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0407

Matinee

Gestern habe ich nach langer Zeit Martha Argerich wieder erlebt. Sie spielte hier in Hamburg auf einem Festival, das ihren Namen trägt, zusammen ‚mit Freunden‘: den ‚Karneval der Tiere‘ und Beethovens ‚Tripelkonzert‘. 11:00 Uhr vormittags – schwer für mich, und für sie erst! Eine Zeitlang war das mal mein Lieblingskonzert gewesen. Wie fast alles. In der Musik war ich weniger treu als im Leben. Das Cello muss im ersten Satz das Hauptthema nach der Exposition in ungünstiger Lage anstimmen und fiept meistens. Darüber hörte ich weg. Der zweite Satz ist so kurz, dass er auf meiner Beerdigung gespielt werden kann, ohne dass jemand einschläft. (Näheres ist in meinem Blog im Abschnitt ‚Fast am Ziel‘ unter #69 ‚Gerechtigkeit für alle‘ nachzulesen.) Das Schlussrondo gefiel meiner Mutter so gut, vielleicht wegen des ‚Alla Polacca‘.

Ich hatte mich sehr um eine Aufnahme des ‚Tripelkonzerts‘ mit Martha Argerich, Gidon Kremer und Mischa Maisky unter Bernsteins Leitung bemüht, aber ich war gescheitert, und so ist das ‚Tripelkonzert‘ Beethovens einziges wichtige Werk mit Orchester geblieben, das in Bernsteins von mir produziertem Beethoven-Zyklus fehlt. Gestern hörte ich sie also zum ersten Mal mit dem Stück, das für Pianisten nicht besonders schwer zu spielen ist, weil Beethoven das Konzert seinem Schüler Erzherzog Rudolf von Österreich-Ungarn gewidmet hatte, und der war eher ein Dilettant.

Bild links: Everett Historical/Shutterstock | Bild rechts: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Bernstein selbst wunderte sich, wie lange es dauerte, die Solisten zusammenzubekommen, und er dachte, es läge an Martha Argerich, die den Ruf hatte, ‚schwierig‘ zu sein. Kennengelernt hatten Bernstein und Argerich einander 1977 bei der Aufnahme von Stravinskys ‚Les Noces‘ in London. Da hatte Martha Argerich einen der vier Klavierparts übernommen. Es war auch für mich das erste Mal ihr zu begegnen. Sie war ganz bestimmt für andere Menschen nicht schwieriger als für sich selbst. Eine so außergewöhnliche Frau führt natürlich auch ein außergewöhnliches Leben, aber dass das ‚Tripelkonzert‘ nicht zustande kam, lag sowieso nicht an ihr. Es lag an Gidon Kremer.

Es schien zunächst eine sehr ausgefallene Idee zu sein, Argerich und Kremer zusammenzubringen. Sie galt als hochemotional, er als beherrscht und intellektuell. Aber wir arrangierten, zunächst unverbindlich, ein Kennenlernen im Anschluss an eines ihrer Konzerte und: Es klappte. Sie waren grundverschieden, aber sie verstanden einander. Zu diesem Zeitpunkt hatte Argerich schon aufgehört, allein aufzutreten: Nur noch mit Orchester oder mit Kammermusikpartnern gab sie Konzerte. Eine Einspielung von Schumanns ‚Kinderszenen‘, die ich produziert hatte, war ihre letzte Solo-Aufnahme gewesen. Nicht mehr unbegleitet auf die Bühne, nicht mehr unbegleitet ins Studio. Daran mussten sich die Musikliebhaber und -kritiker gewöhnen. Sie konnten fragen: „Warum?“ Aber sie bekamen keine Antwort.

Martha Argerich war mit dem Cellisten Mischa Maisky befreundet. Die Aufnahme von Beethovens Cellosonaten war unproblematisch verlaufen. Mir war klar, dass es mit den Violinsonaten nicht so einfach werden würde.

Damals dachte man, zumindest bei der ‚Deutschen Grammophon‘ in Zyklen. Die erste Gesamtaufnahme von Beethovens Sinfonien war 1963 bei der ‚Deutschen Grammophon‘ erschienen. Wir veröffentlichten eine Brahms-Edition, eine Kammermusik-Edition, eine Schubert-Lieder-Edition. Eine Edition nach der anderen. Vollständigkeit war unser Markenzeichen. Wir wollten den Sammler ansprechen und, klar, Umsatz machen wollten wir auch. Wir waren ja kein Staatsunternehmen, sondern wurden von unseren Anteilseignern danach bewertet, wie hoch unsere Rendite war. Heute klingt dieses Konzept wie aus einer fernen Zeit. Die Medienwelt hat sich ganz und gar verändert. Künstler verdienen nicht mehr so viel an ihren Aufnahmen wie an ihren Live-Auftritten. CDs werden immer weniger gekauft, Klassik will der Kenner vielleicht noch besitzen, Pop streamt sich der Fan einfach in die Kopfhörer.

Die Aufnahmen von Beethovens Violinsonaten mit Gidon Kremer und Martha Argerich begannen im Dezember 1984 in München. Ich hätte gern mit der ‚Frühlingssonate‘ und der ‚Kreutzersonate‘ angefangen, das sind die beiden Sonaten mit Eigennamen und deshalb die bekanntesten. Ich hatte gehofft, diese Wahl würde einen größeren Eindruck bei Presse und Publikum machen und so den Auftakt unterstreichen. Aus heutiger Sicht vielleicht vermessen, aber Gidon Kremer wollte sich sowieso nicht gleich zu Anfang die Rosinen aus dem Kuchen picken lassen, sondern der Reihe nach mit den drei ersten Sonaten op.12 beginnen.

Technisch gab es für die beiden Interpreten keinerlei Probleme und künstlerisch, soweit ich das mitbekommen habe, auch nicht. Gidon Kremer hatte Martha Argerich in Genf auf einige Tage besucht, sie hatten gemeinsam musiziert und ihre Linie gefunden. Beethovens Jugendwerke erfordern ohnehin mehr Spielfreude als geistige Durchdringung. Am schwierigsten war es, den Tagesverlauf zu konzipieren. Gidon Kremer ist Frühaufsteher, Martha Argerich Spätschläferin. Wenn er schon einen langen Spaziergang gemacht hat und beginnt, ungeduldig zu werden, trinkt sie ihren ersten Kaffee, um wach zu werden. Als Produzent muss man nicht nur die Noten kennen, sondern auch für gute Stimmung sorgen. Das gelang in diesem Fall weniger durch gutes Zureden als durch das vorzügliche Weihnachtsgebäck aus Münchens prominentester Confiserie, ein paar Schritte entfernt von der Residenz, in der die Aufnahme stattfand.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Während der nächsten Aufnahmenperiode war – immer der Reihe nach – die (für Kammermusik-Verhältnisse) populäre ‚Frühlingssonate‘ dann ohnehin dran und einige Jahre später war der Zyklus abgeschlossen: eine Art Meilenstein in der Geschichte der Kammermusik-Einspielungen.

Mit Emil Gilels habe ich an der Gesamtaufnahme von Beethovens Klaviersonaten gearbeitet. Die Termine für die letzten noch fehlenden Werke waren schon programmiert, da starb er in Moskau. Bernstein hat vor seinem Tod das ‚Tripelkonzert‘ nicht mehr aufnehmen können, weil Gidon Kremer sich auf Mischa Maiskys Interpretation nicht einstellen wollte, aber alle Violinsonaten von Beethoven gibt es auf ‚Deutscher Grammophon‘ mit den beiden weltberühmten Solisten Martha Argerich und Gidon Kremer für die ‚Ewigkeit‘ – was immer das im digitalen Zeitalter bedeutet.

Hamburg, 2. Juli 2018

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

18 Kommentare zu “Matinee

  1. Oh wie sehr ich Martha Argerich liebe! Eine hochspannende Frau und eine wundervolle Pianisten, ohne Frage. Wie gern würde ich sie einmal live auf der Bühne erleben!

    1. Da schließe ich mich an. Interessante Menschen zu treffen – und dann sogar mit ihnen arbeiten zu dürfen – ist doch das beste was einem passieren kann.

    1. Hahaha, Darum will die AfD am liebsten auch die Kunst einschränken. Sonst würde man vielleicht noch irgendwo lesen, sehen oder hören, dass das Leben nicht ganz so einfach ist wie propagiert.

  2. Sibelius sagte mal. Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur übers Geld. ist ihre Erfahrung ähnlich Herr Rinke?

    1. Reiche Künstler überlassen es ihren hochbezahlten Agenten, über Geld zu reden. Arme Künster verstehen es, sich zu verkaufen, dann werden sie auch reich, oder sie können oder wollen nicht kapitalistisch sein. Dann können immer noch ihre Nachkommen reich werden. In den Logen sitzen jedenfalls mehr Bankiersgattinen als Musikantenliebchen.

    2. Ah das ist natürlich einleuchtend. Als reicher Künstler kann man dann auch guten Gewissens behaupten Geldangelegenheiten interessieren einen nicht. Das regelt dann einfach der Manager. So macht’s Sinn.

    3. Schöne Theorie, aber welcher Künstler kann schon von seiner Kunst leben? Oder gar reich damit werden. Der Anteil dürfte sehr sehr klein sein.

    4. Und vor allem gilt immer noch was der große Brando einst angemerkt hat:
      Verwechsle die Höhe deiner Gage niemals mit der Größe deines Talents!

  3. Welcher Schauspieler wird berühmt, welcher Patentanmelder hat den Jahrhunderteinfall? Talent, Fleiß und Glück (Zeitgeist) müssen sich ergänzen. Welcher Lottospieler wird Millionär? Bei allem weniger als 1%. Aber wenn der einzelne nicht die Hoffnung hätte: „Ich schaffe das!“, lebte die Menschheit heute noch in Höhlen.

  4. So isses. Talent, Hartnäckigkeit, Einsatz, Schicksal (also günstige Gelegenheiten) müssen zusammenkommen. Den größten Teil davon kann man immerhin selbst beeinflussen…

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