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Weite Reisen

Eine Ankündigung

Foto: shutterstock/Kelly vanDellen

1972 war für mich das erste Jahr als Festangestellter: Endlich fühlte ich mich frei!

Foto: Privatarchiv H. R.

Im Februar ’71 hatte ich in Erlangen bei Siemens die mündliche Prüfung für deren Führungskräfte-Nachwuchs gemacht (grässlich) und die mündliche Kaufmannsgehilfenprüfung bei der Industrie- und Handelskammer (schaffbar). Die schriftlichen Prüfungen hatten, wie schon sechs Jahre zuvor beim Abitur, bereits vor Weihnachten stattgefunden.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich fuhr mit dem Zug von Erlangen nach Salzburg. Dort holten meine Eltern mich ab, um mich in Kitzbühels weichem Schnee für die harte Arbeit im Weltunternehmen zu entschädigen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Klar war, dass ich in Zukunft keine Kraftwerke oder Telefonanlagen würde verkaufen wollen, sondern dass ich bei der Siemens-Halbtochter Deutsche Grammophon Gesellschaft mein Musikstudium gewinnbringend einsetzen würde. Aufgrund guter Führung bekam ich eine Zusatzausbildung: Im Frühjahr wurde ich nach England geschickt – und wie es mir da ergangen ist, können umfassend Interessierte im Blog nachlesen: Weite Reisen – ‚Triple-Edinburgher mit Ketchup‘.

Foto: Privatarchiv H. R.

Im November war ich zurück in Hamburg und trat meine Stelle als Product Manager für Neuveröffentlichungen an. Mit eigener Sekretärin: Juliane.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mein erster Chef bescherte mir einen Vor- und einen Nachteil. Der Nachteil: Er hatte auf dem ganzen Flur so von mir geschwärmt, dass mich schon, bevor ich eintraf, keiner leiden konnte. Der Vorteil: Er war sehr faul, sodass ich in kürzester Zeit seine Aufgaben übernehmen konnte. Nur die Bestellungen für die täglichen Sherry-Lieferungen musste er selbst unterschreiben. Beim Trinken ließ ich mich nicht lumpen, blieb aber kompromisslos der einzige Nichtraucher. Bis auf Ausnahmen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Schon mein Vater hatte aus seiner Lehrzeit erzählt: „Die anderen haben immer über die Geschäftsleitung gemeckert. Ich tat das nicht. Lieber wollte ich selbst bald Vorgesetzter sein.“ Das hat er auch schnell geschafft.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich freundete mich, obwohl es ohnehin nichts zu meckern gab, dementsprechend rasch mit dem zuständigen Marketing-Direktor an. Im März machte ich ihn mit meinen Eltern bekannt, im Mai machten wir Urlaub auf Capri: Pali und ich.

Foto: Privatarchiv H. R.

Da hat mein Vater dann endgültig am achtzehnten Loch die Hoffnung begraben, dass ich die Tochter eines seiner Golf-Partner heiraten würde. Trotzdem kam es nicht zum Zerwürfnis. ‚Kompromiss‘, das konnte mein Vater.

Foto: Privatarchiv H. R.

Im September holten mich meine Eltern am Flughafen in Málaga ab und wir fuhren nach Marbella, wo Golf spielende Freunde meiner Eltern ein Haus hatten, aber Gott sei Dank keine heiratsfähige Tochter.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Stattdessen genoss ich mit meiner Mutter noch ein paar Tage lang das andalusische Nachtleben, als mein Vater schon wieder in Hamburg arbeitete (ein Vorzug, den Mütter von Söhnen wie mir zu schätzen wissen).

Foto: Privatarchiv H. R.

Bis auf einen Ausflug ins Landesinnere nach Ronda hatte es im spanischen Paradies nichts zu tun gegeben.

Foto: Privatarchiv H. R.

Baden und Sonnen sind kurze Beschäftigungen für mich. Notenpapier hatte ich keines dabei, und nicht mal ein Klavier gab es. Komponieren fiel also aus, zum Malen fehlt mir das Talent, also schrieb ich.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich schreibe sehr schnell, das Abtippen zu Hause dauerte dann länger. Aber als ich Pali an kühlem Dezember-Morgen zum Flugplatz brachte, hatte ich etwas für ihn. Dass ich unterwegs anhalten musste, um ihn kotzen zu lassen, konnte damit aber noch nichts zu tun haben. Ich hielt es für Aufregung vor seiner Amerika-Reise; er behauptete, es sei mein Knoblauchgestank gewesen. Für Palis Version spricht, dass mich auch während der Nacht die beiden Polizisten ganz schnell haben weiterschlingern lassen, nachdem sie mich zuvor auf einsamer Straße aufgegriffen hatten. Stimmt schon, ich hatte mich volltrunken völlig verfahren, aber den vielen Wein beim Studentenzeit-Erinnerungsgelage hatte ich mit noch mehr Zaziki wirkungsvoll unterstützt. Welcher Beamte will da schon sein Röhrchen hinhalten? 1972 waren ‚Bullenschweine‘ ganz andere Anfeindungen gewohnt: RAF-mäßig und so.

Foto: Shutterstock/B.Dpunkt

Es gilt ja als viel persönlicher, zu Weihnachten etwas Selbstgemachtes zu verschenken. Bei mir war es eben kein Pfeifenständer aus Backpflaumen, sondern ein literarisches Werk. Pali las es auf dem Flug nach New York und fühlte sich animiert. Meine Mutter las es auch und ärgerte sich, dass ich eine ihrer Freundinnen zum Vorbild genommen hatte. Bei ‚Regen in der Wüste‘ ärgerte sie sich später über die Ähnlichkeit mit einer anderen Freundin noch viel mehr. „Schriftsteller machen das so!“, tröstete Pali meine Mutter: „Die alte Frau Goethe war über Johann Wolfgangs ‚Werther‘ auch nicht begeistert.“

Bild oben: Georg Oscar May (Bildnis von Goethe im Jahr 1779)/Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain | Bild unten: unbekannter Maler (Porträt der Catharina Elisabeth Goethe)/Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Schon im Februar ’71 hatte ich frohlockt: ‚Nie mehr im Leben eine Prüfung (außer natürlich durch das Leben selbst)!‘ 1972 hatte ich Erfolge gehabt, beruflich Europa bereist, internationale Meetings betreut, Vorträge gehalten, sogar vor Siemens-‚Lehrlingen‘ in München, um zu belegen, wie schnell man nach dem Ausbildungsabschluss Karriere machen kann. Anschließend wurde ich am Wittelsbacher Platz ins Gäste-Casino eingeladen. Mehr Freiheit ging nicht!

Mein Schriftstück von 1972 ist sehr viel weniger drastisch, als der ‚Eremit‘ es war. Der November da draußen ist schon düster genug. Aber Motive dessen, was ich eben so scheinbar schwatzhaft vor Ihnen ausgebreitet habe, werden Sie überall im Text wiederfinden. Folgen Sie mir in den Sommer 1972! Am Sonntagmorgen geht es los.

Sendungsbewusst,
Hanno Rinke

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelbild mit Material von Shutterstock/Mindscape studio (Flügel) und aus dem Privatarchiv H. R. (Mann)

Hanno Rinke Rundbrief

29 Kommentare zu “Eine Ankündigung

    1. Nur weil der aus anderen Erzählungen bereits bekannte Lebensgefährte und Freund Pali das Manuskript zu lesen bekommt heisst das doch nicht, dass hier von einem biographischen Text die Rede ist. Außerdem heißt es direkt darauf: „Meine Mutter las es auch und ärgerte sich, dass ich eine ihrer Freundinnen zum Vorbild genommen hatte.“ Eindeutiger kann es doch nicht da stehen.

  1. Eine literarische Verschnaufpause nach dem Eremiten ist ja auch nötig. Hahaha. Das Crescendo kann ja nicht unendlich weiter gehen.

    1. „Weniger drastisch“ muss bei einem Rinketext ja trotzdem nicht viel heißen 😉 Harmlos sind die ja dann doch selten. Ich freue mich jedenfalls auf Sonntag.

      1. Das wird man wohl erst ab Sonntag sehen. Ein Sommertext zu den immer düsteren Wintertagen klingt jedenfalls gut.

  2. Baden und Sonnen halte ich auch nicht lange aus. Um kurz auszuspannen ist das natürlich super, aber mir wird eben auch ziemlich schnell langweilig dabei. Ich kann Sie da also gut verstehen.

    1. Langeweile ist öde. Sonnenbrand ist noch lästiger. Campari im Schatter: bei Vivaldi beobachten, lesen, schreiben, das ist erstrebenswerter. Knusprig wird man dabei allerdings nicht.

      1. Die Grenze zwischen knusprig und vertrocknet ist ja auch recht fließend. Man sollte also gar nicht so sehr mit seinem Glück spielen.

  3. Ich finde das immer interessant wie unterschiedlich Menschen die Ereignisse in ihrem Leben wahrnehmen. „Endlich frei“ würde ja nicht jeder sagen, nachdem er seine erste Festanstellung antritt.

      1. Hahaha, das ist eben das Leben! Wer mit 70 immer noch so brav aussieht wie mit 17, der hat meiner Meinung nach etwas falsch gemacht.

      2. Zumindest hat man dann wohl allerlei Dinge verpasst. Ob einen das stört muss man dann trotzdem noch selbst entscheiden.

      3. Wer es schafft sein Leben voll auszuleben und trotzdem später jugendlich auszusehen, der hat wohl den Jackpot gezogen. 17 mit 70 ist zugegebenermaßen vielleicht etwas übertrieben.

      4. Unrealistisch aber reizvoll. Wer mit 17 hingegen schon den Eindruck macht als wäre er oder sie 70 sollte sich Gedanken machen.

      5. Besser sein Leben stramm gelebt zu haben und danach alt auszusehen, als seine einschneidendsten Erfahrungen mit dem Skalpell des Schönheitschirurgen zu machen.

      6. Das finde ich auch. Ein Leben ist doch schließlich dazu da gelebt zu werden.

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