglückliche: U; der Glückliche: G) G: Was is’ denn? U: Hörst du das nicht? G: Ich hör’ nur dich. U: Da summt doch eine Mücke. G: Na und? Lass sie doch! U: Dich sticht sie ja nicht. Ich werd’ immer gestochen.

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Dialog 17: Beim Freund

EINEN FINGERHUT VOLL – (der Unglückliche: U; der Tröstende: T) T: Also – was ist los? U: Ich wusste, dass du’s merkst. Ich wollt’ dir damit nicht auf die Nerven fallen, aber ich konnte auch nicht allein bleiben. T: Ist es wegen Leo? U: Ja. – Es ist aus. T: Bist du sicher? U: Ja. Ich hab’ Schluss gemacht mit ihm. T: Wo ist er jetzt?

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Dialog 16: Im Büro

VOR DIE HUNDE – (der Vorstandsvorsitzende: V; der Buchhalter: B) V: Oh, guten Abend! – Ich dachte, ich sei der Letzte. Ich wollte nur das Licht ausmachen. B: Nein, ich bin der Letzte. V: Ich sah das Licht von oben, von meinem Fenster aus, aber ich hab’ nicht gesehen, dass noch jemand da ist. B: Ich bin noch da. V: Ja, jetzt seh’ ich das auch. Was – was machst du denn noch? B: Ich strenge mich an. Denn wenn ich mich nicht anstrenge, flieg’ ich. Ich bin ‚zur besonderen Verfügung‘. Weißt du das gar nicht?

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Dialog 15: In der Küche

NEUE WEGE – (ein Zahnarzt: Z; ein kaufmännischer Angestellter: A) A: Ist das alles? Z: Du weißt doch, abends soll man nicht mehr so viel essen. A: Ich hab’ aber den ganzen Tag nichts Richtiges gehabt. Z: Und warum nicht? A: Es war so viel zu tun mit dem Jahresabschluss, darum komm’ ich auch jetzt erst. Z: O ja, es ist schon acht. Hab’ ich gar nicht gemerkt. A: Da freut man sich aufs Essen – und dann so’n Pamps.

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Dialog 14: Nach der Ausstellung

ELEFANTEN – (der, der zu Hause geschlafen hat: H; der, der über Nacht weggeblieben ist: N) N: Guten Morgen! H: Guten Vormittag! N: Ach, du bist schon am Schreiben. H: Ja, mir fiel grad nichts anderes ein. N: Uaah. H: Müde? N: Ein bisschen. Es geht. H: Ich hab’ schon Tee getrunken. N: Ich auch. Sozusagen. Espresso. – Man zahlt wirklich nur für den Transport. Bei diesen Preisen könnte man doch wenigstens ein bisschen Spaß erwarten.

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Dialog 13: Im Beichtstuhl

VON GANZEM HERZEN – (der Priester: P; der Gläubige: G) G: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Meine letzte Beichte war vor vier Monaten. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden: Ich habe die heilige Messe an einem Sonntag versäumt. Ich habe zweimal die Unwahrheit gesagt. Ich bin ein paar Mal unkeusch gewesen. Dies sind meine Sünden, ich bereue sie von Herzen. P: Vier Monate sind eine lange Zeit. Warum hast du dein Gewissen nicht eher erleichtert?

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Dialog 12: In der Wohnung

DIE WELT VERBESSERN – (Abschlepper: A; Mitgenommener: M) A: So, da sind wir. Sieh dich nicht um, wenn dich die Unordnung stört! – Setz dich! Willst du was trinken? M: Hast du ’ne Cola? A: Nee, hab’ ich, glaub’ ich, nicht. Ich hab’, warte mal, ich hab’ noch einen Rest Whisky und so ’n Wasser. M: Schütt’s zusammen!

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Dialog 11: In der Kneipe

DRAUFGÄNGER – (der Wassertrinker: W; der Biertrinker: B) B: Kann ich mein Glas hier mal abstellen? W: Klar. B: Danke! W: Ist voll heute. B: Ja, um diese Zeit immer. W: Das hab’ ich gar nicht erwartet. B: Dachtest du, wir sind schon ausgestorben?

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Dialog 10: Am Bahnhof

EIN KIND VON TRAURIGKEIT – (der Freier: F; der Stricher: S) F: Du …, du hast ein gutes Gesicht. S: Watt hab ick? F: Ein gutes Gesicht. S: Komische Art, een anzuquatschen. F: Stimmt aber. S: Lass ma, ick wees ooch, wie ick wirke. Willste watt oda nich? F: Ja. S: Watt, ja? Über den Mut von dein’ erstn Satz biste wohl so ermattet, dass de nu nich mehr weita weeßt.

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Dialog 9: Im Bett

ALLES IN ORDNUNG – (der rechte im Bett: R; der links im Bett: L): R: Du schläfst doch nicht mehr. L: Hmm. R: Ich hör’ genau an deinem Atem, dass du nicht mehr schläfst. L: Hmm. R: Den ganzen Tag über sehen wir uns nicht, abends kommst du spät nach Haus und morgens tust du jetzt noch so, als ob du schläfst. L: Hmm. – So wach wie du bin ich jedenfalls noch nicht.

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Dialog 8: Im Café, Berlin-Mitte 1989

ES WIRD SCHON – (der aus dem Westen: W; der aus dem Osten: O) O: Is’ ja schade, dass du schon um neune wieder rüber musst. Ich hatte gedacht, wir könnten noch dezent essen gehen. Es gibt jetzt bei uns ein neues Lokal, das ist fast wie bei euch. W: Was mir auffällt bei euch im Ostblock: Die Restaurants sind alle so riesig.

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Dialog 7: Im sechsten Himmel

BAUMEISTER DES GLÜCKS – (der Wohnungsinhaber: W; der Gast: G) G: Wie oft kannst du eigentlich? W: Werden wir ja sehen. G: Ist das ... ist das immer so bei dir?

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Dialog 6: Im Restaurant

DEINE AUGEN – (ein Feinschmecker: F; ein Allesfresser: A) F: Ich hab’ gewusst, dass du das bestellst. A: Ich hab’ gewusst, dass du es von mir erwartest. F: Ich erwarte nichts mehr von dir.

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Dialog 5: An der Theke

DER REST – (ein Fremder: F; ein Gast: G; der Barkeeper: B) G: Du gefällst mir. F: So, wie du mich die ganze Zeit angestarrt hast … G: Was machst du?

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Dialog 4: Zu Besuch

MANN GEGEN MANN – (ein Dunkler: D; ein Blonder: B) D: Also, ich glaube, ich geh’ dann. B: Oh, entschuldige! Ich bin wohl etwas eingeschlafen. Das passiert mir immer am Sonntagnachmittag.

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Dialog 3: Im Park

STERNSTUNDE – (ein Lederkerl: L; noch ein Lederkerl: LL) L: Na? LL: Na. L: Kommst mit zu mir? LL: Wo wohnst ’n du?

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Dialog 2: Am Telefon

NICHTS BESONDERES – (der, der anruft: A; der, bei dem es klingelt: K) K: Hallo A: Martin? K: Ja? A: Stefan. K: Stefan! Nummer unterdrückt. Geh ich sonst gar nicht ran.

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Dialog 1: Bei Tisch

GOLDENE HOCHZEIT – (ein Gast: G; seine Tischdame: T) T: Und Sie sind also Willies Enkel, der Enkel vom wilden Willie? – Kaum zu glauben! G: Ist er so genannt worden? T: Ja, so haben wir ihn immer genannt, weil er – also, er war schon ein toller Hecht. Und ein fabelhafter Hockey-Spieler. Spielen Sie auch Hockey?

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#6 – Das Fehlen von Überhöhung

Brief vom 30.09.’83 an Pali – Teil 2 Nach dieser Nacht war mir nach Höfischem. Bei strahlend schönem Wetter schwänzte ich die Schule und fuhr mit Irene nach Versailles. Es wurde der schönste Tag mit ihr: im riesigen, puttengesäumten Garten, im Restaurant unter Kastanien, im angeregten Gespräch. Das Terrassenrestaurant im Park von Versailles kittet jede Ehe, selbst die ödipalste. Schon der Vortag in den Winkelgassen Montmartres hatte ‚heitere Urlaubsstimmung‘ geatmet. Heute nun war alles Friede und Freude.

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#5 – Das kleine Reich – der große Krach

Brief vom 30.09.’83 an Pali – Teil 1 Also wirklich der letzte Tag? Der übliche Block sträubte sich: Er blieb versehentlich zu Hause. ‚Zu Hause‘ – wie das klingt! Der Stift sträubt sich. Er verweigert den Dienst.

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#4 – Eine fremde Welt

Brief vom 23.09.’83 an Pali – Teil 2 Ich war ruhig. Krank und krankhaft, aber ruhig. Als Erstes gab ich gleich eine Ladung vom Hamburger Hausarzt verschriebener todsicherer Durchfallstopper in flüssiger Form von mir, dann dachte ich: „Es hilft nichts – ein hiesiger Arzt muss her!“

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#3 – Absturz

Brief vom 23.09.’83 an Pali – Teil 1 Der Himmel ist leer, mein Kopf auch. Der erste schöne Tag, wolkenlos. Als ich vorhin aus dem Haus trat, war Paris plötzlich so, wie ich es von meinen früheren Reisen her kannte: heiter und sonnig.

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#2 – Totensonntagseuphorie

Paris, Totensonntag ’81: Pali, nun ist es halb fünf. Mein letzter Tag in Paris, mein letzter Tag ‚unterwegs‘ in diesem Jahr, ist fast vorbei. Allerspätestens in zwei Stunden muss ich das Taxi zum Flugplatz besteigen. Ich sitze in einer Tages-Lederkneipe und genieße die Blödsinnigkeit, zwischen Männern, die hier auf flotte Anmache rumhoffen, zu schreiben.

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#1 – Opa? – Nein, danke!

1983 – ich sage gern – ‚lebte‘ ich in Paris, denn das tat ich wirklich, so kurz die Zeit auch war. Damals war der Klimawandel noch kein allgemein anerkanntes Problem, Rassismus fand aus heutiger Sicht überall statt, oft ohne böse Absicht, und Männer und Frauen, die sich im falschen Körper wähnten, galten als so kleine Minderheit, dass sie im öffentlichen Diskurs nicht vorkamen.

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Am Teich

#30 – Epilog

Mehr als zwanzig Jahre ist es her, dass ich diesen Brief – damals wie üblich an meinen Freund Pali – geschrieben habe. Pali war es gewohnt, an meinen Briefen eine ganze Nacht lang zu lesen, zu lachen, zu weinen, pausenlos zu rauchen und sich aufbrausend über mich zu ärgern.

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Am Teich

#29 – Lügen

Ich öffne die Pforte, sie geht nach außen auf, ich muss Guntrams Rollstuhl wieder ein Stück zurückschieben, es gibt einen Ruck am Kantstein. „Ach, Gott, nein, Kinder“, schreit Guntram, „nun sagt doch mal selber: Muss das denn noch sein!“ Guntrams Erinnerungen decken sich nicht mit seiner Wirklichkeit.

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Am Teich

#28 – Film und Frau

Neben Bäcker Mielke befand sich etwas außerordentlich Interessantes. Dort drinnen roch es seltsam künstlich, und es sah dort noch unordentlicher aus als in meinen Schränken. An Silvester bekam Bernie, Kathrins größerer Bruder, etwas Geld, und dann kaufte er Raketen.

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Am Teich

#27 – Am Teich

Herr Mohrenhaupt war Dekorateur, ein Beruf, der sich mir nicht sofort erschloss, obwohl ich meine Mutter gleich nach unserem Umzug zu ihm begleitet hatte, als sie sich darüber beschweren wollte, dass die Gardinen zu kurz waren.

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Am Teich

#26 – Die Anrede

Guntram saß im Rollstuhl und sah die Pforte immer näherkommen; es war wie der Blick durch eine Kamera, die aus dramaturgischen Gründen auf einen in der Handlung bedeutsamen Gegenstand zufährt, auf einem Podest mit Rädern. „Ob ich noch jemals nach Meran kommen werde?“, fragte Guntram leise. „Bestimmt“, sagte Irene. Sie log.

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Am Teich

#25 – Nach vorn sehen und nach hinten

Inzwischen hatte ich Guntram auf unserem Weg vom Fleischer ‚Am Teich‘ das namenlose Straßenstück rechts vom Taxusweg entlanggerollt. Wo kein Briefkasten und keine Eingangspforte ist, da sind Namen überflüssig.

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Am Teich

#24 – Im Schauspielhaus

So oder so oder so, irgendwann gehe ich ins Bett, na ja, ich schwanke mehr. Da liege ich dann und denke meinen Gedanken hinterher. Ich will etwas, was ich nicht kann, oder ich kann etwas, was ich nicht will ...

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Am Teich

#23 – Abseits der Überholspur

Es kommt vor, dass ich nicht nur ein anderes Programm, sondern dass ich überhaupt nicht fernsehe. Was immer ich tue, habe ich dann getan. Unkorrigierbarkeit hat etwas Faszinierendes.

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Am Teich

#22 – Abendprogramm

Wenn ich von meinem sogenannten Mittagsschlaf aufwache, ist es meist so gegen sechs. Ich habe also noch Zeit, in knapperer Form das zu tun, was ich sonst länger getan hätte: schreiben, lesen, telefonieren ...

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Am Teich

#21 – Himbeerjogurt

Nun kommt die erste wirkliche Entscheidung des Tages: Was mache ich aus diesem Nachmittag meines Lebens? Zur Auswahl stehen: schreiben, an meinen alten Filmen arbeiten, schlafen, wegträumen, ‚Spiegel‘ lesen und telefonieren. Wie seit jeher.

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Am Teich

#20 – Am Küchentisch

Nudeln von gestern, tiefgefrorene ‚Chicken Wings‘, Dosen mit Serviervorschlägen auf dem Etikett – natürlich ist Spontaneität das Erstrebenswerteste, aber wie soll man die planen? Man will doch planen! Da sagt man sich: ‚Jetzt will ich geil sein!‘ ...

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#19 – Wie ich lebe

Es gibt so viele einmalige Augenblicke in meinem Leben, schade, dass es, als Ganzes gesehen, bisher so nichtssagend geblieben ist. Die radikalste Art, nicht zu leben, ist es, zu sterben.

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Am Teich

#18 – Lebensversicherung

Wir überquerten die Bernadottestraße, ich schob Guntram in den Taxusweg. Von nun an würde der Rückweg wie der Hinweg verlaufen. Irene ging so schleppend, wie es das Schieben des Rollstuhls gebot, und dabei fühlte sie sich – vielleicht zum ersten Mal – so alt, wie sie war.

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#17 – Nebenstraßen

Isabelle war, während sie studierte, ganz sicher gewesen, dass sie nie heiraten würde. Aber dann war Eduard so ganz anders gewesen als alle die, die sie nie in Betracht gezogen hatte: Er war zuverlässig, unnachgiebig und hinreißend. Wer kann dazu schon Nein sagen?

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Am Teich

#16 – Etwas pikanter

Wir waren vor dem Fleischereibetrieb ‚Am Teich‘ angelangt. Dort, wo die Schlachtware teurer ist, aber der Meister grinsend behauptet: „Meine Rinder kenn’ ich beim Namen“, und er sagt es so, dass man nicht weiß, ob es ein Scherz, eine Lüge oder die Wahrheit ist.

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#15 – Frühlingserwachen

Zurück in die letzte Märzwoche 2000: Guntram konnte sein samstägliches Tatar nicht mehr selber holen, und ich hatte mir am Freitagabend vor dem Schlafengehen in den Kopf gesetzt, ihn am nächsten Morgen in dem nagelneuen Rollstuhl an die Stätte seiner ehemaligen Einkäufe zu fahren.

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#14 – PLATZ 1: DAS KINO

In den frühen 70er-Jahren fuhren wir samstags oft in die Innenstadt und sahen die Filme in einem der ‚Erstaufführungstheater‘. Anschließend gingen wir essen – nach Möglichkeit passend zum Drehort des Films. Deshalb gab es oft Steak, immer mal wieder Froschschenkel oder Saltimbocca, aber nie Eisbein. Wir, das waren damals Harald, Silke, Esther und ich.

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#13 – PLATZ 2: DIE KIRCHE c) Out of Othmarschen

Frau Wieman konnte es nicht ausstehen, wie der Pfarrer von St. Paulus-Augustinus von seiner Kanzel herabschimpfte. Ich fand Pastor Nebelings Tiraden immer sehr unterhaltsam, zumal ich sie mir nicht zu eigen machte.

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#12 – PLATZ 2: DIE KIRCHE b) Beichte

Silvester wurden mir Lustigkeiten untersagt: Pietät. Raketen mochte ich sowieso nicht, aber das Tischfeuerwerk vermisste ich und den kleinen Zylinder, aus dem eine Riesenmenge graues Zeug wurstartig herausquoll, wenn man ihn anzündete. Manche nannten ihn ‚Kackhut‘.

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#11 – PLATZ 2: DIE KIRCHE a) Kommunion

Von unserer Haustür aus war es nach rechts noch näher zur Christuskirche als nach links zur Grundschule, nur hatte ich nichts davon. Ich war ja katholisch.

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#10 – PLATZ 3: DIE SCHULE

Da, wo die Waitzstraße aufhört, Einkaufsstraße zu sein, steht ein Gebäudekomplex aus dem Jahr 1898, pompös mit Wandelhalle. Das war 1953, als wir nach Hamburg zogen, das ‚Bertha-Lyzeum‘, eine Höhere Mädchenschule. Eigentlich. Aber Raum war knapp, Kinder gab es reichlich.

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Am Teich

#9 – Die Prachtstraße

Es ist ja so: Erst kommt die Elbe – Connaisseure genießen, dass sie von Osten nach Westen fließt –, dann kommt logischerweise die Elbchaussee, parallel dazu als Nächstes die Bernadottestraße, die zwar, nordsüdlich gesehen, nicht wesentlich später (örtlich gemeint) als die Elbchaussee anfängt, aber doch wesentlich eher aufgibt

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Am Teich

#8 – Maßnahmen

Nie werde ich vergessen, dass meine Mutter mich mit dem Liebermann-Ausspruch zur ‚Machtergreifung‘ beeindruckte: „Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.“ Ich hatte sofort Verständnis dafür, dass jemand seinen mangelnden Appetit beklagte, denn das war ja auch mein Problem.

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Am Teich

#7 – Immer geradeaus

Der Taxusweg ist wirklich ein Phänomen, denn er verfügt neben seinem namenlosen Zugang zum jetzigen Halbmondsweg außerdem über einen Fußgänger-Durchgang zur Elbchaussee. Links vom Rosenplatz in seiner Mitte leistet er sich einen weiteren Zugang: zur Bernadottestraße.

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Am Teich

#6 – Lasch statt fromm

Östlich unserer Vierstraßenkreuzung begann stadteinwärts der Othmarscher Kirchenweg. Er führte an der Christuskirche vorbei, die mit ihrem spitzen Glockenturm erhöht in einem kleinen Park liegt, zu den Bauernhöfen, die sich bis Ottensen erstreckten, wo es dann, am anderen Ende des kopfsteingepflasterten Othmarscher Kirchenweges, ernst wurde mit der Vorstadt ...

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Am Teich

#5 – Was dann kommt

Die zwei Tennisplätze rechts deuten eine vornehme Villengegend an, links leben die Eltern des Delikatessen-Händlers Blohm aus Pöseldorf (‚Broders Delikatessen‘). Obwohl seine Waren als gut und teuer gelten, haben sich zwei ‚Grammophon‘-Sekretärinnen dort beim Mittagstisch über Fisch mit einer für sie inakzeptablen Fettschicht unter der blassen Haut entsetzt.

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Am Teich

#4 – Der weiße Knopf

Zunächst einmal musste ich mit dem versteckten weißen Knopf am Briefkasten die Gartenpforte öffnen. Der Knopf war neu. Er stellte zweifellos ein Sicherheitsrisiko dar, aber da das Klingeln an der Pforte nicht zu hören ist, weder wenn es Guntram und Irene gilt, die sich in ihrem Schlafbereich bis zur Erschöpfung hin ausruhen, noch wenn an der anderen Pforte ich gemeint bin ...

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Am Teich

#3 – Ein Abschiedsbrief

So, und jetzt hole ich noch etwas weiter aus: Über die Weihnachtsfeierlichkeiten von 1970 am Klein Flottbeker Weg habe ich sehr ausführlich geschrieben. Es ist der einzige Bericht, den ich jemals über diese ‚alle Jahre wieder‘ aufwühlende, abstumpfende Zeit geschrieben habe.

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Am Teich

#2 – Ein Umzug

Als mein Vater sich beruflich verbesserte und wir 1953 nach Hamburg zogen, war meine Mutter froh. Ich nicht. Irene war ungern eingeschlossen in Westberlin, ich war wenig veränderungswütig. Half nichts. Von nun an bewohnten wir statt einer spannenden Ruine eine langweilige Doppelhaushälfte ...

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Am Teich

#1 – Ein Anfang

PROLOG: Manchmal gab es abends bei uns etwas, das ‚strammer Max‘ hieß. Eingeweihte wissen, dass es sich dabei um nichts Sexuelles handelt, sondern um ein Setzei, auch ‚Spiegelei‘ genannt, das auf einem Bett von kleingehacktem rohen Schinken ruht, der seinerseits auf einer butterbestrichenen Graubrotscheibe verteilt worden ist.

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Denkabfall

Erster Januar Zweitausendeinundzwanzig

All meine guten Wünsche für ein Jahr, das hoffentlich mehr hält, als 2020 nicht versprach: Mut, Kraft, Glück und Spaß! Gleich zu Anfang des neuen Jahres beginnt mein nächster Reisebericht. Wie alle Beschreibungen von Ereignissen handelt er von der Vergangenheit.

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Denkabfall

Vorsätze

Jedem von uns wird in dieser Zeit einiges abverlangt. Vielen Berufstätigen, Alten, Einsamen sogar vieles. Anders geht es nicht. Oder doch?

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Denkabfall

Bedeutungen

Der ungeordnete Brexit ist, wie zu erwarten war, vom Tisch. Brüssel und London verkünden stolz ihre hart errungenen Siege. Die Seuche bleibt, wird aber allmählich weggeimpft. Das Wort ‚Pandemie‘ kannte ich bis Februar nicht. Bis zur Fernsehserie im Februar 1978 hatte ich auch das Wort ‚Holocaust‘ noch nie gehört, und vor Dezember 2004 gab es das Wort ‚Tsunami‘ nicht in meinem Wortschatz. Vokabeln des Schreckens.

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Denkabfall

Weihnachtsbotschaft

Übermorgen, am Sonntag, dem 5. Advent, soll also die Corona-Impfung beginnen. Ich wäre dafür, dass zuerst alle Impfwilligen dran sind. Laut Umfrage RDN vom 28.11. wollen sich nur 53% der Deutschen impfen lassen. Geordert worden ist ohnehin zu sparsam, aber ein Impfstoff aus Deutschland steht sowieso nicht den Deutschen zu, sondern der ganzen Menschheit. Besonders zu Weihnachten.

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Denkabfall

Liebe Bloggende!

Jetzt ist es so weit: Weihnachten. Weihnachten findet ja vor allem im Kopf statt. Dann erst kommen die Kerzen und die Krippen. Erst denkt man sich was, dann tut man es. Klar, wer da Koch ist und wer Kellner: Der Geist, der erlauchte, kann sich den Körper vorstellen, in all seiner Lust, in all seiner Pein.

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Denkabfall

Vier Möglichkeiten

‚DIE ZEIT‘ hat mir eine E-Mail geschickt. Wenn ich an einer Umfrage teilnehme, bekomme ich vier Ausgaben geschenkt (Schmu: auch nur, wenn ich mich zu einem Abonnement verpflichte, aber geschenkt!). Die Stallgeburt ist auf eine Volkszählung zurückzuführen. Dafür braucht man heute nicht mehr von Nazareth nach Betlehem zu laufen, ...

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Denkabfall

Eine Veränderung

Seit Juni ist Rafał nicht mehr bei uns. Zwei weiße Raben hatten ihm gesagt, dass er für sich und die Welt noch andere Herausforderungen zu meistern habe, als mich zu versorgen. Ich glaube ja eher, dass ihm diese Einsicht seine Freunde aus der Drogenszene, also etwas schrägere Vögel, vermitteln mussten, aber das macht im Ergebnis eigentlich keinen Unterschied.

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Denkabfall

Rückschau – Vorschau

Sie, von mir hochrespektierte Leserinnen und Herren, haben die ‚Sprünge von Türmen‘ hoffentlich genauso unbeschadet überlebt wie damals 1969 meine genetisch weitaus betroffeneren Eltern. Schon zu jener fernen Zeit hatte ich diesen unbändigen Drang nach Überraschung und ließ die Angelegenheit nach vier zugespitzten Dramen im fünften Teil als Divertimento bittersüß ausklingen. Sie mögen es auch ‚eine Farce‘ nennen.

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Boulevard | #8

Einen Augenblick lang sahen sie sich schweigend an. Die Tische ringsum waren nach wie vor voll besetzt. Auch der Verkehr lief unvermindert weiter. Die matten Lichter und die schwimmende Leuchtreklame gaben dem frühen Abend etwas Unbestimmtes.

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Boulevard | #7

„Wenn die Fronten erst geklärt sind, wenn schon feststeht, was folgen wird, ist es doch nur noch peinlich“, sagte er. „Ekel und Verachtung. Verachtung für die gekeuchten Fragen: Liebst du mich? Bist du so weit? War es schön? War ich gut? Und immer wieder: Liebst du mich?“

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Boulevard | #6

Die Sonne war jetzt vollständig verschwunden. Er nahm die Hand vom Gesicht. „Hadern Sie damit, dass Sie kein enges Leben im Küchendunst zu führen brauchen?“, fragte er. „Die einen gehören hinters Fließband, die anderen hinter die Bar und noch andere hinter den Schreibtisch. Das ist keine Frage der Herkunft, sondern der Veranlagung.

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Boulevard | #5

Er sah einem vorbeiziehenden Paar nach. Sie trug ein quittegelbes Kleid, zu grell für ihr Alter; er schlurfte in Rentnerbeige neben ihr her und schien ihre ausladenden Gesten nicht zur Kenntnis zu nehmen.

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Boulevard | #4

„Sie sind eben gut, aber ich halte mich nicht für schlecht“, sagte er und dachte: ‚Jetzt doziere ich gleich. Das müssen wir aushalten.‘ „Ich habe, wenn überhaupt, höchstens vage, gefühlsmäßige Vorstellungen von Gut und Böse, aber keine verstandesmäßig begründeten, nach denen ich einteilen könnte. Trotzdem brauche ich Frauen, die mit sehr festen Moralvorstellungen leben.

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Boulevard | #3

„Warum sind Sie so misstrauisch?“, fragte er. „Ich hatte Sie ohne böse Absicht ganz harmlos etwas gefragt, ohne zu ahnen, dass Sie darin eine Falle vermuten würden. Aber aus Ihrer Antwort schließe ich, dass Sie sich doch mehr für Menschen interessieren, als es bisher aussah.“

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Boulevard | #2

Der Kellner brachte seinen Aperitif. Er dankte und trank. Es schmeckte bitter, süß und eisig. Ein Getränk kann eine Weltanschauung sein. Das Glas war glatt und hart zwischen seinen Lippen. Er ging zum Angriff über ...

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DER VERFÜHRER – Boulevard | #1

One-Night-Stands sind etwas Normales – aber nicht 1968, nicht in besseren Kreisen.

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Nächstenliebe | #5

„Sie bedeuten mir so viel“, sagte er, als sie ihm am Abend etwas zu trinken brachte. Er hatte nur geläutet, weil er sich nach ihr sehnte und wusste, dass sie Nachtdienst hatte. „Es war schrecklich für mich, mit anzusehen, wie Sie den Pfarrer genauso liebevoll behandelten wie mich.“

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Nächstenliebe | #4

„Manchmal muss man ein Teil von sich zerstören, um einem anderen zum Durchbruch zu verhelfen“, sagte der Vikar. „Es wird immer Versuchungen geben, denen man zu widerstehen hat, Triebe, die man unterdrücken muss. Ich möchte ihnen das an einem Märchen erklären: ...“

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Nächstenliebe | #3

Die Erkenntnis, dass er nun ganz allein war, kam ihm erst in den folgenden Tagen voll zu Bewusstsein, und ein anderer furchtbarer Gedanke ließ ihn nicht mehr los: „Durch meine Schuld. Ganz allein durch meine Schuld. Ich trage die Verantwortung für ihr Schicksal und für mein eigenes!“

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Nächstenliebe | #2

Er schlug die Augen auf. Eine Schwester saß bei ihm. „Fühlen Sie sich jetzt besser?“, fragte sie. Ihre Stimme war unangenehm näselnd. „Wo ist meine Frau?“, fragte er.

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DIE TOCHTER – Nächstenliebe | #1

Ich bin Abt. Das klingt nach Mittelalter, ich weiß. Vor ein paar Wochen kam ein Bruder zu uns. Seine Geschichte, seine Zweifel haben mich sehr beschäftigt. Ich fürchte, ich konnte ihm nicht helfen.

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Schmelzen wie Schnee | #14

Es war ein sonniger, aber kühler Sonnabend Anfang April. Ich hatte meine Lebensmittel eingekauft und außerdem noch ein Paar hellblauer Socken, deren kräftiger, beruhigender Ton mir sofort aufgefallen war.

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Schmelzen wie Schnee | #13

Als die Karnevalszeit vorüber war, merkte ich, wie mir die Dinge immer mehr aus der Hand glitten. Machtlos sah ich die Scherben meiner Unternehmungen und Pläne vor mir. Alles, woran ich mich freuen wollte, zerrann mir zwischen den Fingern.

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Schmelzen wie Schnee | #12

Es war durchaus nicht so, dass ich Tag und Nacht Hamlet spielte und mich in Sein und Nichtsein verbiss – jedenfalls damals noch nicht. Diese Gedanken und Empfindungen waren eher die Kulisse, vor der das normale Geschehen weiterhin ablief.

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Schmelzen wie Schnee | #11

Die folgende Zeit war das über Wochen verteilte Erwachen aus einer Narkose, nur dass alle Symptome der Genesung in ihr Gegenteil verkehrt waren: Meine Unsicherheit kehrte zurück.

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Schmelzen wie Schnee | #10

Meine Eltern waren froh über meine Entwicklung, meine Freunde waren verwirrt. Nie zuvor hatte ich in so kurzer Zeit so viel erreicht. Nie zuvor war mein Leben so freudlos gewesen.

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Schmelzen wie Schnee | #9

Anfangs hatte ich den Schlaf mit Unmengen von starkem Kaffee verscheucht. Inzwischen glaubte ich, ohnehin kaum zu schlafen. In Wirklichkeit war es sicher umgekehrt: Ich schlief mehr als ich wach war.

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Schmelzen wie Schnee | #8

Es ist sicher leichter, ein Bild zu zerreißen als eine Bindung. Man kann sich zwingen, eine Telefonnummer zu vergessen, aber das Gesicht, das hinter den Ziffern stand, bleibt, und man liest in ihm, ohne es zu sehen, ohne es zu wollen.

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Schmelzen wie Schnee | #7

Dicht neben uns warf jemand ein Glas um. Es gab Geschrei und Gelächter. Marion stand mit ihrem Tanzpartner in einer Ecke und nickte zu seinen Worten verständnisvoll mit dem Kopf. „Also der Tod beschäftigt dich nicht“, sagte ich, „und das Laster?“

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Schmelzen wie Schnee | #6

Sabine lebte mit ihrer Freundin Helga zusammen in einer Einzimmer-Wohnung. Wie man das länger als einen Monat aushält, ist mir heute noch unverständlich. Allerdings waren beide geradezu aufreizend verträglich,

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Schmelzen wie Schnee | #5

Die folgende Zeit hatte nur eine Überschrift, nur einen Namen: Marion! Die planlosen Spaziergänge im Grün sonnendurchfieberter Buchenwälder, die wiegenden Schatten auf Sandwegen an struppigen Wiesen entlang, der verschleiernde Dunst über der Pendelbewegung des Bootes.

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Schmelzen wie Schnee | #4

Ich liebe Cafés. Man sitzt entlang gepflasterter Gehwege unter einer bunten Markise. Auf den Tischen glitzern Gläser und Flaschen. Kellner balancieren mit gefüllten Tabletts zwischen Tischrändern hindurch.

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Schmelzen wie Schnee | #3

Sich treiben lassen oder gegen den Strom schwimmen. Vielleicht liegt das Ziel stromabwärts, und die ganze Mühe war umsonst.

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Schmelzen wie Schnee | #2

„Christian wäre mir fast abgesoffen“, sagte Andreas, während er sich nachlässig den Rücken abtrocknete. „Im Ernst?“ Regina machte ein bestürztes Gesicht. „Dann wäre er jetzt schon im Himmel ...“

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DER UNTÄTER – Schmelzen wie Schnee | #1

Was bleibt, ist der Tod und immer wieder der Tod. Er macht das Unendliche endlich, das Unerträgliche erträglich, das Ungreifbare fassbar, selbst ungreifbar wie die Stille, die ihn umgibt.

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Blaue Stunde | #4

Ich mache Licht, und sofort wird das Blau in meinem Fenster düsterer, bedrohlicher. Helligkeit ist kein Abwehrmittel. Ich knipse das Licht rasch wieder aus. Die Lampe verstummt. Mein Blau gewinnt seinen ursprünglichen Ton zurück; sanft, tot, gelassen.

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Blaue Stunde | #3

Wir sitzen auf der Terrasse. Der Sommerabend ertrinkt in einem Blau, das wie Betäubung über dem Garten liegt. Die Gegenstände scheinen ihre eigenen Schatten. Auf dem Tisch schimmern unsere Gläser, aus denen der Duft von Bowle steigt.

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Blaue Stunde | #2

Mein Beruf macht mir viel Freude. Ich komme mit den verschiedenartigsten Menschen zusammen, ich sehe große Teile der Welt und trage Verantwortung. Ich bin Pilot. Es ist der ideale Beruf für mich.

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DER TÄTER – Blaue Stunde | #1

Jedes Mal wenn ich sehe, wie das tintige Blau des Spätnachmittags von der hereinbrechenden Nacht aufgesogen wird, horche ich für ein, zwei Minuten reglos in die Dämmerung. Dann scheint es mir, als müsse alles Leben ersticken ...

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Praxis ohne Theorie | #6

In einer geringen Entfernung von mir rang Claudia mit einem Mann. Sie wehrte sich oder er wehrte sich, aber beide gaben keinen Laut von sich. Sie schrie nicht um Hilfe, und ich hatte das Gefühl, sie versuchte auch gar nicht, davonzulaufen.

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Praxis ohne Theorie | #5

Meine Haushälterin klopfte an die Tür: „Das Abendessen ist fertig.“ Ich versuchte verwirrt, die Zeiger meiner Uhr im Dunkeln zu erkennen. „Ist Claudia denn da?“ „Aber ja! Seit einer Stunde schon! Sie hat sich wohl etwas hingelegt.“

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Praxis ohne Theorie | #4

Von Minute zu Minute wurde ich unruhiger. Ich quälte mich mit sinnlosen Vorwürfen und malte mir Claudias Zustand in den schrecklichsten Farben aus. Wie unter einem Zwang irrte ich durch das Zimmer, aufgerieben zwischen den stummen Wänden und meinem dröhnenden Kopf. Jedes Mal, wenn ein Geräusch von der Straße hineindrang, sprang ich atemlos ans Fenster.

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Praxis ohne Theorie | #3

Erschöpft ließ er die Hände sinken. Sein Gesicht war grau und schweißbedeckt. Ein Zittern schüttelte seinen ausgehungerten Körper. „Verstehen Sie mich?“, fragte er erschöpft. Ich sah ihn an, versteinert. Solch ein Ausbruch! Fast empfand ich Mitleid mit ihm. Mitleid? Oder war es doch eine düstere Art von Bewunderung? Bewunderung für die Endgültigkeit seiner Entscheidung. Eine Entscheidung, die zu treffen ich nicht schwach genug war. Er griff nach mir und packte mich am Handgelenk.

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Praxis ohne Theorie | #2

Endlich schnellten die Hände hinab und versanken in seinem Schoß. Er straffte sich. „Morphium“, sagte er ruhig. Ich fuhr auf. „Sind Sie wahnsinnig?!“ „Nein – süchtig!“ Sein Kopf sank erschöpft herab unter der Bürde des Geständnisses. Dann begann es wieder in ihm zu glimmen.

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DER VATER – Praxis ohne Theorie | #1

Wenn ich sterbe, dann möchte ich nicht schmerzlos hinübergleiten. Ich möchte nicht einfach einschlafen, und alles wäre vorbei. Wenn ich sterbe, will ich leiden. Der Schmerz soll mich noch einmal durchzucken. Einer überlasteten Stromleitung ähnlich, die ihr Letztes gibt, ehe sie durchbrennt, will ich alle Kraft noch einmal zusammenfassen. Einmal noch will ich mich aufbäumen, ein letztes Mal, bevor mein Körper schlaff und besiegt seinen Kampf aufgibt.

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Einleitung

Im November 1967 war ich in Berlin. In den CCC-Studios von Produzent Artur Brauner. Ich ‚volontierte‘. So hieß das, wenn man dabei sein durfte, ohne bezahlt zu werden. Der Regisseur brachte mir ‚Brötchen-aus-der-Kantine-Holen‘ bei. Mehr nicht, aber ich schätzte sein Talent auch nicht so ein, dass darüber hinaus noch viel von ihm zu erlernen war. Nach dieser verpatzten Filmkarriere schrieb ich 1968 weiter Sonaten und Orchesterwerke, die meinem Kompositionsprofessor und mir Freude machten. Etliche meiner Altersgenossen gingen in diesem berühmten Jahr auf die Straße, ich nur auf die Musikhochschule.

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#54 – Abschiedsessen

Auf der Rückreise nach Hamburg ließen wir uns wie üblich, ohne Experimente, mittags vom Biergarten des ‚Schneiderwirts‘ in Nußdorf überzeugen und abends vom ‚Zehntkeller‘ in Iphofen. Ein warmer Septemberabend. Ziemlich warm. Als wir ankamen, saßen und aßen die Besucher noch draußen. Wir blieben lieber gleich drinnen: Sind wir ja von Taormina her so gewohnt.

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#53 – Ausgestorbene Berufe

2030 werde ich vielleicht nicht mehr erleben. Obwohl: bei meinen Genen ... Politik, Umwelt, Digitalisierung. Unterschied sich die Erde 2010 sehr von 2020? Aber vor 50 Jahren war die Welt ein anderer Planet, vor nochmal 50 Jahren erst recht. Dass es immer weitergeht, wenn wir tot sind, ist ausgesprochen kränkend.

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#52B – Tulpenfieber

Immer häufiger hörte und las man im vorigen Sommer, dass die Finanzblase des Weltwirtschaftssystems bis spätestens Mitte der Zwanzigerjahre geplatzt sein würde. Corona hat inzwischen alles geändert. Was jetzt platzt, standhält oder in sich zusammenfällt, wird täglich neu bewertet.

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#52A – Im Haus

Hier sitze ich. Allein. In meinem Haus. Auf diesem ‚gesegneten Fleckchen Erde‘. In meiner ‚Blase‘: den anderen egal – mir selbst gefällig. Meine Mitbewohner sind unterwegs. Ich sehe vom Balkon im ersten Stock aus auf den Garten, auf die Baumwipfel, auf die Berggipfel, und ich übe mich darin, den Anblick unverbraucht zu genießen.

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#51 – Lehren ziehen

Neben Lokalen, entweder ganz weit ab vom Schuss oder mitten im Kraftfahrzeug-Sperrgebiet, foppt mich das Schicksal noch mit einer dritten Variante, um meine Pläne zu durchkreuzen: Ruhetag. Mal Sonntag, mal Dienstag, aber immer an dem Tag, den ich für unsere Mahlzeit ausgewählt habe.

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#50 – Nur 20 Prozent Männer

Am Sonntag ist Ruhetag. Von wegen! Alle haben nur ein Ziel: San Gimignano – der Ausflug des Jahres. Je näher wir dem Örtchen kommen, desto desolater die Parkverhältnisse. In einem Unterdeck, Tief-Etage von der Einfahrt aus, fährt jemand raus, Freiluftkeller gewissermaßen, die Platzsucher schwirren los wie Schmeißfliegen zu einem frischen Haufen.

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#49 – An Rom vorbei

In Hamburg hatte ich mir angesehen, was ungefähr auf der Mitte zwischen Reggio und unserem nächsten Ziel liegt. So kam ich auf Caserta. Fünf Stunden sind genug. Wir fuhren an der zweiten Ausfahrt hinter Neapel ab. Unser Weg führte uns vorbei am grandiosen Park mit dem majestätischen Königsschloss.

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#48 – Das neue Kleid

2019: Unser ‚Ramo d’Aria Country Hotel‘ lag nicht unterhalb von Taormina, wie ich es in Hamburg vermutet hatte, aber es war auch nicht ganz so weit entfernt, wie unser sardisches Hotel von Cagliari gewesen war. Am Anfang meiner Planung hatte ich mit dem Gedanken geliebäugelt, uns im ‚Domenico‘ einzuquartieren, aber die Preise waren doch zu abschreckend gewesen.

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#47C – Wo man was macht

1974: Der Sizilien-Aufenthalt mit Harald war wie das halbherzige Aufwärmen einer übriggebliebenen Pizzahälfte. Als wir von Reggio Calabria nach Messina übergesetzt hatten, führte unser erster Weg ins nahe Taormina. Die Rocca war verwaist und verwildert.

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#47B – Mitbringsel

Mit 22 Jahren schlief und empfing ich noch in meinem schlauchartigen Kinderzimmer: Die Couch wurde nachts zum Bett. Ein Bücherregal und einen Beistelltisch mit meinem Tonbandgerät gab es auch.

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#47A – Die Festung

Dann kamen wir an. Das Hotel war keins. Es war ein an der lauten Landstraße gelegenes, ziemlich kleines Gebäude, weder am Meer noch im Ort. Die Zimmer waren alle schrecklich, aber als Irene die Kammer sah, in der ich mich schmal machte, bekam sie einen Lachanfall.

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#46 – Weltkulturerbe und wir Erben

Zwei Ausflüge habe ich während unseres Aufenthalts eingeplant: einen nach Süden mit Mittagstisch, einen nach Norden mit Abendbrot – beide Mahlzeiten exquisit, wenn’s geht. Silke sollte nicht zu kurz kommen.

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#45 – Urlaub

Von Montag bis Freitag fand nun Urlaub statt, eine Phase, zu deren Bewältigung die Talente sehr ungerecht verteilt sind. Mein Vater zum Beispiel konnte Urlaub gar nicht. Ferien führten bei ihm regelmäßig zu entzündeten Mandeln, die bepinselt werden mussten (Krankenhaus ambulant), Herzinfarkten, die sich als Muskelkater entpuppten (Krankenhaus über Nacht), und kleinen Zehen, die zwar das Gehen unmöglich machten, vom Arzt aber bescheinigt bekamen, nicht gebrochen zu sein. Als ich kein Kind mehr war, gestand mir meine Mutter, dass sie sich vor Lust-Reisen mit ihrem Ehemann immer ein wenig graulte.

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#44C – Durch Monreale und durch Müll

Zum Aperitif gingen wir drei wieder gemeinsam vor die Tür. Unter einer Plane konnten wir draußen sitzen, unter Einheimischen, die wie wir Gottes Ruhetag entgegentranken. Sonntage waren für mich lange Zeit nur noch Tage, an denen die Läden geschlossen hatten. Seit ich übers Internet bestelle, brauche ich mir die Wochentage überhaupt nicht mehr zu merken, tue es aber doch. Auf die Uhr sieht man auch, wenn man nichts vorhat.

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#44B – Wahrheiten und Lügen

Das Außerordentliche ist – für Ordnungshüter leider – erstrebenswerter und zielführender als das Ordentliche: in Wissenschaft, Kunst, Leben. Schade bloß, dass 90 Prozent der Ausbrüche einbrechen. 10 Prozent haben Bestand – stimmt das? Ist das viel? Lieber will ich unrecht haben als schweigen.

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#44A – Exkurs: Bewusstsein und Selbstbewusstsein

Der Nachmittag war natürlich dem Weltkulturerbe gewidmet. Jedenfalls für Silke und Rafał. Der Nebeneingang zur Kathedrale Santa Maria Nuova befindet sich wenige Schritte entfernt von unserem Palazzo, aber ich traute mir den Weg durch den Kreuzgang zu den byzantinischen Mosaiken nicht zu. Unverständlich für mich, jetzt, wo ich Monate später darüber schreibe. Die Kirche ist der ‚Aufnahme Mariens in den Himmel‘ gewidmet, weihevollem Quatsch also, aber sie war 1966 und 1974 das Eindrucksvollste, was ich auf Sizilien gesehen hatte.

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#43 – Ein Finne auf der Fähre

Das Einschiffen von Sardinien nach Sizilien war nicht komplizierter als es das in Civitavecchia gewesen war. Schlecht ausgeschilderte Wege, lange Wartezeiten, steile Treppen, muffige Kabinen – das muss man alles schon erlebt haben, um den glatten Ablauf hier so richtig genießen zu können. Meine Kabine hatte eine Besonderheit: Fenster links und Fenster geradeaus. Sehr ungewöhnlich für ein Schiff.

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#42 – Das Machbare

Zurück in unsere Zeit. Cagliari ergoss sich grau und regnerisch vor unserer Windschutzscheibe. Sardinien enttäuschte uns. Die Fahrt zu unserem Hotel dauerte eine Stunde. Links stumpf die See, rechts flau die Ebene. Aber das Hotel Aquadulci mit seinen drei einstöckigen Häusern lag dicht am Wasser.

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#41 – Was nicht passiert war und was doch

Fortsetzung 1975: Salvatore riss den Wagen herum, schleuderte in die Einfahrt und hielt ruckartig vor dem Hotel. Wir stiegen aus. Ich war unschlüssig. Marcello sah mich an, eher arglos als gespannt. Etwas Trauriges in seinem Blick ließ mich erst erkennen, dass etwas Trauriges in seinem ganzen Wesen lag. Zwang ist mir zuwider. Auch der erschlichene Zwang der Verführung.

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#40 – Mein Ruf

Fortsetzung 1975: In Rom allerdings, gut eine Woche nach dieser Autofahrt, zahlte ich in klingenderer Münze als klimpernder Worte. Es war unser erster Abend in der ‚Ewigen‘, wir hatten im Innenhof des Lokals unter den Weinranken gegessen, die Luft würzte die ohnehin würzigen Speisen, und der Frascati gab meinen Empfindungen Aroma. An Schlafen war nicht zu denken. Irgendetwas trieb mich durch die Straßen.

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#39 – Bezahlen

Fortsetzung 1975: Der Wagen bremste scharf und quietschend. So ist das in Italien. Wozu vorher abbremsen, das kostet höchstens Zeit, die man besser nutzen kann – zum Beispiel sich mit gelangweiltem Blick in eine gut sichtbare Ecke stellen. Wir stiegen aus. Es war ein rundes schlohweißes Gebäude. In der matten Nacht schimmerte es verheißungsvoll. Von drinnen brodelte Musik heraus.

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#38 – Überfahrt

Fortsetzung 1975: Wir waren schon oft in Italien gewesen. Aber Anwesenheit ist nur eine Unterschrift in Seminarlisten, ein Aufstehen bei Namensnennung, ein ‚Hier‘-Schreien, das für nichts bürgt, schon gar nicht für Erkenntnis. Manche Urlauber finden einen Ort, der ihnen gefällt und dorthin gehen sie jedes Jahr immer wieder. Sie kennen nicht das hässliche, das trostlose, das abschreckende Italien ...

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#37B – Erinnerungen an Erinnerungen

Sieben Jahre später liest sich das dann so: Juni 1975 – mit Harald auf Sardinien. „Die hat was“, sagte mein Freund und nahm einen größeren Schluck Mineralwasser als sonst, „die riecht so nach Muschi.“ Das meinte er nicht abfällig. Im Gegenteil. In seinem Ton lag die etwas dünnblütig-abstrakte – oder vielleicht besonders dickblütige – Geilheit, zu der er fähig war.

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#37A – Hummer am Straßenrand

Punta Ala: ‚Vom Tourismus unberührt‘ – das war mal! In ‚Fast am Ziel‘, ‚#86 – Eine Fata Morgana endet im Golfclub‘ habe ich beschrieben, was aus Punta Ala inzwischen geworden ist. Wir wussten also, dass Punta Ala als Zwischen-Ziel nicht mehr infrage kam. Pausenlos durchfahren mochten wir aber auch nicht. Deshalb verließen wir die Autostrada bei Venturina Terme.

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#36 – Unwiederbringlich?

Am nächsten Morgen fuhren wir die vertraute Strecke am Meer entlang vierhundert Kilometer nach Süden. Wir vertreiben uns diese Zeit jetzt mit einem Rückblick auf 1968. Ich war damals 22, hatte schon viele Sonaten geschrieben, aber noch nie Sex gehabt – jedenfalls nicht mit anderen Personen.

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#35B – Heute: einmal reicht

Am Nachmittag fuhren Silke und Rafał in den nächsten Ort: Santa Margherita. Die Küstenstraße führt danach noch bis Portofino, dann ist Schluss. Das ist das Reizvolle an Portofino – kein Durchgangsverkehr. Zum ersten Mal war ich da 1966 gewesen: die Reise mit meiner Mutter, deren beste Freundin Erika und deren Sohn Hartmut.

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#35A – Damals, mehrmals

Silke, Rafał und ich, wir ließen Mailand hinter uns und nahmen die Autobahn nach Genua. Wir durchfuhren die Stadt, ohne sie zu durchdringen, uninspiriert. Nicht Standort, nur Strecke. Wer etwas länger dort verweilen möchte, kann in meinem Blogbeitrag ‚Fast am Ziel‘ mehr lesen, und zwar im zweiten Teil des Kapitels ‚#89 – Nichts über Genua‘. Da geht es um ein folgenreiches Unglück, ...

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#34 – Wetten, dass nicht …

Ich wachte zweimal für längere Zeit auf. Mein Herz pochte. Am Morgen fühlte ich mich herrlich. Klar und kräftig. „Ich reise ab!“, waren Irenes erste Worte.

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#33 – Vollmond

Renaissancefassade des Doms und zwinkernde Leuchtreklame am andern Ende der Piazza standen sich gegenüber und höhnten einander. Das bunte Licht blinkte siegesgewiss, in hypnotisierend einförmigem Rhythmus, aber das Portal bewahrte die Ruhe, der Feuerschlucker bewahrte die Ruhe, während die Flammen vor seinem Gesicht tanzten oder unsichtbar in seinem Schlund verschwanden.

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#32B – Abstecher

Bevor wir Mailand verlassen, muss ich erst noch etwas nachreichen – meinen ganz persönlichen Höhepunkt. Die Milanese von 1984 ...

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#32A – Nachdenklichkeiten beim Runterschlucken

Brief aus dem Jahr 1991: Ist es das? Diese neugierige Traurigkeit, während geschäftiges Lachen rund um meinen Tisch gluckert. Bin ich wieder eine Insel, von gutmütigen Wellen bedürfnislos angetatscht? Früher war es eher traurige Neugier.

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#31B – Orest

Es begann damit, dass es nicht anfing: Das Restaurant in Brescia, in dem ich 1984 mit Roland und seiner Mutter gewesen war, hatte montags geschlossen, und für Sirmione erschien mir die Lösung des Parkproblems zu knifflig.

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#31A – Ein erweitertes Hinterhauptsloch

Am Morgen standen wir rechtzeitig auf, um die Abfahrt der Schlossbahn nicht zu verpassen. Dieses Vehikel ist selbst für Disney-Verhältnisse etwas absonderlich. Eine kreischbunte Lokomotive lenkt kreischbunte Straßenbahnwagen – Nostalgie vortäuschend – den Berg empor. Schienen braucht sie nicht. Sie hat Räder.

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#30 – Spielzeugschachtel – PlayStation

Der Autodesigner Paolo Tumminelli hat im Januar 2012 der ‚Zeit online‘ gesteckt: ‚SUV-Fahrer neigen dazu, riskanter zu fahren, weil sie das Gefühl haben, in einer Burg zu sitzen.‘ Weiter behauptet er: ‚Man ist zwar schon Ende 50, trägt aber weiterhin enge Klamotten und sucht sich einen noch schnittigeren Wagen.‘

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#29C – Zusammenfassung

Liebe Zuschauer, -hörer, Leser/-innen! Erlauben Sie mir bitte eine Zwischenbilanz, bevor der zweite Teil beginnt. Meine Generation hat Menschen und Länder entdecken wollen. In den 1950er-Jahren waren die Deutschen ans Mittelmeer gefahren, weil es da warm war. Die Entdeckung der Welt, das war etwas für einzelne Abenteurer gewesen.

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#29B – Am Eingangstor zu Berlin

In meiner Wohnung war ich noch damit beschäftigt, die Post in Werbebriefe für mich und Werbebriefe für den seit Jahren toten Roland zu sortieren, als das Telefon klingelte: Guntram hatte einen weiteren Schlüssel die ganze Zeit im Portemonnaie bei sich gehabt. Alles war da, nichts fehlte.

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#29A – Vermutungen

Zurück zum Hauptschlüssel des Mercedes. Ich war mit ihm bis zu dem Restaurant Hidalgo gefahren, in dem wir mittaggegessen hatten. Danach war Guntram gefahren. Offenbar mit dem Zweitschlüssel. Jeder von uns beiden war insgeheim sicher, dass er den fehlenden Schlüssel verschusselt hatte ...

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#28 – Ganz ausgeschlossen!

Am Dienstag, dem 16. Oktober, reisten wir zurück nach Deutschland. Drei Monate waren vergangen. Ist das viel – ist es wenig? Der Sommer war in ganz Europa heiß gewesen. Chemnitz geriet wegen rechtsextremer Hooligans in die Schlagzeilen, Jamal Khashoggi war in Istanbul ermordet und zerstückelt worden.

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#27B – In Teufels und Ferraris Küche

Als wir am späten Nachmittag nach Asolo fuhren, tat der Himmel schon wieder so, als sei nichts gewesen. Im Garten des Hotels ‚Cipriani‘ sitzt man wie auf Besuch im Paradies, und der Ober bringt zu den Getränken ungefragt all diese herrlichen Kleinigkeiten ...

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#27A – Das Wichtigste über die Zeit der Kreuzzüge, über die Zeit davor und über die Zeit danach

Am nächsten Tag – Samstag, dem 11. August, übrigens – sollte das Sehenswürdigkeitsgucken (giro turistico) vom Vortag fortgesetzt werden. Vicenza, gleich um die Ecke, bot sich dafür an.

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#26 – Ein Hinweis aus Paderborn

Abendessen – Der letzte Abend muss dramaturgisch immer noch eins draufsetzen. Also nahmen wir ein Wassertaxi vom Lido zum Markusplatz.

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#25 – Riskante Wette

Cocktail-Time – auf der Terrasse des ‚Excelsior‘. Im ‚Excelsior‘ wohnt die Film-Prominenz während der Festspiele, und dort, wo er erfunden wurde, habe ich schon mit Pali, Irene, Guntram, Roland und Silke den waschechten Bellini getrunken.

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#24 – Zusammenbruch

Der Brief fängt früher an und geht noch viel weiter, aber das war der (ohnehin gekürzte) Venedig-Teil. – Zurück zum Jetzt. Früher war das Leben lustiger: wie ein leichter Schwips. Nicht die Zeit war lustiger, nur wir.

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#23 – Kartoffelchips mit Charakter

Es ist schon lange nicht mehr schwierig, einen Logenplatz in einem der drei Cafés zu bekommen. Jeder kennt die Preise, und so werden die Sitzenden mehr begafft als die Flanierenden, bei denen es sich allerdings überwiegend um Vorbeilatschende handelt.

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#22 – Angebot an italienische Mütter

Es war keine Wolke am Himmel, es blieb keine Wahl: Am allerletzten Spätnachmittag unseres Meeres-Kur-Aufenthalts musste Venedig erobert werden.

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#21 – Herr Schwarz von Venedig

Manchmal, so beim Essen zu zweit, überkommt mich dieser übliche Ewigkeitsanspruch, und ich denke: „Mein Gott, was erzähl ich denn dieser Person zwischen Suppe und Salat meine Aufgewühltheiten, wenn die mir sowieso irgendwann wegstirbt?“ Aber dann beruhige ich mich wieder. Schließlich habe ich es ja selber auch ganz gern, dass vor meinem Tod schon mal jemand mit mir geredet hat.

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#20 – Die Symbolfigur unserer Zeit

Gestern haben wir in dichtestem Menschengedränge bei ‚Billa‘ (lautmalerisch und in etwa mit ‚Lidl‘ vergleichbar) weitere Mengen an Bodylotion und Insektenspray gekauft, weil Irene es nicht leiden kann, während des stimmungsvollen Abendessens im Freien vom Knöchel an aufwärts von Mücken zerkaut zu werden.

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#19 – Wüstensommer

Am nächsten Morgen ist um zehn Uhr festzustellen: Wir sind auf dem Lido, wir haben es knapp durch die Tür geschafft, bevor der Frühstückssalon geschlossen wurde, und Silke ist noch nicht angekommen.

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#18 – Im Wartezimmer

Freitagnachmittag, 16 Uhr. Trotz der fortgerückten Stunde ging ich zum Empfang und schilderte – was blieb mir übrig? – mein Problem. Vor Montag würde ich wohl keine Chance haben?

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#17 – Irgendwie eintreffen

Giuseppe ist ein viel besserer Mensch, als ich es bin (moralisch gesehen), aber sein Orientierungssinn ist vielleicht etwas weniger ausgeprägt als meiner. Wir fuhren ja nun ab Trient durch seine Westentasche und deshalb erst kurz vor Venedig in die Irre. Ich hielt ihn natürlich für einen ausgekochten Abkürzer, so dass ich bewundernd sagte: „Das Schild nach Venedig wies da lang!“

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#16 – Die unendliche Schwierigkeit aufzustehen

Morgens bin ich, meiner eigenen Empfindung nach, eher ein Wrack, das am Grunde seines Bettes von Tauchern in Ruhe gelassen werden will, als die stolze Fregatte, die ich gestern Abend war und die noch kurz vor dem Schlafengehen verbale Salven auf seine Umgebung abgeschossen hat. Mein Hausarzt hat da ja seine eigene Theorie über dieses Phänomen, aber es geht hier weder um Schiffeversenken noch um Flaschenentkorken ...

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#15 – Venedig bis zum Abwinken

Wir hatten mit weniger Zeit für die Strecke zwischen Rimini und Lido gerechnet. Helga stand schon fröhlich winkend am Ufer. Den Flug von Hamburg über die Alpen hatte sie schneller geschafft als wir die Strecke von Rimini hierher, trotz Rafałs Fahrweise. Fliegen ist ungesund für die Natur, Autofahren auch. Zuhausebleiben ist langweilig für den Menschen. So ist das nun mal.

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#14 – Leichen

Eine letzte Nacht, die Silke und Rafał mit Meerblick und Krach hatten verbringen dürfen, ich mit Parkplatzblick und Stille, dann packte das Personal unser Gepäck ins Auto, und wir fuhren weg. Fazit: Im ‚Grand Hotel‘ nach hinten raus schlafen, im ‚Club Nautico‘ bei Sonnenuntergang tafeln – so ist Rimini immer wieder eine Reise wert. Alles andere kann man nicht, man muss es vergessen. Nulla!

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#13B – Exkurs: Antike (und) Anmache

Die Frage, wie kompatibel unsere eigenen Gedankengänge mit den Vorstellungen anderer Menschen sind, beschäftigt mich am Tag, wenn ich mir die Leute so betrachte, und erst recht bei Nacht, wenn ich nicht gerade schlafe oder mich Strandpartylärm vom Denkmodus in den Wutmodus zwingt.

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#13A – Wo überall mir Tattoos fehlen

Als Reiseführer bemühe ich mich, nicht allzu weihevoll zu sein, weil ich salbungsvolles Getue auch bei anderen Menschen schwer aushalte. Dennoch fühle ich mich dafür verantwortlich, die tägliche Langeweile zwischen Lobby und Liegestuhl so gering zu halten, dass nicht der Sinn der ganzen Reise unvermittelt auf dem Prüfstand steht.

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#12B – Apfelbäumchen oder Sintflut?

Kaum liegt man, schon drängen sich neue Fragen ins Hirn, und wenn man es nicht schafft, sie zurückzudrängen, schaffen sie es, einen wach zu halten. Die Reise, das Leben, der Tod.

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#12A – Doppelschlag

1967 auf unserer langen Studentenreise, auf der wir Rimini so genüsslich verachtet hatten, fuhren wir ins Inland, Richtung San Marino. Hans Dieter saß am Steuer und huppelte im Dunkeln über etwas, das wir für eine fette Ratte hielten. Angeekelt steuerten wir die nächste Übernachtungsmöglichkeit an. Kultur hin, Landschaft her, dieser Moment, in dem es unter uns gescheppert hatte – er ist das Einzige, an das ich mich von damals erinnere.

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#11B – Vertrödeln findet nicht statt

Alles wird anders. Immerzu. Aber dieses Mal wird es sehr anders: Aus der humanistischen Welt, die mich geprägt hat, geht es in die digitale, an der ich wissbegierig und verständnislos Anteil nehme. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit gegen mich arbeitet.

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#11A – Halb so lange

Genug der Vorgeschichten! Sie sollten nur Beleg sein für die Notwendigkeit, Rimini in meine Abschiedstournee mit einzubeziehen, und sie beleuchten das Dunkel der Vergangenheit, so dass die Assoziationen, die ich beim Verlassen der Autostrada hatte, sichtbar werden, um es so schön geschraubt auszudrücken, wie es sich für einen komplizierten Abschied aus einer untergehenden Welt geziemt.

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#10 – Badefreuden

Die Ankunft am Strand ist jedes Mal ein Horror. Unsere drei Liegestühle stehen in vorderster Front, dagegen ist nichts zu sagen, aber entweder ist schon jemand anderes da, dann ist der Vormittag gelaufen, weil er unweigerlich zu dicht ‚ausgerechnet bei uns‘ sitzt, oder er ist noch nicht da, dann wird er mit bitterem Verdruss herbeigewartet.

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#9 – Die Tücken des ‚Grand Hotels‘

Nach unserem Unbesuch 1967 gab es eine Pause von einunddreißig Jahren, bevor meine Füße wieder Rimini-Boden betraten: 1998. Davon gibt es wieder kein einziges Foto, aber mein Tagebuch. Das ist ja viel authentischer als alles, was ich mir jetzt nachträglich zusammenreimen könnte.

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#8B – Exkurs: Der Sinn des Lebens

Ich vergesse regelmäßig mein Smartphone. Gott sei Dank schon zu Hause. Da bin ich wohl der Letzte, dem das passiert.

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#8A – Vom Städtebund zum Seebad

In den Fünfzigerjahren war Rimini der Traum der Deutschen gewesen, und die Schilder an den Strandbuden hatten ‚Kaffe nach deutche Art‘ im Angebot. Es hat sich herumgesprochen, dass es auf Mallorca nicht nur den Ballermann, sondern auch herrliche, fast unberührte Gegenden gibt. Was würde es in Rimini geben? Als wir fünf Tage später wieder wegfuhren, wussten wir es, aber erst mal der Reise und Reihe nach – Geschichte und Geschichtchen, sie sind ja meine beiden Steckenpferde. Also, losgeritten!

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#7 – Leere und Fülle

Zurück in die Gegenwart – die Gegenwart unserer Reise nach Südost. Silke kannte Bologna nicht. Es ist die größte italienische Stadt, die keinen deutschen Namen verpasst bekommen hat, so wie es Mailand, Neapel, Rom, Venedig und Genua passiert ist. Die Italiener rächen sich mit ‚Amburgo‘, ‚Berlino‘, ‚Monaco‘, ‚Stoccarda‘. Wer damit angefangen hat, weiß ich nicht, nur, dass wir das mit anderen Ländern und ihren Städten nicht machen.

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#6 – Ohne Blick auf den Dom

Wir fuhren zum Mittagessen in das Restaurant am hinteren Rand der Piazzale Michelangelo: ‚La Loggia‘. Von dessen erhöhter Terrasse aus kann man, am monumentalen David vorbei, ganz Florenz in die Toskana-Hügel eingebettet liegen sehen. Solche Ausflugspunkte warten ja häufig nur mit Pizzerien und McDonaldissimos auf, und so war es immer schon meine Sehnsucht gewesen, dieses erstklassige Lokal an berühmter Stelle zu besuchen. Nun endlich.

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#5 – Andacht im Dom

Weiter im Tagebuch: Freitagvormittag in Bologna. Heißer Himmel. Wir schlenderten. „Ich find’ ja Bologna ganz toll“, sagte Rüdiger, ohne das näher zu begründen. Giuseppe führte seine sanftmütigen Augen aus, und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob man aus dieser Art Blick heraus eigentlich sehen kann, also ob er lichtdurchlässig ist.

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#4 – Und was ist bei Regen?

Inzwischen war es auch an der Zeit, die Villa, in der die Vorabend-Veranstaltung stattfinden sollte, zu besichtigen. Motto: ‚Die Musikwelt zu Gast bei Freunden‘, also bei mir. Aber alles andere als bei mir Zuhause. Als wir in die Autos stiegen, hatten Rüdiger, Volker und Pipo, denen zu fasten ein weniger perverses Bedürfnis ist als mir, schon so was Verdrossenes um den Mund, Giuseppe nicht, er war abgelenkt durch das Gewicht meiner Tasche.

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#3 – Warum Italien zugrunde geht

Für den weiteren Verlauf der Eskapade mache ich es mir einfach und schreibe – leicht gekürzt – von meinem damaligen Tagebuch ab. Das ist doch viel authentischer und gibt mir außerdem Gelegenheit, noch mal auf Florenz zurückzukommen, obwohl Florenz ja eigentlich schon in meinem Blogwerk ‚Frühling in Florenz‘ abgefeiert worden war.

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#2 – Die große Show

Los geht es im Juli 2018. Im Jahr zuvor hatte ich Giuseppe recht gegeben: Für den wochenlangen Ausflug von Meran aus nach Süden wäre im Hochsommer zu heiß gewesen. 2018 war es noch heißer als im Vorjahr, aber wie oft sollte ich die Reise denn noch aufschieben? Von der Endlichkeit müssen wir Gebrauch machen, bevor uns die Unendlichkeit einholt und die Falle zuschnappt.

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#1 – Loslegen

Anzufangen fällt mir nicht schwer. Aufzuhören schon eher. Das leere Blatt hat mich nie geschreckt, der leere Bildschirm tut das auch nicht. Die Formulierung kommt gleich mit dem Gedanken, und all meine Kopfgeburten gelingen problemlos ohne Wehen. An den Sinn des Aufschreibens zu glauben, fällt schon schwerer. Mal denke ich: „Ich brauche das!“ und mal sage ich mir: „Die Menschheit wird sich nie die Frage stellen, ob sie es braucht, wenn ich es gar nicht erst aufgezeichnet habe.“

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#0 – (M)ein-Leitung

Alles ist fertig. Die richtigen Bilder, um meine Ansichten zu illustrieren. Die richtigen Wörter, um die Worte zu ordnen. Alles ist so, wie ich es will. Und doch! Wie seltsam, hier Reise-, sogar Lebenserfahrungen aufzublättern, die während des Schreibens ganz zeitgemäß zeitlos schienen und die nun von der Wirklichkeit auf die hinteren Plätze verwiesen wurden. Jetzt ist alles anders.

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#7 – Ungemach bei Friedrich II.

Was man so alles macht aus Übermut. In der Taxe zum Bahnhof bereute ich es eigentlich schon, aber Verabredung ist Verabredung. Ich fuhr über Rhein und Main nach Frankfurt, wo mich Silkes Schwester Esther in Empfang nahm und mich aus der Stadt über verschlungenste Autobahnen eine dreiviertel Stunde lang zu ihrer Siedlung fuhr. Das Haus ist schick und groß, stattlich und gediegen. Draußen war ein kleiner Garten, der sich raffiniert beleuchten, wegen Eiseskälte allerdings nicht betreten ließ.

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#6 – Die Strahlenbelastung meiner Kinder

Das wäre jetzt der Zeitpunkt, Schluss zu machen. Schaff ich das? Also eine letzte Krankenhausgeschichte hätte ich noch. Als ich 1985 Prokura bekam, bekam ich gleichzeitig, wie es allen ‚Führungskräften‘ zustand, den Anspruch auf eine vom Unternehmen finanzierte Untersuchung in der Wiesbadener Diagnoseklinik. Die meisten, die es so weit gebracht hatten, waren damals etwas älter als ich und wollten rechtzeitig in Erfahrung bringen, ob der Krebs ihnen die Pension wegfressen würde.

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#5 – Also dann!

Draußen war wässriger April. Drinnen herrschte der ewig weiße Krankenhauswinter. Als es gerade wieder mal gegen das breite Fenster regnete, kam eine Frau durch die Tür hereingeschneit. Sie strahlte diese markerschütternde Munterkeit aus, vor der auch der Tod in Ohnmacht fällt. „Ich wollt' mal nach Ihnen sehen“, sagte sie. Ende vierzig, mittelgroß; mittellanges, mittelgraues Haar, Gesicht und Kleidung auf die gleiche Weise geblümt.

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#4 – Architekturkunde

Tagsüber ist alles in Butter oder zumindest in Margarine, aber abends zwischen sieben und acht, da geht’s – hui! – auf zur Walpurgisnacht. Da schießen die Säfte hoch; die Energien strahlen: Hinten von den Lendenwirbeln in den Nacken, und von vorne aus dem Magenschlund in den Kehlkopf; ein Strahl verläuft vom Rippenbogen zur Prostata und einer quer durchs Zwerchfell.

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#3 – Erziehung durch die Wand

Am Mittwoch, 1. Juli 1998 war das Räumkommando pünktlich. Während es unten alles auseinandernahm, raffte ich oben alles zusammen: Computer, Drucker, Aktenordner, Küchengeräte, Schreibwaren und Kleidungsstücke. Gegen elf Uhr brach ich auf, in mein größtes Abenteuer seit Rolands Beerdigung. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, die Landstraße von Lauenburg über Ludwigslust und Nauen bis nach Berlin zu nehmen, um mir die Genugtuung zu verschaffen, unbehelligt überall dort fahren zu können, wo ich mich erst mit meinen Eltern und später mit Roland vor den Dämonen der schaurigen Schattenwelt und den Radarkontrollen der lauernden Vopos gegruselt hatte.

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#2 – Das Ende der versteckten Füße

April 2001: Ich laufe zu wenig, ich lerne zu wenig, ich lache zu wenig. Ich will zu wenig. Ich schlafe zu viel, ich koche zu viel, ich saufe zu viel. Vielleicht will ich zu viel. Eines Nachts war es dann so weit. Es ging nicht mehr. Also fuhr ich: gleich am nächsten Morgen zu Leibarzt Roemmelt, von dort nach St. Georg und am nächsten Tag ins Albertinen-Krankenhaus.

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#1 – Ein Ausrutscher

Öl auf blanken Kacheln, Wasser unter nackten Sohlen. Auf glitschigem Badezimmerboden ausrutschen kann man auch mit achtzehn. Pech! Mit über siebzig ist es ein Makel.

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Judas

#9

„Jesus saß im Garten unter einem Myrthenstrauch. Die anderen waren bei ihm. Er sah auf, als ich durch das Tor trat, und in seinem Blick lag Misstrauen, zum ersten Mal. Niemals hatte mir ein Blick so weh getan.“ Judas schwieg.

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Judas

#8

„Am Montagmorgen gingen wir wieder nach Jerusalem. Am Abend vorher war die Lage schon bedrohlich geworden. Wir waren nur knapp davongekommen. Aber die Stadt zog Jesus an wie der Abgrund den Lebensmüden.“

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Judas

#7

„Wir saßen beisammen. Die Sonne war untergegangen, und die Hähne hatten aufgehört zu krähen. Petrus nickte beflissen zu allem mit dem Kopf, was Jesus sagte, ein richtiger Knecht, wie der HERR ihn braucht. Ich saß in der Ecke, etwas abseits und sah aus dem Fenster. Draußen war noch ein Leuchten, geheimnisvoll, unbestimmbar.“

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Judas

#6

Behutsam setzte sich Maria Magdalena auf den Rand des Bettes, dicht neben seinen Kopf. Er öffnete die Augen. Sein Blick tat weh. „Seit wann seid ihr wieder hier?“

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Judas

#5

„Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich später geboren worden wäre. Dann hätte ich nur glauben müssen, was ich nicht zu sehen brauche. – Und doch habe ich an ihn geglaubt, auch so. Als Gott? Ich glaube, dass er glaubt, Gott zu sein. Doch ich hatte eine so ganz andere Vorstellung davon, wie Gott sein würde, wenn er leibhaftig zwischen uns tritt.“

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Judas

#4

„Und da kam Jesus. Er soll gesagt haben: ‚Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.‘ Seine Lehren sollten neu sein und tröstlich. Er brachte Menschen dazu, ihm zu folgen, ihr Leben zu ändern. Ich wollte ihn sehen.“

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Judas

#3

„Hör zu! Ich erlaube dir nicht, so zu reden.“ Maria Magdalena war aufgebracht. „Du kommst zu mir mitten in der Nacht. Du bist verstört. Ich nehme dich auf. Wenn du müde bist, dann schlaf! Wenn du sprechen willst, sprich!“

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Judas

#2

Maria Magdalena schob ihren Kopf durch den Spalt. „Judas! Was willst du, mitten in der Nacht?“ „Lass mich ein. Bitte!“

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Judas

#1

‚Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man mußte opfern das Osterlamm. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf dass wir's essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, dass wir's bereiten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das Haus ...‘ ‚Es kam nun der Tag der süßen Brote, an welchem man mußte opfern das Osterlamm. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Gehet hin, bereitet uns das Osterlamm, auf daß wir’s essen. Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wir’s bereiten? Er sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folget ihm nach in das Haus, [...]‘

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Die Hostie

#11 – Bier

Und dieses Mädchen saß mir nun gestern gegenüber. „Wie ist es für Sie weitergegangen?“, fragte ich. „Komischerweise hatte sie vollkommen recht“, sagte das Mädchen. „Mein Freund war wirklich mit dem Auto losgefahren, um mich abzuholen. Unterwegs wurde er in einen Unfall verwickelt ...

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#10 – Fruchtsaft

Die Frau trank ihr Glas leer. „Gott wird mir schon verzeihen, ich habe ja sonst nicht viel Schlimmes angerichtet und bin jeden Sonntag brav mit der Familie in die Kirche gegangen, um das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Wenn er es so weit mit mir treibt, dass ich es nicht mehr aushalten kann – zack! Vorbei: mein erstes und mein letztes Aufbegehren gegen seinen weisen Ratschluss ...“

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Die Hostie

#9 – Silberdose

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück mit dem Cognacschwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach hoch oben ließ milchig-trübes Tageslicht herein ...

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Die Hostie

#8 – Curry

Der Blick des Mädchens wurde immer unwilliger, aber das schien der Frau gar nicht aufzufallen, ihr Vortrag ging weiter. „Es hat doch keinen Sinn, dass alle Frauen denken, sie könnten wie Claudia Schiffer oder wie Rosa Luxemburg sein, wenn sie sich ein bisschen anstrengten. Das macht sie doch bloß unglücklich. Alle Männer werden ja auch nicht Reinhold Messner ...

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Die Hostie

#7 – Tabasco

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich jemanden beneiden könnte. Niemals. Und jetzt beneide ich dieses Mädchen mir gegenüber um ihre Sorgen – und um ihre graue, hoffnungslose Jugend. Vielleicht könnte ich ein Gespräch mit ihr anfangen, damit ich nicht so armselig hier herumsitze. Der Zug fährt ja erst in einer Stunde ...

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#6 – Kaffee

Wohlverwahrt lag diese Geschichte in meinem Schreibtisch, als Bestandteil meiner Sammlung von Schicksalen. Das Mädchen war tot. Die Frau war belehrt.

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#5 – Obst und Südfrüchte

Das Mädchen trank, tief in Gedanken, von dem abgestandenen Saft. Die Frau kam zurück vom Büfett mit dem Cognac-Schwenker in der Hand. Sie setzte sich und nahm gleich einen Schluck. Dann sah sie zur Decke. Das Glasdach, hoch oben, ließ milchig-trübes Licht herein, das von den Neonlampen ausgetilgt wurde, bevor es die Tische erreichte.

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#4 – Marihuana

Sie aß das Brot in großen Bissen. „Auf Boulevard-Zeitungsformat gestutzt könnte ich über meine Ehen sagen: Meinen ersten Mann habe ich geheiratet, weil ich ihn bewundert habe. Geliebt habe ich ihn nicht.“

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#3 – Salz

Sie begann, das Eigelb und die Zwiebel unter das Tatar zu mischen. „Sehen Sie, wenn Sie einen zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck machen würden, dann würde ich nur schnell mein Brot essen, meinen Kaffee trinken, aufstehen und weggehen. Aber, verzeihen Sie meine Offenheit, Sie wirken, als brauchten Sie Hilfe, Hilfe und Schutz.

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#2 – Weinbrand

Eine Frau kam durch die Schwingtür, von der Bahnhofshalle her. Sie war mittelgroß und hatte kurzgeschnittenes, dunkles Haar. Eine große, dunkle Sonnenbrille, zu groß für das Gesicht, einen energischen, sorgfältig ausgemalten Mund, einen sportlich-eleganten sandfarbenen Rock ...

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#1 – Warteraum

Als ich drei Jahre alt war, bekam ich eine Gehirnhautentzündung. Seither bin ich taub. An Klänge erinnere ich mich überhaupt nicht. Geräusch – Stimme – Musik: Das sind nur Worte für mich. Ich habe mich daran gewöhnt. Was sonst?

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Der grausame Garten

#3 Die Frau

Die Frau, die im Haus auf ihrem Bett lag, war erleichtert, als die Schreie verstummten. Zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie gewartet. Immer hatte sie gehofft, er würde zurückkehren. Zunächst, um ihm zu verzeihen, später, um ihn zu vernichten.

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Der grausame Garten

#2 Der Garten

Er ging die Treppe wieder herunter und folgte dem Weg, der zur rückwärtigen Front des Hauses führte. Zwischen die zerbrochenen Steinplatten hatten sich Gras und Unkraut gedrängt. Er musste gebückt gehen, um den tief herabhängenden Ästen auszuweichen. Dennoch schlugen ihm stachelige Zweige ins Gesicht, Dornen ritzten seine Haut.

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