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Achtung vor Achttausendern!

Kornelia Speck sah noch einmal herab auf die stille, raue Landschaft zu ihren Füßen, bevor sie den gewundenen Pfad weiter emporklomm. Lange Zeit würde sie das enge Tal dort unten, den geduckten, runzligen Ort, der ihr trotz seiner Kargheit fast zu einer zweiten Heimat geworden war, nicht wiedersehen – ‚vielleicht nie mehr!’, durchfuhr es sie wie die Eisenbahn den Tunnel. Das war furcht- und Ehrfurcht einflößend zugleich.

Foto: alinasharoiko/Shutterstock

Mit einem jähen Ruck, der nicht ohne Mutwillen war, riss sie sich los von dem Anblick und stieg aufwärts, höher und höher. „Diese Schneehänge um mich her, sie sind mein Brautkleid“, kam es Kornelia in den Sinn. Der Gedanke zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht, so dass die Frostcreme auf ihren Lippen kleine Fältchen warf. Ein schmales Rinnsal sickerte unter ihrer Schneebrille hervor. Abschiedstränen? Freudentränen? Wer vermag schon in ein Mädchenherz zu blicken, wenn der Körper ganz von einem Skianzug eingehüllt ist? Nur Gott selbst, dem sie immer näher stieg.

Foto: Daniel Prudek/fotolia

Dennoch war es ein schwerer Gang: mindestens drei Kilo pro Schuh, und dann noch die dicken Wollsocken. Heiraten, das war immer etwas gewesen, das für sie in weiter Ferne gelegen hatte. Trotzdem wollte sie vorbereitet sein auf diesen Schritt, den eines Tages zu gehen sie sich zugetraut hatte, seit sie ihre ersten Pellkartoffeln in der Küche ihrer Mutter geschält hatte. Ihre Mutter schnitt unterdessen Schnittlauch für den Quark. Sie hatten lange miteinander erörtert, ob sie die Mahlzeit mit Butter oder mit Leinöl auf den Tisch bringen sollten. Leinöl war ohne Frage billiger, gesünder und wohl auch nachhaltiger, aber für die Butter sprach, dass sie sich zärtlicher an den Gaumen schmiegte. Kornelia hatte zu diesem Zeitpunkt schon mit unzähligen Männern geschlafen, aber erst nach diesem schlichten und doch tiefen Gespräch mit ihrer Mutter traute sie sich die Aufgabe ihres vielfältigen Sexuallebens zu, um die vielfältigen Aufgaben einer Hausfrau zu übernehmen. Von da an wurde es ihr immer ernster mit der Familiengründung, und sie ertappte sich bisweilen sogar dabei, wie sie mit dem Gedanken spielte, die Pille abzusetzen.

Foto links: Oliver Sved/fotolia | Foto rechts: Jankovoy/fotolia

Ihre fortschreitende Erwartungshaltung machte ihre Wahl immer schwieriger und ihre rasch wechselnden Partner immer missmutiger. Gleichzeitig wuchs ihre Vollkommenheit in allen Dingen der Haushaltsführung, ja manchmal fragte sie sich schon, ob diese Perfektion, mit der sie Gurken einweckte und Wurstbrote dekorierte, nicht bereits zu einem Wert an sich geworden war. „Kind, du verlangst zu viel von dir – und von den Männern!“, seufzte ihre Mutter bisweilen. „Mammi, das verstehst du nicht“, pflegte Kornelia in solchen Fällen auftrumpfend zu antworten, „ich will alles – oder nichts.“ Das hatte sie aus einem Schlagerlied. Die Mutter schüttelte dann die Flasche mit dem zäh gewordenen Leinöl und den Kopf und sagte besorgt: „Tochter, Tochter, du willst zu hoch hinaus.“

Foto: Sea Wave/Shutterstock

Kornelia schaute nur noch nach vorn auf die grandiosen Himalaya-Gipfel, während sie sicheren Fußes aufwärtsstrebte – ihrem Bräutigam, dem Schneemenschen näher mit jedem Schritt. Sie hatte ihn auf einem recht ausgedehnten Spaziergang kennengelernt. Er war ihr so scheu näher gekommen, man hatte kaum noch von Vergewaltigung sprechen können. Es war Liebe auf den ersten Fick gewesen. Danach hatten sie zu heiraten beschlossen. Sie hatte gefragt: „Willst du?“, und er hatte sie nur stumm in die Beine genommen.

Foto: Galyna Andrushko/Shutterstock

Die Erinnerung beflügelte sie, und sie schritt kräftiger aus. Das Leinöl in ihrem Rücksack begann zu frieren, Kornelia nicht. Vor ihren Augen stand sein Bild im gleißend hellen Sonnenlicht hoch über den Wolken: Er sah ein wenig aus wie ein Orang Utan, bloß nicht so menschlich. Und sein Knüppel – olalala! Kornelia lachte sich ins Fausthandschühchen. So was Strammes würden sich ihre Freundinnen aus dem Erlebnis-Kochkurs „Tibet geht durch den Magen“ nicht reinziehen können, jedenfalls nicht die Pegida-Anhängerinnen, denen fehlte es an Unternehmungsgeist.

Foto links: picturepartners/Shutterstock | Foto rechts: Odua Images/Shutterstock

Kornelia begann vor Erregung zu beben, während sie sich aufwärtswand. Oder war es doch die Kälte, die sie zittern ließ? Nein, es war die Hitze in ihr. Nur mit großer Willenskraft widerstand sie der Versuchung, einen Schneemann zu bauen, um sich abzureagieren. Lieber wollte sie weiter nach ihrem Bräutigam gieren, eine wahre Gipfelstürmerin.

Foto: Volodymyr Tverdokhlib/Shutterstock

So kletterte sie empor, höher und höher: das Herz voller Zuversicht und den Rucksack voller Kartoffeln. Außer Ueli Steck hat sie nie wieder ein Mensch gesehen, vor allem nicht ihre Freundinnen aus dem Kursus, die alle bürgerlich heirateten und tibetanisch kochten.

Foto: My Good Images/Shutterstock | Titelillustration mit Material von fotolia: Daniel Prudek, Jankovoy, mRGB, Oliver Sved

1 Kommentar zu “Achtung vor Achttausendern!

  1. Nun habe ich auch ergoogelt, wer Ueli Steck ist; ich hatte ja irgendie auf Gott gewartet, nicht auf einen Ueli Steck! Also ein Blogbeitrag, der mal wieder zu meiner Bildung beigetragen hat!

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