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In die Ecke gestellt

Assoziationen zu Perversionen

Die Perversion ist eine Version, der unterstellt wird, sie sei „per“; ob per se oder persönlich oder Persil, das bleibt ganz bestimmt nicht Persil, sondern dahingestellt: scheinbar in die hinterste Ecke, so wie früher ein unartiger Schüler, schön mit dem Gesicht zur Wand.

Foto: atomfotolia/Fotolia

Den pädagogischen Nutzen fand ich damals schon zweifelhaft. Ich war sehr stolz, wenn es mir gelang, die Hilflosigkeit eines Lehrers so offenkundig zu machen, dass er es für angenehmer hielt, mir nicht mehr ins Gesicht sehen zu müssen, sondern meine Aktivitäten, die im Allgemeinen mit dem Lehrstoff wenig zu tun hatten, unterbinden zu können, indem er mich bloßstellte: in die Ecke. Natürlich sahen sich alle verstohlen nach mir um, glaubte ich, und eine derartig bewundernde Aufmerksamkeit wurde mir am Schleuderball nie zuteil.

Foto: ulamarin/Fotolia

Statt dem Unterricht demütig zu folgen, ihn lieber gezielt durch Kaspereien aufzumischen – das könnte man als eine „Version“ des Schülerseins verstehen, die Anspruch auf die Vorsilbe „per“ hat, obwohl ich zugebe, dass mein Verhalten eher eine Sub-Version war, die durch eine A-Version gegen den Lehrer ausgelöst worden war. Der rächte sich dann – Version B – genüsslich bei den damals üblichen „Kopfnoten“ für Betragen im Zeugnis: eine Beziehung zwischen zwei Sadisten, von denen der jüngere fantasievoller, der ältere mächtiger war. „Per“ bedeutet ja eher „für“, und ich war eindeutig „gegen“. Gegen heruntergeleierte Vermittlung des Lehrstoffs wie gegen die Geisteshaltung des Lehrkörpers.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

In der Oberstufe wurde man dann nicht mehr in die Ecke gestellt, das wäre unangemessen gewesen zu einer Zeit, in der die angestrebte Reife der Gymnasiasten dadurch unterstrichen wurde, dass die Pauker, die einen noch vor einem Monat wie einen Pennäler behandelt hatten, von Amts wegen plötzlich „Sie“ zu einem sagen mussten. Außerdem bestand auch kein Anlass mehr dazu, allzu aufmüpfig zu sein: Die Lehrer der höheren Klassen waren jünger und fähiger. Erst nach dem Abitur habe ich das System durchschaut: Die Altnazis wurden prinzipiell auf die Kleinen losgelassen; die älteren Schüler, die sich bereits wehren konnten, bekamen flexiblere und modernere Lehrer. Ich fand das zwar gemein, irgendwie sogar pervers, aber an Stelle von Direktor Bartels hätte ich es genauso gemacht, wenn es mir vom Oberschulrat nicht gestattet gewesen wäre, die prügelnden, vom Scheitern des Dritten Reiches verbitterten Studienräte in die Verbannung der Frühpensionierung schicken zu dürfen.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten links: leremy/Fotolia | Foto unten rechts: Privatarchiv H. R.

Einer dieser Altlehrer schubste mich mal mit Fußtritten zum Direktor, weil ich eine Mandarinenschale in die Sträucher geworfen hatte, was zwar dazu führte, dass meine Mutter tags darauf dem Direktor ordentlich Zunder gab, für den rabiaten Lehrer (Herr Bode/Deutsch und Geografie) aber keinerlei Folgen hatte. Was an diesem Vorgang ist pervers? Na ja, vielleicht gar nichts.

Foto oben: Neobrain/Fotolia | Fotos (2) unten: Privatarchiv H. R.

Zur Perversion gehört untrennbar das süffige Bewusstsein, dass das, was man tut, pervers ist: eine Behauptung, die einiges für und manches gegen sich hat. War Auschwitz pervers, wenn es von Überzeugungstätern geleitet wurde? Ist es pervers, mit einer Frau zu schlafen, wenn man im Grunde genommen schwul ist? Sex mit Kindern wird allgemein als pervers angesehen, auch von mir, weil ich dafür kein Verständnis habe.

Foto: ambrozinio/Fotolia

Menschen Perversion nachzusagen, war früher ein beliebtes Mittel, um sie verächtlich zu machen; sie anschließend sogar abschlachten zu können, war natürlich noch befriedigender; klappte nicht immer, aber manchmal schon: Kaiser Caligula hat seinen Hengst üblicherweise zum Abendessen geladen und ihn später zum Konsul gemacht (ermordet von seiner Garde). Kaiserin Katharina der Großen reichte es aus, klein, wie sie war, unter ihrem Hengst zeitweilg zu liegen und ihn in sich zu spüren (sie starb allerdings nach einem Schlaganfall im Bett). Königin Marie Antoinette teilte sexuelle Freuden mit ihrem Zweitgeborenen Louis Charles (wurde er unter Folter gezwungen zu behaupten; der rachitische Erstgeborene war schon tot). Ihr Kopf kam unters Fallbeil. – Und so immer weiter. All diese abstrusen Unterstellungen! Fake trägt oft perverse Züge.

Bild: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Doch was früher zur Hinrichtung reichte, langt heute allenfalls zum Zeilenfüller eines Boulevardblattes, falls der (Un)täter keinen geläufigen Namen hat; ist er bekannt, werden die Buchstaben größer. Aber, na was schon? Wir möchten ja seit Ende der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts alle gern tolerant sein. Jetzt, da wir dieses Ziel erreicht zu haben meinen, möchten wir alle gern toll sein. In der Casting-Show des Lebens mag man nicht auf den hinteren Plätzen landen. Pervers? Man muss all die Blondinen, die 2017 gern Promi-Anhängsel geworden wären, genauso einfühlsam verstehen wie die Blonden, die 1936 gern Pimpf in der HJ gewesen wären. Nicht jede Verblendung ist pervers. Eher die Verblender. Diktatoren, Mitläufer, Selbstmordattentäter, aufrechte Demokraten. Werte (!), es geht um Werte, und der Status, eine Bild-Schlagzeile zu landen, ist schon eine ganze Menge wert.

Aber auch der Körper kann viel Wertvolles beitragen. So wie man ihn einst kunstvoll verhüllte, so stellt man ihn heute gierig zur Schau. Auf uns wirkt die Mode des 18. Jahrhunderts ziemlich pervertiert, dasselbe hätten die ‚Rokokoler‘ auch von unseren Gepflogenheiten gedacht.

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Wieder einmal neuester Trend ist es, ganz am Ursprünglichen zu hängen. Kein Konsum. Jedenfalls nichts Unnötiges. Der Dekadenz-Verdacht beginnt fast schon jenseits des Lendenschurzes. Und wer statt der Keule die Satire nutzt, um sein Wild zu erlegen, der ist für die geistige Steinzeit wohl verloren und zu allen Perversionen fähig, die der schlüpfrige Gedanke dem anpassungsfähigen Körper verordnet. Bei Gefährdeten fängt das früh an. Deshalb sind die aufmerksamen Beobachter der herrschenden Verhältnisse aktionswillig bereit, die Pervertierung dessen, was sie unter „Kindheit“ und „Jugend“ verstehen, energisch zu bekämpfen.

Schwer ist das! 1950 wurden Filme als pervers angesehen und erst ab 18 Jahren freigegeben, die heute im öffentlich-rechtlichen Nachmittagsprogramm laufen. 1850 wurden die Kinder aufs Feld geschickt statt in die Schule. 1750 sahen die Kinder der Adligen ihre Eltern nur dann, wenn die gerade mal nichts Besseres zu tun hatten. Ammen und Gouvernanten besorgten den Rest. Pervers ist das wohl nicht, aber nett ist es auch nicht.

Bild (‚Die Amme‘ von Heinrich Zille): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Für eigene Zwecke missbrauchte Kinder: in der Textilindustrie, in der Badewanne, nein, das geht gar nicht. Kinderehen genauso wenig. Kinder zu schlagen, ist bei uns verbotener, als es leider vorkommt.

Foto links und rechts: doidam10/Fotolia

Computerspiele, Clubbesuche verbieten, geht das? Tja, auf der Konsole wird videogemordet, auf der Party real gekifft oder gar der Reißverschluss geöffnet. Ausufernd! Schamlos, strafwürdig. Vergnügungen, zu denen man selber nicht die geringste Lust hat, kann man rasch als „pervers“ bezeichnen, und da gelten in Manhattan andere Maßstäbe als in Marokko. Hat man selbst aber auch Lust auf sowas, dann ist das Verbot erst recht unumgänglich, oder? Nein, zum Teufel, heute sind wir hier im Westen (fast) alle doch unglaublich tolerant!

Foto: Alexander Image/Fotolia

Findet ein Scheißefresser einen anderen Scheißefresser pervers oder nicht mal sich selber? Igittigitt. Kein Verständnis zu haben: extrem uncool. Political Correctness und Liberalität haben eine Melange gebildet, in der Worte wie ‚Zigeuner‘ oder ‚Neger‘ Entrüstung auslösen, dagegen immer noch ‚Polizist‘ und ‚Gefängnis‘ statt nun endlich mal ‚Bulle‘ und ‚Knast‘ zu sagen, das gilt vielen aufgeschlossenen Menschen inzwischen als reaktionär. Fast ist es eine Gesinnungsfrage: Im ‚Knast‘ gewesen zu sein, hat etwas geradezu Schickes; Schwulenkneipen für eine heftigere Kundschaft nennen sich gern ‚Knast‘. ‚Bulle‘ zu sagen, ist normal, ‚Neger‘ zu sagen, zeugt nicht mehr von imperialistischem Anspruch, sondern von feindseliger Missachtung. Man wird in die rechte oder in die linke Ecke gestellt, und da steht man dann: als Nazisau oder als Kommunistenschwein. Der digitale Stall reicht für alle; denn das Spiel mit (oft auch viehischen) Worten ist ein Volkssport geworden, mitangeheizt durch die sloganverliebte Werbung, die alles in den Griff bekommt, was Zeitgeist ist oder schafft. Aber das bedeutet nicht überall Verharmlosung. Nach wie vor können Wutworte vernichten: Rufmord oder Todesstrafe, das variiert von Kontinent zu Kontinent. Ist das pervers? Oder was ist es sonst?

Ist die Ausübung der Perversion eigentlich ein Genuss, eine befreiende Wohltat oder ein Zwang, dessen man sich schämt: Besser fühlte es sich vielleicht an, in der Ecke zu stehen und vor der gnädigen Wand seinen per-versen Träumen in Gedanken nachzugeben, als sie zum Entsetzen der kontro-vers empfindenden Rechtschaffenen auszuleben. Und doch! Einmal Millionär sein! Alles auf eine Karte setzen! Das Geld seiner Anleger verzocken! Einundsiebzig Jungfrauen zur Belohnung für Märtyrertum durchbumsen! Lebenslustig, todeslüstern am Abgrund taumeln. Pervers?

Foto: sakkmesterke/Fotolia

Inzwischen gilt in den westlichen Zivilisationen bis auf Kannibalismus alles, was Menschen freiwillig, also ohne Zwang, miteinander tun, wenn sie (jeder für sich) volljährig sind, als hinnehmbar. Ich erinnere mich, dass wir als Fünfjährige ständig Spiele betrieben, die unsere Geschlechtsteile zum Mittelpunkt hatten, und ich erinnere mich auch daran, dass meine stets aufmerksame Mutter mir deutlich zu verstehen gab, dass sie diese Spiele nicht leiden konnte und mich zum Verzicht aufforderte, was ich dann auch zwanzig Jahre lang beherzigte.

Fotos (3): Privatachiv H. R.

Die heutige, ziemlich klassenlose Gesellschaft behauptet neugierig, das alles gar nicht so genau wissen zu wollen, solange niemand zu Schaden kommt, wobei der durch recht heftiges Strangulieren entstandene Kollateralschaden eines lustvoll verschiedenen Masochisten schon in zu vielen „Tatort“en verbraten worden ist, um noch jemanden zu fesseln. (Dabei war die bedauernswerte Leiche vom wirklichen Mörder manipuliert.) Kennt man als Vielgucker längst.

Rosa von Praunheim hat Anfang der Siebzigerjahre einen Film durchgesetzt; dessen gezielt-geziert-programmatischer Titel lautete „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Es gab Menschen, die diesen Film bahnbrechend fanden, 95 Prozent der Anrufer nach der Ausstrahlung im WDR fanden ihn bloß zum Brechen, sie wollten die Homosexuellen aber nicht vergasen, sondern nur nichts mit ihnen zu tun haben. Das ist akzeptabel. Ich will auch mit 95 Prozent der Menschen nichts zu tun haben. Krass, aber nicht von der Hand zu weisen, der Satz: (Die Homosexuellen) „sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden.“

Die radikalsten Achtundsechziger, die es für fortschrittlich erachteten, reihum zu vögeln, Klotüren auszuhängen und – jedenfalls die Konsequentesten – ihre Kinder um der sexuellen Freiheit willen in ihre Aktivitäten mit einzubeziehen, sie waren der Homosexualität gegenüber auf etwas prüde Art schweigsam. Da ja alles erlaubt sein sollte, konnte man sie nicht verdammen, da beschwieg man sie einfach und wütete lieber gegen das Kapital.

Kapitalismus war pervers, das war klar. Denn der Kapitalismus unterjochte die Vielen zugunsten einiger Weniger, und so war das nicht gedacht gewesen, (selbst wenn es im real existierenden Sozialismus im Grunde für eine noch kleinere Elite genauso war). Fragt sich nur, von wem das so nicht gedacht war, da es den lieben Gott nicht mehr gab und die Frühmenschen auch nicht zimperlich miteinander umgegangen waren. Die Erfindung und Verwirklichung der Humanität ist eine Perversion nicht nur des Raubtier-, sondern fast jeden Durchsetzungstriebes, der bei allen Lebewesen auf Arterhaltung aus ist, weil natürlicherweise das Hiersein nur aus Fressen und Zeugen (mit der Hoffnung auf anschließendes Gebären der Gezeugten) bestehen soll. Vielleicht ist die Liebe eine Perversion der Sexualität.

Übrig geblieben vom naturgegebenen Urzustand ist, dass die Abrahams-Religionen Sex tatsächlich nur zur Fortpflanzung gutheißen, aber auch erst dann, wenn das heilige Sakrament der Ehe die Vereinigung sanktioniert hat. Danach gibt es dann kein Halten mehr. Da können auch völlig Mittellose zehn Kinder in die Welt setzen, ohne dass das eine Sünde wäre. Wenn aber ein Vater sein einziges Kind liebevoll umsorgt, ansonsten jedoch mit der benutzten Unterwäsche seiner nichtsahnenden Untermieterin erotischen Umgang pflegt, gilt dies zweifellos als pervers, und es spielt dabei wohl keine entscheidende Rolle, ob der Fetischist sich selbst als pervers empfindet oder eigentlich nicht.

Foto oben: nadezhda1906/Fotolia | Foto unten: Tanja Esser/Fotolia

Fremden Leuten ungefragt sein Geschlechtsteil zu zeigen, wird auch als nicht einwandfrei eingestuft, besonders dann nicht, wenn man sein unfreiwilliges Publikum dabei beharnt, was allerdings in den Annalen der Psychiatrie keine wesentliche Rolle spielt. Und wenn es dem angepissten Publikum Spaß macht? Wer ist dann der Übeltäter? Die katholische Kirche findet nun mal alles unzüchtig, also pervers, was nicht der Zeugung dient; da gibt es zwischen Lippen, Achselhöhlen und Zehen eine ganze Menge zu beachten und zu belecken. Lässt sich ja, Gott sei Dank, alles beichten: fünf ‚Vaterunser‘ und: Schwamm drüber. Außerhalb der Kirche – in Parks, Clubs und Kellergewölben – ist die Definition nicht so einfach. Je weniger Tabus, desto weniger Spaß, gilt für die Perversion. Tu das Verbotene rechtzeitig, bevor es erlaubt wird, mahnte Genet.

Mancher Hirte will es seinem Lieblingsschaf nicht unter dem Beifall der Lüneburger-Heide-Touristen besorgen, sondern verborgen, verboten im Stall. Der Paragraf 175 war lange Zeit für viele Schwuchteln eine ernsthafte Bedrohung. Jetzt nennen sie sich selber ‚Schwuchteln‘, und die Heten klatschen freundlich, wenn die Gay-Pride-Parade vorüberjuchzt. Erreichte Ziele haben den Nachteil, dass man nicht mehr für sie kämpfen kann. Sind sie dann ganz ungezwungen pervers? Nein, erledigt.

Foto: ink drop/Fotolia

Für eine so alte Person wie mich ist es verblüffend, von meinem Nebenmann im Auto auf dem Display gezeigt zu bekommen, dass sich mittels Smartphone alle Willigen aus bis zu zwanzig Kilometern Entfernung zum baldigen Treffen anbieten: Gesicht, Geschlechtsteil, Gesäß – alles ausgestellt, zusätzlich Mitteilungen, was gern geschluckt oder eingeführt wird. Kann alles in Kürze in jeder Länge geschehen.

Foto: bobex73/Fotolia | Foto: Drobot Dean/Fotolia

Ich schwanke unentschieden zwischen Neid und dem Gefühl, Glück gehabt zu haben, dass ich noch Entdeckungsreisen auf mich nehmen musste, damals. Jede Abfuhr tat weh. Macht jede Gewissheit glücklich? Wäre ich süchtig geworden oder angeekelt? Dumme Frage. Ist mir ja auch so beides nicht erspart geblieben. Ich will nochmal Mitte dreißig sein und wollen, dass ich will. Wie wäre ich dann? Was will ich denn wollen – den Hengst als Konsul, die Jungfrau als Lohn? Ein verlottertes Stück Dreck sein, ein zynischer Ästhet? Ich finde es legitim, sich solche Gedanken zu machen. Das Neue entsteht nicht aus der Vernunft, sondern aus dem Quatsch. Quatsch! Aber auch ein bisschen wahr.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Früher gab es noch pornografische Literatur. Jetzt bekommt man alles buchstabenlos in die Augen gedrückt. Die Geilheit kommt schneller, verfliegt auch rascher. Ein Magazinbild, das mich 1970 monatelang beschäftigt hätte, klicke ich heute nach kurzer Beachtung weg vom Bildschirm und ergötze mich schon an der nächsten Herrlichkeit.

Foto: sakkmesterke/Fotolia

Gerade komme ich von einer Tour durch hochrangige Hotels zurück. Alle mit großem Flachbildschirm ausgestattet und mit Fernsehprogrammen, bei denen einige so einiges versprechen: Vom flotten Teen bis zur wilden Oma machen alle alles mit. Kein einziges dieser Hotels hatte eine Lampe am Bett oder am Tisch, unter der man blickfreundlich Buchstaben hätte lesen können. Macht eben keiner mehr. Popsongs, Politiker, Pornos, Perversionen: Alles muss ins Auge stechen. Alles wird abfotografiert: schiefe Türme, volle Teller, feiste Titten. Nicht das Verstehen, sondern das Objekt bestimmt das Bewusstsein: Kurz anvisieren, routiniert touchscreenen, sofort verschicken. Erledigt. Ist das nicht ganz, ganz pervers? Nein, das ist normal.

Fotos unten (2): pathdoc/Fotolia

Ich setze mich in die Straßenbahn und fahre irgendwohin. Früher ging das. Erst sehe ich auf die Leute, dann wie alle anderen lieber auf das Display meines Lebensplaners. Was ich eingebe, das kommt dabei heraus.

Bei Wikipedia kann man lernen, dass alle Versuche, die Perversion somatisch oder psychologisch zu erklären, unbefriedigend blieben. Sex ohne Höhepunkt kann dagegen außerordentlich befriedigend sein, weil er das lästige Ende vermeidet. Die Wissenschaft löst sich immer mehr vom Wort „Perversion“, das so unmoralisch und krankhaft klingt. Das Ersatz-Wort „Deviation“ liest sich auf Lateinisch nicht besonders abwegig, sondern so, als könne man mit prallem Schwanz ruhig auf die Damen-Toilette gehen, wenn man sich als Frau fühlt.

Foto links: cegli/Fotolia | Foto rechts: evannovostro

Bin ich vielleicht deviativ, also ein Seelenverwandter der Traviata, und wenn ja, wann wird dieser Begriff mit der Zeit auch so negativ besetzt sein, dass man sich wieder ein neues Wort ausdenken muss? Von der Putzfrau über die Raumpflegerin zur Direktorin für Hauskosmetik. Ich habe es, seit ich zu mir stehe und nicht gern in der Ecke, immer schon in verkicherten Gesprächen abgelehnt, das gemeinste Dreckschwein der Welt zu sein, weil ich das allergemeinste Dreckschwein sein wollte. „Deutschland sucht die Supersau“ ist ein Format, das mir gleich nach meinem Austritt aus der Kirche einfiel. Überhaupt liegt mir die Perversion ganz besonders im Verbalen, und da suche ich emsig nach Steigerungen. Ist die Sehnsucht nach dem Superlativ pervers? Ist es pervers, dem Abnutzungseffekt durch immer wüstere Maßnahmen entgegenzuwirken? Ist es pervers, einem geliebten Menschen Wünsche zu erfüllen, die man selbst für pervers hält? Ist Machtversessenheit pervers?

Foto oben links: Victor Moussa | Fotos oben rechts/unten links: Dario Lo Presti/Fotolia | Foto unten rechts: serikbaib/Fotolia

Wenn es kein Schicksal gäbe: Jeder bekäme genau die Ware geliefert, die er bestellt hätte, ohne Rückgaberecht – ein schwindelerregender, schwindelfreier Augenblick, die Erfüllung aller unerfüllbaren Wünsche in einer bissigen Sekunde, der Grund, die Begründung, um gewesen zu sein, gefühlt, gedacht, geweint, gelacht zu haben … und dann sterben. – Ein braves, eintöniges Leben, siebenundachtzig Jahre lang … und dann sterben. Zwei Versionen. Eine von beiden muss die Perversion sein. Oder der Schwindel. Es wird keins von beidem sein, sondern irgendetwas in der Mitte, kläglich, erträglich. Nächstenliebe als Ausweg? Als Bemühung oder als Bedürfnis.

Foto: nando viciano/Shutterstock

Aus der Ecke treten, in die man gestellt wurde, und sagen: Entschuldigung, es tut mir leid, verzeih mir, es soll nicht wieder vorkommen, du mieses Stück Scheiße. Wir sind einander wert. Wir haben einander verdient. Wir gönnen einander unseren eigentümlichen Orgasmus, weil deiner meiner ist und meiner deiner. Die Aufklärung und der Glaube haben uns fest im Griff. Wir haben zu essen und zu trinken. Es geht uns gut. Was wir wollen, bekommen wir; denn im Umkreis von zwanzig Kilometern bietet sich im Netz, das uns alle gefangen hält, schon der nächste Freier an, für die nächste Ewigkeit. Kinky, körpery; komisch: Zahm gewordene Tiere, die mit Perversionen spielen wie mit Puppen.

Foto oben: Syda Productions/Fotolia | Foto unten links: Alexander Image | Foto unten rechts: ra2 studio/Fotolia

Alle Möglichkeiten, die der eigene Wunsch dem eigenen Körper zutraut, ihm diesen Wunsch auch abzuverlangen – sich ausleben, sich auskosten, sich austoben –, statt sich – auf Wunsch der Natur – zu vermehren oder – auf Wunsch Gottes – Gutes zu tun, sich oder andere auszubeuten bis in den Untergang: Das ist wohl pervers. Fleischsüchtig, rauschsüchtig, wahnsüchtig, wiederholungssüchtig nach dem Neuen. Vereisen – Verglühen – Verschwinden. Ist das die Zukunft? Oder ist es der Sinn des Daseins …?

Die allabendlichen Veranstaltungen der ländlichen Umgebung an meinem Zweitwohnsitz bestehen aus vier Teilen: „Trinken, Fressen, Tanzen, Ficken“, lasse ich mir von denen, die dabei sind, berichten. Das Essen kann auch mal wegfallen, ab und zu wird etwas „gequatscht“.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

So ist das. Überall im zivilisierten Westen. Wenn auch nicht für alle. Ob das nun lustig, traurig, trivial oder pervers ist? Ich weiß es nicht, und vielleicht geht es mich ja auch genauso wenig an, wie die Vorlieben meines Gegenübers in der Straßenbahn, es sei denn, es sind meine eigenen: Was du gern willst, das man dir tu, das füg auch jedem andern zu.

Foto: vchal/Shutterstock

12 Kommentare zu “In die Ecke gestellt

  1. Wenn man tatsächlich krankhafte Neigungen (wie Pädophilie, Nekrophilie etc.) mal aussen vor lässt, ist „pervers“ doch wirklich reine Ansichtssache. Was der eine geil findet, ist für den anderen widerlich. Was für den einen völlig normal ist, bringt den nächsten an seine Grenzen. Jedem das Seine. Ob Alt-Achtundsechziger, Hipster oder Langeweiler. Jeder muss halt seine eigenen Entscheidungen treffen und dafür Verantwortung übernehmen. Wenn man dann aus Versehen zum Vorbild für den nächsten Tatort wird… Pech (oder Glück) gehabt.

    1. Grundsätzlich unterstütze ich ‚Jedem das Seine‘ auch. Ein paar Regeln muss es aber trotzdem geben. Sonst ist man irgendwann an der Grenze, wo auch oben genannte Neigungen in Kauf genommen werden, solange man nichts davon mitbekommt. Wahrscheinlich sind gegenseitiges Einverständnis und das Vermeiden anderen Schaden zuzufügen die besten Mittel.

  2. An ihrer Kritik ist wirklich etwas dran. Heute ist alles viel leichter zugänglich, dadurch aber auch ein bischen langweilig geworden. Wer heutzutage noch einen Kick haben will, muss nach immer höheren, weiteren, wilderen, perverseren Reizen suchen. Bei der Auswahl an Sexpartnern auf Grindr, Scruff und ich weiss nicht wo stumpft man irgendwann soweit ab, dass ein einfaches Date nicht mehr reicht. Die neue Welt. Ohne Frage spannend aber in vielem auch beunruhigend.

    1. Ich frage mich immer, wann alles so leicht erhältlich ist, dass es reizlos wird. Antwort: Nie! Teufel sei Dank. Die Phanasie einerseits und drakonische (neue?) Gesetze andererseits werden wohl immer dafür sorgen, dass das Thema uns auf halbem Weg zwischen Puff und Kloster erhalten bleibt. Und was das Essen angeht: zwischen Lafayette und Penny.

    2. Reize gibt es immer. Nur die Grenze zwischen langweilig und aufregend verschiebt sich stetig. Gottseidank sind der Phantasie und dem Aufspüren von neuen Möglichkeiten zur Befriedigung der eigenen Gelüste aber keine Grenzen gesetzt.

  3. Schon seit Sodom und Gomorrha wurde versucht die Perversionen der Menschheit irgendwie zu unterdrücken. Geklappt hat’s bis heute nicht. Keine Sorge, wird auch in Zukunft nichts werden.

  4. Warum wird Perversion eigentlich immer auf’s Sexuelle reduziert? Was rund um’s Katalonien-Referendum passiert ist, ist pervers. Der Umgang mit Waffen in den USA ist pervers. Trump ist pervers. Martin Shkreli’s Pharma-Schweinereien sind pervers. Hohn gegenüber Flüchtlingen ist pervers…

    1. …und die Liste lässt sich endlos weiterführen. Die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche steht darauf auch ziemlich weit oben.

    1. Damit „facebook “ nicht ausflippt. Wenn Sie mir eine geeignete Adresse mailen, kann ich den Beitrag durchaus visuell aufhübschen. Allerdings enthält ein Kochbuch Rezepte, nicht Gerichte.

    2. Um Eddie Koke’s Anmerkung gleich mit einzubeziehen… Auch Facebook wird es auf Dauer nicht schaffen den menschlichen Perversionen einen Riegel vorzuschieben.

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